Nawalny

Wer Politik betreibt, indem er politische Gegner heimtückisch vergiftet – und wir sprechen hier von einem (wiederholten) Fall, in dem die Spezifität des Wirkstoffs zweifellos mit voller Absicht eine einschüchternde „Signatur“ des Täters hinterlassen sollte -, der liefert damit ein Paradebeispiel für die recht weitgehende Unabhängigkeit der Intelligenz vom eigentlichen Bewusstsein. Wie meine ich das? Um mit Gift politische Botschaften zu schreiben, muss man technisch intelligent sein; und je nach richtig eingeschätzten Umständen kann es sogar strategisch und politisch intelligent sein, vor solchen horrenden Handlungen nicht zurückzuschrecken – wie beispielsweise die Geschichte des byzantinischen Reiches oder der Renaissance machiavellistisch betrachtet lehrt. Aber an der Grenze der Zuständigkeitsbereiche von Technik, Strategie und Politik endet die so beschriebene Intelligenz.

Das bedeutet: Der Übergang von der „bloßen“ Intelligenz zum höheren Bewusstsein ist gekennzeichnet durch die Erkenntnis, dass die Zuständigkeitsbereiche von Technik, Strategie und Politik Grenzen haben und dass das „wahre Leben“ (und auch schon, etwas simpler, das „gute Leben“) über diese Bereiche hinaus in einem Zusammenhang einer weitaus größeren und umfassenderen Art von Logik und Vernunft steht.

Man könnte sich sogar entscheiden, den Geisteszustand jener, die das nicht zu begreifen in der Lage sind, gar nicht als „echte Intelligenz im vollen, wahren Sinne“ anerkennen zu wollen, sondern ihn lediglich als die eigenartige (Fehl-)Leistung von Persönlichkeiten einzuordnen, die gleichsam das Schachspiel aus einem Brett mit vierundsechzig Feldern hinaus verlagert haben ins „wirkliche Leben“, und die angesichts der sich dabei erweisenden partikulären Vorzüge und Vorteile dieser Zweckentfremdung ihrer Nischen-Meisterschaft das große Ganze der Verfehltheit und der schweren Defizite eines solchen unpassenden Transfers nicht erkennen.

Was das Opfer im aktuellen Fall angeht, so sprechen wir über einen Juristen und Finanzwissenschaftler, der sich seit Jahren auf fast manisch wirkende Weise Popularität verschafft, indem er mit waghalsigem Mut ein autokratisches Machtgefüge in seinem Land angreift, vor allem an dessen breitem Zipfel der Korruption. Der Mann, von dem wir sprechen, ist nie durch irgendeine andere Art von Wertorientierung aufgefallen als durch Nationalismus, der sich von dem des Ziels seiner Kritik wenig unterscheidet. Es kann und darf nicht darum gehen, das Opfer zu idealisieren. Denn das würde bedeuten, dass er deshalb zu bedauern und sein Schicksal deshalb zum Anlass der Empörung zu nehmen ist, weil er ein besondererer und besonders guter Mensch ist. Ganz ohne über seine Person zu urteilen, bleibt festzustellen, dass dies kein Kriterium bei der Beurteilung eines Falles dieser Art sein darf.

Wer Politik betreibt, indem er politische Gegner heimtückisch – und im aktuellen Beispiel noch dazu „exemplarisch“ – vergiftet, handelt letztendlich äußerst unklug, weil er damit in enorm schädigender Weise die Grundlagen der Humanität zerstört, auf der menschliche Gesellschaften beruhen. Er wird mit einer solchen Handlungsweise langfristig (und sehr wahrscheinlich bereits mittelfristig) seinem Volk und seinem Land, denen er möglicherweise dienen zu wollen erklärt (und welche Absichtserklärung er möglicherweise sogar selbst wirklich glaubt), ausschließlich schweren Schaden zufügen.

Aber es kann eben kein Mensch über den ihm zum jeweiligen Zeitpunkt gegebenen Grad an Bewusstsein hinaus verantwortlich handeln. Um echtes Bewusstsein handelt es sich bei der „partiellen“ Intelligenz von Giftmördern gewiss in keinem Fall.

Programmänderung!

Wie aufmerksame Leser gemerkt haben, hat mein Blog soeben (nicht zum ersten Mal) einen neuen Titel bekommen: Aus „Neue Christliche Werte NCW+“ wird hiermit „Was bleibt vom Christentum“. Ohne Fragezeichen!

Nach der perfekten General-Überschrift werde ich wohl noch weiterhin vergeblich suchen. Am bisherigen Namen des vorliegenden Projektes hat mich selbst schon von Anfang an gestört, dass „Werte“ eigentlich kein echter Begriff der christlichen Tradition ist; in der kirchlichen Theologie spricht man stattdessen, z.B. in der Moraltheologie, traditionell von „Gütern“ – was von vielen Heutigen allerdings ebenfalls vielfach missverstanden wird. Und das Wörtchen „neu“ steht ja hier auch eher in provokativer als in streng deskriptiver Funktion, und der Autor kann nicht wissen, ob die Provokation als der positive Reiz verstanden wird, als der sie gedacht war.

In den letzten Jahren neige ich allgemein dazu, meinen Arbeiten vergleichsweise tendenziell weniger raffinierte Titel zu geben. In diese Tendenz ordnet sich auch „Was bleibt vom Christentum“ ein.

Schauen wir mal, wie’s damit läuft.

„Idiocracy“?

In der vielversprechend konzipierten, wenn auch meines Erachtens nicht gerade meisterlich umgesetzten Kino-Komödie „Idiocracy“ (USA, 2006) wird ein mit dem IQ-Wert 100 „genau durchschnittlich“ intelligenter heutiger Mensch, ein US-Soldat, laut militärischem Versuchs-Plan für die Dauer eines Jahres eingefroren, dann aber verschlampt und vergessen und erwacht nach rund einem halben Jahrtausend wieder in einer Welt, in der er mit Abstand der Intelligenteste ist.

Kommentieren möchte ich an diesem für meinen Geschmack mehr interessanten als guten Film vor allem den Vorspann, der satirisch erklärt, wie es zu dem der Handlung zugrundeliegenden Verlauf der Menschheitsgeschichte gekommen sei: Da in der Hochzivilisation nicht mehr Darwins „survival of the fittest“ gilt, „belohnt“ die Evolution einer entsprechenden Spezies nur noch die schiere Zahl an Nachkommen; weil jedoch genau die Intelligenten infolge der Gedanken, die sie sich über das Kinderhaben machen, von projektiver Zweifel-Geplagtheit und Besorgtheit in ihrer Familienplanung gebremst und gehemmt werden, wächst der Gesellschaftsanteil an „fruchtbaren“ Dummen kontinuierlich an – was zu einem unaufhaltsamen Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz führt, mit der Folge jener dystopischen Science-Fiction-Welt, auf welcher der Filmplot basiert.

Schauen wir uns diese humoristisch präsentierte Argumentation einmal mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit genauer an.

Das evolutionsbiologische Konzept „survival of the fittest“ kann sich auf die unterschiedlichsten Merkmale beziehen, je nachdem, auf welche Stärken eine Spezies in Abhängigkeit von ihren ökologischen Nischen „setzt“. Wenn postuliert wird, in einer „Über“-Zivilisation (wie angeblich unserer heutigen) sei die entsprechende „gesunde Selektion“ außer Kraft gesetzt, so ist echt wissenschaftlich zunächst sofort die Gegenfrage zu stellen, welche „Fitness“-Kriterien denn der Vertreter dieser Hypothese überhaupt in Betracht gezogen hat, und ob die von ihm abgefragte Auswahl solcher Kriterien die kreative Vielzahl der evolutions-ökologischen Möglichkeiten zu „sinnvollen mutativen Investitionen“, die die Art erhalten, hinreichend abbildet. Mit dieser Frage will ich hier nicht weiter in die Details gehen.

Außerdem ist eine geschichtliche Betrachtung anzustellen, deren Vektor sich bis zu einem gewissen Grad unschwer in die Zukunft hinein verlängern lässt: Schon der erste römische Kaiser Augustus fühlte sich kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung bemüßigt, durch mehrere Gesetzeserlasse, die erkennbar vor allem auf die damalige römische Oberschicht zielten, wie die „Lex Papia Poppaea“, die zölibatär Lebende explizit rechtlich benachteiligte, oder das „Ius trium liberorum“, das Familien mit mindestens drei Kindern bevorteilte, genau dasselbe Problem zu regeln, mit dem der im Vorliegenden zu besprechende Film sein Sujet unterbaut. Das historische augusteische Zeitalter mit seinen Nachwuchssorgen ist inzwischen gut zweitausend Jahre her – trotzdem hat die Intelligenz der Menschheit seit damals nicht erkennbar abgenommen.

Wenn man diese Beobachtung in unsere echte Zukunft hinein weiterdenkt, muss man feststellen, dass es zu einem Szenario wie dem im Film erfundenen real niemals kommen kann, weil bei einem Nachlassen des allgemeinen Intelligenz-Durchschnitts um nur zwei oder drei IQ-Punkte bereits innerhalb weniger Jahrzehnte der gesamte Betrieb unserer heutigen sensiblen zivilisatorischen Einrichtungen ins Wanken geraten würde; denn mindestens Personen, die sich auf das „Bug-Fixing“ in unserer Elektronik verstehen, müssen immer „engmaschig“ in erklecklicher Zahl vorhanden sein; Existenzen, die sich geistig sozusagen knapp oberhalb der Vegetationsgrenze bewegen, können das dabei Erforderliche nicht leisten.

Schließlich ist auf die „Epigenetik“ hinzuweisen. Deren Konzeptionsansatz – dass über unser physisches Schicksal nämlich nicht Gene allein entscheiden, sondern zusätzlich diverse nicht aus DNA bestehende Faktoren, die ein Gen aktivieren und es damit zur Auswirkung bringen, oder aber es „stummschalten“ – lässt sich philosophisch und spirituell auch noch in Richtungen ausweiten, in die einem strenge Biologen freilich nicht folgen werden. Intelligenz gilt derzeitigen Naturwissenschaftlern als sehr weitgehend genetisch disponiert und kaum durch andere Umstände beeinflussbar. Aber angesichts der weiterhin andauernden sehr dynamischen Entdeckungen auf dem Gebiet der Epigenetik darf man durchaus in Frage stellen, ob in Sachen Intelligenz auf streng empirischer Ebene wirklich schon das letzte Wort gesprochen wurde – von anderen, weniger streng empirisch belegbaren, aber vielleicht dennoch wirklichkeitsmächtigen Ebenen ganz zu schweigen.

Spirituelle Lehrer wissen es seit jeher mit großer Klarheit: Der wichtigste Lehrer im Leben eines Menschen ist das Leiden. Dieser Lehrer vermag Menschen Ungeheures zu lehren. Leiden ist nicht genetisch, Leiden wird gelernt – so seltsam das klingt. Leiden wird gelernt, weil es einen Sinn hat; und Leiden kann jeder lernen. Nur die Erlösung, die nach dem Leiden kommt und Leidensfähigkeit voraussetzt, folgt anderen Gesetzen. Dass unsere Zivilisation das Leidenspotenzial des Lebens abschafft, diese Hoffnung sollte sich in den letzten Jahrzehnten hinreichend als illusorisch erwiesen haben.

Weshalb für die Menschheit eine andere, bessere, sinnvollere Hoffnung durchaus besteht.

***

Es ist ja wahr: Wir erleiden seit langem eine mutwillige Verblödungswelle. Alles muss „for dummies“ formuliert werden. Medienredaktionen jeglicher Couleur lehnen spätestens etwa seit den Achtzigerjahren schon großzügig alles ab, was sie für ihr gemutmaßtes Publikum, ihre Zielgruppe, auch nur ansatzweise als zu anspruchsvoll erachten. „Bologna“-prozess-konforme Schulbildung, die Einheits-Lern-Bolognese-Soße der vergangenen (womöglich auch verlorenen) zwanzig Jahre, möchte Schülern aller Schularten nur noch die „Kompetenz“ vermitteln zu wissen, auf welchen Wegen man sich Kenntnisse zu diesem oder jenem Gebiet verschaffen müsste, wenn man sich darauf denn näher auskennen wollte. Man bekommt, nur leicht überspitzt gesagt, die „Eins“ in Mathematik nicht länger dafür, dass man eine Berechnung unter Anwendung des Satzes des Pythagoras selbständig richtig ausführen kann, sondern dafür, dass man in einem Multiple-Choice-Test auf die Frage, ob der Satz des Pythagoras etwas mit Betriebswirtschaftslehre, Mathematik, Fußballregeln oder Medizinethik zu tun habe, die richtige Antwort ankreuzen kann – denn wenn man das weiß, dann könnte man ja theoretisch nähere Erklärungen zu diesem Satz später bei Bedarf sachgerecht in einem Mathematikbuch suchen. Der Film „Idiocracy“ wäre in keinerlei Hinsicht der Rede wert, wenn er nicht thematisch präzis eine Narbe geißeln würde, die unseren „westlichen“ Gesellschaften schon seit langem weh tut, über welchem Schmerz wir aber schon seit Jahrzehnten die Lippen steif halten. Eine Kehrtwende steht allerdings nun, wie ich zu prophezeien wage, in nicht mehr allzu großer zeitlicher Ferne bevor. In der Covid-Krise z.B. hörten Anfang 2020 plötzlich ungeahnte Massen stundenlang einem Professor Drosten zu, dem man zutraut, durch die bloße wissenschaftliche Staubtrockenheit seiner Ausführungen das Coronavirus an Verdursten sterben zu lassen. Auf die an solchen Anzeichen zu erahnende Wende hin ist auch der vorliegende Blog in seinem unverdrossenen Mut zum Anspruch geschrieben.

Discretio Amazonia

Antonio Spadaro SJ, der Direktor von „La Civiltà Cattolica“, hat in seinem Medium heute einen langen Beitrag veröffentlicht, in dem er Einblicke ins Geistesleben seines Ordensbruders Papst Franziskus präsentiert, die er offenbar von diesem aus erster Hand erhalten hat.

Der Papst lässt durchblicken, dass er, gut ignatianisch, bei der Leitung der Kirche vor allem „discretio spirituum“ am Werk sehen will, „Unterscheidung der Geister“ („diakrís(e)is pneumáton“, 1Kor 12,10).

Die Amazonas-Synode habe sich in ihrer Dynamik zu sehr den Mechanismen der säkularen Demokratie angeglichen; daher habe er, Franziskus, dem Mehrheitsvotum der Bischöfe für die regionale Priesterweihe verheirateter Diakone nicht zustimmen können.

Selbst wenn die Hardliner in der Minderheit sind, ist eine Kirchenspaltung nicht hinnehmbar, wie sie in der Luft gelegen hätte, wenn Franziskus das synodale „Plebiszit“ durchgewinkt hätte. Einverstanden, das ist ein gutes, starkes Argument.

Das säkulare Modell der Demokratie ist für den Staat da – ansonsten erst mal für gar nichts anderes. Für den vergleichsweise ganz andersartigen und viel stabileren Geist der Einheit, der der „discretio“ entspringt, steht die römisch-katholische Kirche: „Ut omnes unum sint“, Joh 17,21. So weit, so gut.

Allerdings sind es gerade die Hardliner, die diese klassisch-vatikanische Argumentationsstruktur mindestens über die letzten Jahrzehnte hinweg in vielerlei Hinsicht sehr weltlich-politisch ausgenutzt und auch regelrecht missbraucht haben, man kann es nicht schonender sagen. Auch „an sich“ richtige Argumentationen werden durch diese Art ihres Missbrauchs desavouiert; und so sind diejenigen, die ihre Macht durch dreisten Argumentationsmissbrauch ausgesprochen schlecht verantworten, als letztendlich verantwortlich dafür zu bezeichnen, dass wegen der Infamie dieser „Kontamination“ (schwäbisch-verharmlosend „Gschmäckle“) ihre ohnmächtigen Gegenüber in den Tiefen der Laienbasis im römisch-katholischen „Unten“ irgendwann auch einige der tragendsten Denkmodelle jener Einheit, nach deren Bewahrung alle Beteiligten „eigentlich“ glaubhaft streben, nicht länger unterstützen mögen.

Ein positives Zeichen ist ja schon, dass der Papst sich überhaupt rechtfertigt, was er ja der internen Kultur seiner Kirche zufolge überhaupt nicht müsste. Andererseits: Warum kam seine bedeutsame Erläuterung zu „Querida Amazonia“ nicht „gleich“ und nicht direkt, sondern erst jetzt und via Spadaro?

Nun ja.

#TheoBloggerInnen

Heute war das dritte Netzwerk-Treffen für theologische Blogger*innen der Evangelischen Akademie im Rheinland (#TheoBloggerInnen), an dem ich zum ersten Mal teilnehmen konnte, denn im Unterschied zu den vorangegangenen Jahren fand es wegen Covid als Videokonferenz statt.

Live-Treffen sind super und tun gerade Online-Arbeitern gut – trotzdem sollte parallel dazu das virtuelle Format bitte unbedingt beibehalten werden; denn viele Zielgrüppler werden, so wie ich, oft nur auf diese Weise überhaupt teilnehmen können.

Erheblichen Anteil am Inhalt hatte die Frage, wie sich die Theologie in den digitalen Sozialen Medien verändert. Theologie als reiner „Top-Down“-Prozess, bei dem das kirchliche Amt und die formal-akademische Theologie „Top“ sind – das ist in seiner herkömmlichen Form passé, da waren sich alle einig.

Ich brachte angesichts dessen allerdings die Frage nach der theologischen Qualitätskontrolle auf, und diese Frage stieß auf sehr viel Resonanz.

Gravitationszentrum unseres Bloggens ist die Pilatus-Frage (Joh 18,38), so würde ich es sagen. Das sehen zwar nicht alle so, aber doch die Meisten – und nicht nur die Konservativen.

Im Gespräch zwischen @KlausKuenhaupt (Pfarrer in Merzig, Saarland) und mir entwickelte sich, nachdem ich Theologen mit Ingenieuren verglichen hatte, die Metapher: „Wenn der Ingenieur am Ende mutterseelenallein auf der perfekten Brücke steht, die er gebaut hat, dann sollte er wohl anfangen, sich eine ganz andere und neue Art von Fragen zu stellen.“

Hagia Sophia

Die Hagia Sophia ist nach 85 Jahren als Museum wieder eine Moschee. „Jetzt zehrt Erdogan die populistischen Notgroschen auf“, schrieb der prominente Journalist Deniz Yücel am 10.07.2020 in der „WELT“. Treffender kann man die politische Seite des Vorgangs kaum auf den Punkt bringen.

Mit dieser Feststellung allein aber lässt sich die Klärung der Sache geistig noch nicht befriedigend erledigen. Der Fall Hagia Sophia wirft die Frage auf, ob und inwieweit sich Religiöses und Politisches überhaupt voneinander trennen lassen. Dass diese Frage schon mehrfach in der Kulturgeschichte gestellt wurde, dürfte bekannt sein. Sie bleibt schwierig.

Denn wer jetzt einseitig erklärt, die Causa Hagia Sophia müsse man ganz klar in erster Linie politisch einordnen, fährt in Wirklichkeit gar keine gültigen Argumente gegen ihre Funktion als Moschee auf, weil er die religiöse Dimension und Argumentationsebene im Grunde schlicht ignoriert, weil er sie nicht wirklich ernst nimmt.

Die Hagia Sophia wurde zu dem doppelten Zweck erbaut, die Macht des oströmischen Kaisers Justinian zu symbolisieren, und zugleich durch „überirdische“ Architektur die Herzen der in diesem Raum Liturgie Feiernden zu Gott zu erheben. Zu Justinians Zeit war es völlig unüblich, zwischen diesen beiden Zielsetzungen einer sakralen Architektur akademisch zu unterscheiden. Anders als ein überwiegender Teil des Christentums hat der Islam diese kulturgeschichtlich ursprüngliche Nicht-Trennung zwischen Staats- und Religions-Institutionen ungebrochen weiterpraktiziert.

Es ist unangemessen, so zu urteilen, als könnte sich ein heutiger Muslim nicht auf einer religiös ernstzunehmenden Bewusstseinsebene darüber freuen, im Innenraum der Hagia Sophia sein Gebet verrichten zu können – so, wie es Christen dort ein knappes Jahrtausend lang taten, und wie es danach übrigens auch Muslime in diesem Raum bereits einmal für ein knappes halbes Jahrtausend getan haben. Ein Streit darüber, ob – zumal „vor demselben Einen Gott“! – ein knappes Jahrtausend, das schon länger her ist, mehr gelten soll als ein knappes halbes Jahrtausend, das kürzer her ist, wäre ein Streit auf demselben kümmerlichen Niveau, auf dem Erdogan Politik macht.

Ich bin grundsätzlich dagegen, dass sakrale Räume zu Museen werden, und ich will erklären warum. Jede Umwandlung eines Sakralraumes in ein Museum ist eo ipso eine positivistische Infamie gegen den Geist des Religiösen, ohne dessen Authentizität all diese Räume schlicht bedeutungslos sind – egal wie hübsch ihre Architektur und Innenausstattung sein mag.

Ich bin überzeugt, dass wir noch gar nicht alle einzelnen Anwendungsbereiche des berühmten „Böckenförde-Diktums“ angemessen erfasst haben: Nicht nur „der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, sondern beispielsweise auch für politische Parteipositionen und Parteiprogramme gilt dieselbe Doktrin. Das ist eine Ebene, auf der die Trennung von Religion und Politik niemals möglich ist. Wohlweislich lautet darum das zu begrüßende Prinzip, das in Deutschland und einigen anderen Ländern praktiziert wird, „Trennung von Kirche und Staat“: Nur diese lässt sich nämlich garantieren – die Trennung von „Religion und Politik“ hingegen nicht.

Zweifellos ist Erdogans Vorgehen Politik auf niedrigstem Niveau. Und zweifellos täte es der modernen Türkei gut, nicht von ihrer bisherigen Trennung zwischen politischen und religiösen Institutionen abzufallen. Das kann man kritisieren und das sollte man kritisieren – ganz besonders am Beispiel Hagia Sophia.

Dass in diesem überragend bedeutsamen Sakralraum endlich wieder öffentlich gebetet wird, das kann ich hingegen grundsätzlich nur begrüßen. Religionen – egal welche! – gehören nicht ins Museum.

Viel Lärm um Aleida Assmann

Der aktuelle Assmann-(Mbembe-)Streit trägt für mich den deutlichen Zug eines Indizes, dass auch bislang als seriös bekannte Gesellschaftswissenschaftler nun zunehmend der allgemeinen Tendenz der gegenwärtigen soziokulturellen Dynamiken erliegen, alle (ehedem) sachlichen Urteilsstandpunkte in emotional und ideologisch hoch aufgeladene persönliche Identifikatoren umzuformen.

Warum denn sollen Nichtjuden überhaupt keine Meinung zu jüdischen Belangen öffentlich äußern dürfen? Warum denn soll Kritik am Staat Israel, die strukturell der Kritik an der Politik anderer Staaten vergleichbar ist, grundsätzlich nicht von Antisemitismus unterschieden werden dürfen? Diese implizit und manchmal sogar explizit geäußerten Forderungen sind unbefangen besehen absurd, und das Irritierende daran, dass sie von manchen akademisch Geschulten heute überhaupt aufgestellt und vertreten werden, lässt meines Erachtens nur eine Erklärung zu: Höchstpersönliche gedankliche Identitätssuche überlagert inzwischen in krassem Maße ubiquitär alles andere – gelegentlich sogar die berufsakademische Selbstverpflichtung auf wissenschaftliches Objektivitätsbemühen und die nüchterne Vernunft derer, die in dieser Vernunft formell qualifiziert sind.

Was man relativieren muss, taugt nicht mehr als Panier. Zuordnungen, die man differenzieren muss, erlauben keine befriedigenden Feindbilder mehr. Auch das Milieu der berufsmäßigen Intellektuellen ist inzwischen in erschreckendem Ausmaß von diesem polemischen Wahn ergriffen. Das ist zwar kein noch-nie-dagewesenes Phänomen – aber immer, wenn es geschichtlich auftrat, war es ein Vorbote schwerster globaler Mehr-Ebenen-Krisen.

Ich möchte nicht einzelne Formulierungen im momentanen Gelehrtenstreit um die Äußerungen von (zentral) Aleida Assmann bekritteln – bei denen es manchmal offenkundig von nichts anderem mehr als vom individuellen Wohl- oder Übelwollen abhängt, ob man darin „Antisemitismus“ findet oder nicht -, sondern ich möchte das große Ganze des Problems im Blick behalten, das sich mit und hinter dieser Debatte verrät.

Ein traditionelles und, was besonders bemerkenswert ist, auch nach dem Holocaust nicht ersticktes Charakteristikum der jüdischen Geisteswelt, das mich schon immer sehr angesprochen hat, wird skizziert durch das einigermaßen bekannte Bonmot, es sei schon ein Staunen wert, dass das Judentum ein so konkret greifbares kulturelles Phänomen sei, obwohl es doch „schwer sei, zwei Juden zu finden, die über irgendeinen Gegenstand derselben Meinung sind“. In nichts drückt sich für mich vortrefflicher eine echte souveräne Identität aus. Die gesamte geistige Hefe der derzeitigen erhitzten Debatte um Frau Assmann et al. ist von dieser Qualität leider Welten entfernt.

Innerhalb wie außerhalb der jüdischen Welt gleichermaßen scheint es derzeit eine beträchtliche Anzahl öffentlich-medialer Debattenteilnehmer zu geben, deren Haltungen und kommunikative Verhaltensweisen des Reflexionsimpulses, den ich hiermit zu geben mir erlaube, dringend bedürfen.

Freilich ist für mich klar: Wer noch nie auch nur probativ zu dem innerlichen Punkt vorgedrungen ist, seine wahre Identität in einer ganz anderen Seins-Dimension zu suchen als in der jeglicher Gedanken und Meinungen, welchen Inhalts auch immer, wird kaum in der Lage sein, diesen meinen Reflexionsimpuls ergiebig zu rezipieren. Damit kommt wiederum die Spiritualität ins Spiel – die natürlicherweise kein Gegenstand des wissenschaftlichen Bewusstseinshorizonts als solchen ist.

Sondern die bestenfalls Teil des persönlichen Horizonts einzelner Wissenschaftler werden kann. Dass letzterer Fall an Häufigkeit kontinuierlich zunimmt, bleibt zu hoffen.

Fronleichnam – nicht immer; Gastein – überall

„Heute“ vor genau 140 Jahren malte Adolph von Menzel die Fronleichnamsprozession in Hofgastein. Das Bild ist eines der großen Meisterwerke der Malerei, es befindet sich in der Münchner Neuen Pinakothek, wo es mich schon als vielleicht zehnjähriges Kind kulturbeflissener Eltern immer wieder besonders ansprach.

Der Name „Bad Gastein“ ist zweifellos bekannter als „Hofgastein“. Hofgastein ist der alte Ort im Salzburger Pongau. Durch und um die ihm nahegelegenen Heilquellen entwickelte sich seit dem sechzehnten Jahrhundert ein therapeutischer Badebetrieb, der im neunzehnten Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte und seitdem immer stärker mit dem traditionellen dörflichen Leben Hofgasteins in ein soziales Spannungsverhältnis zu treten begann. Das internationale städtische Kur-Publikum des vorgerückten neunzehnten Jahrhunderts warf auf das lebendige katholische Brauchtum der Pongauer jene wenig respektvolle, amüsierte Art von Blick, mit der man „Folklore“ betrachtet, einen Blick, der ein beträchtliches Verletzungspotential enthält gegenüber allem, was sich nicht selbst leichthin als „bloßes Brauchtum um des Brauchtums willen“ verstehen möchte.

Das im dreizehnten Jahrhundert erfundene Fronleichnamsfest ist als Zelebration der Transsubstantiationslehre das „Ideenfest“ par excellence, eine doktrinär gesteigert aufgeladene Selbstverklärung der hochscholastischen Sakramententheologie. Ausgerechnet diese extreme theologische Abstraktion wurde im neunzehnten Jahrhundert zum Kristallisationspunkt der konfessionellen Selbstidentifikation eines unakademischen religiösen Milieus – und ein frühmodernes großbürgerliches Milieu, das sich der Begrenztheit seines eigenen kulturellen Horizontes nicht bewusst war, welcher sich bei Menzel symbolisch in der bräsigen Leibeswohlergehens-Zentriertheit affluenz-behäbig inszenierten Thermalbadens erschöpft, machte sich in der felsenfesten Überzeugung seiner inkommensurablen Überlegenheit über die vermeintlich rückständige „ländlich-bäuerliche Aberglaubens-Kultur“ lustig, ohne objektiv betrachtet genügend Grund zu solchem Dünkel zu haben.

Genau diese subtile Wahrnehmung fängt Menzels bahnbrechender Realismus in dem Gemälde von 1880 bildhaft ein: Von links oben aus dem Hintergrund kehrt die Fronleichnamsprozession zur Dorfkirche zurück; auf halber Höhe des Bildes biegt sie zum Gotteshaus hin ab, dessen Eingang am rechten Rand zu erkennen ist; knapp links der Bildmitte trägt der Priester die Monstranz unterm Baldachin; er hat sie aber nicht allzu hoch erhoben, sondern beugt sich fast eher wie schützend über sie; während vor ihm schon einer der reich geschmückten Fahnenträger den Flaggenstock gesenkt hat, um durch den Torbogen des Kirchhofsgatters eintreten zu können. Im Vordergrund rechts ist die Gruppe der als Gäste zur Kur weilenden „Kosmopoliten“ zu studieren, die das Ereignis sichtlich ohne jede seriöse Anteilnahme wie ein seichtes Unterhaltungsangebot in der Langeweile ihres Genesungsaufenthaltes (aufgrund welcher mehr oder weniger eingebildeten Leiden auch immer) registrieren; mindestens eine dieser Personen quittiert das Schauspiel sogar mit einem Gesichtsausdruck unverkennbaren Hohns und mit einer ostentativ flegelhaften Haltung; dieser dandyhafte Mann, in seinem schönen hellbraunen Sommeranzug gleichsam ungebührlich die rechte Bildmitte okkupierend, ist zudem die einzige Gestalt, die den Maler direkt anblickt, indem er sich vom soeben relativ dicht an ihm vorbeigetragenen Sakrament in provokativem Desinteresse abwendet.

Neben ihm steht nur noch ein weiterer Repräsentant der Zugereisten näher am religiösen Geschehen; dieser, etwa gleichen mittleren Alters wie der Vorige, in einen hellen grauen Anzug gekleidet, wendet sich zwar in einer würdevollen Gebärde kühler Höflichkeit dem vorüberschreitenden und ohne eine Aura frischer Leichtigkeit, wohl erschöpft, soeben einige Stufen des Kirchhügels erklimmenden Priester zu – aber auch der Blick dieses „diplomatischeren“ distanzierten Zeugen richtet sich nicht auf die in den Händen des Geistlichen ausgestellte Hostie, sondern der Kopf dieses Besuchers ist zur Seite gewendet und betrachtet etwas, das sich gleichzeitig im linken Vordergrund des Bildes darbietet.

Dort nämlich sieht man, für den Bildbetrachter in Rückenansicht, zwei trotz ihrer Zerlumptheit an den dürftigen Rudimenten ihrer Bauerntracht als einheimisch erkennbare Männer, einen alten und einen jungen, vielleicht Vater und Sohn, der Ältere auf Krücken mit einem schwer untüchtigen, verbundenen Fuß, der Junge trotz des hohen Feiertages barfuß vor dem Allerheiligsten kniend – zu offensichtlich ist, dass er keine Schuhe besitzt, geschweige denn einen Festtagsrock. Der im grauen Anzug ist gewillt, dem ihm fremden Kult mit einigem echt aufmerksamem Wohlwollen beizuwohnen – aber der ihm nicht entgehende Anblick der marginalisierten Armut am Rande des Prozessionsweges lenkt ihn ab, und die stille Empörung kann in ihm nicht fern sein darüber, dass hier zwei, denen es offenbar um ihren Gottesglauben ernst ist, sich aufgrund des Stigmas ihrer materiellen Bedürftigkeit vom Rest ihrer frommen Gemeinde wie Aussätzige absondern zu müssen meinen, was die drängende Frage aufwirft, ob diese unglückliche Familie ihr separatives Verhalten aus reiner schamerfüllter Subjektivität an den Tag legt, oder ob nicht die stolze katholische Bauerngemeinde womöglich sehr wenig dazutut, diese Armen vom Gefühl ihrer krassen Ausgeschlossenheit zu entlasten.

Für mich ist und bleibt Menzels „Fronleichnamsprozession in Hofgastein“ ein aufwühlendes Bild, das ein ganzes Panorama an Kontroversen zwischen verschiedenen Perspektiven auf ein dem ersten täuschenden Blick problemlos-frühsommerheiter erscheinendes Geschehen meisterhaft bündelt. Der längst berühmte Maler der Hofgasteiner Szene von 1880 war ein zu diesem Zeitpunkt bereits fünfundsechzigjähriger, durch und durch von preußischen Idealen bestimmter Protestant, der nie zuvor mit einem ähnlichen Thema an die Öffentlichkeit getreten war. Virtuos unaufdringlich-eindringlich prangert er in seinem Bild die Unmenschlichkeit eines starren Ritualismus ebenso an wie die unerträglich blasierte Ignoranz all jener, die, auf wackeliger Grundlage welcher ideologischen Rationalisierungen auch immer, alle „gleichermaßen schnell fertig sind mit dem Geheimnis Gottes“, wie Tomáš Halík es einmal (am Anfang seines erfolgreichsten Buches) treffend formuliert hat. Menzels Bild erinnert uns daran, dass die Probleme, die die traditionelle christliche Kirchlichkeit in unserer eigenen Zeit am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts endgültig zu pulverisieren scheinen, bereits vor anderthalb Jahrhunderten erkennbar begonnen haben – und dass schon damals ein beobachtungsgeübtes Auge erkennen konnte, dass wesentliche Ursachen dafür von beiden Seiten beigesteuert wurden, von der kirchlichen wie von der weltlich-kulturellen Seite gleichermaßen.

Man kann nur hoffen, dass der Branca-Bau der Neuen Pinakothek, der derzeit aufwändig renoviert wird, bald wieder viele Menschen zur Meditation vor Kunstwerken wie diesem einladen möge, die uns typischerweise im Spiegel des geschichtlich radikal kontingenten Miniaturhaften, das sie vorführen, überraschende und berührende Einsichten in unser eigenes gegenwärtiges menschliches und gesellschaftliches Dasein zu eröffnen vermögen.

Pest und Mystik

Der prominente tschechische Theologe Tomáš Halík hat in seinem Statement zur Corona-Krise („Christentum in Zeiten der Krankheit“) erwähnt, wie der spätmittelalterliche Quantensprung der Mystik durch das Abendländische Schisma zwischen den römischen und den avignonesischen Päpsten (1378-1417) katalysiert wurde: Die beiden Päpste belegten die Anhängerschaften des jeweils anderen mit dem Interdikt, dem Verbot gottesdienstlicher Handlungen als Strafe für Verstöße gegen das Kirchenrecht; infolgedessen fanden damals europaweit vielerorts keine Gottesdienste mehr statt – und dies wiederum zog eine beträchtlich dynamisierte Entwicklung der christlichen Mystik als einer verinnerlichteren Form der Gottesbeziehung nach sich.

Halík verwendet diese historische Reminiszenz mit Blick auf die hygienischen Kirchensperrungen des Frühjahrs 2020 als ein Zeichen für die besonderen Chancen der Mystik in Zeiten eines zurückgedrängten Formalismus der Religion. So sehr mich dieser Gedanke spontan anspricht, muss man doch noch einmal genauer hinter Halíks Argument blicken:

Das späte vierzehnte Jahrhundert war die düstere Epoche einer mindestens doppelten europaweiten Katastrophe, von der das Abendländische Schisma nur die eine, reiner kulturelle Hälfte bildete. In der Folge des Jahres 1347 hatte die große Pest, der „Schwarze Tod“, möglicherweise fast die Hälfte der gesamten europäischen Bevölkerung dahingerafft – ein vermutlich auch innerhalb einer spezifischen Weltgeschichte der Pandemien beispielloses Ereignis.

Dem Historiker muss ins Auge stechen, wie Halík als Illustration eines Manifestes, das die Gegenwart der Corona-Krise thematisiert, das vierzehnte Jahrhundert evoziert, ohne dabei dessen am meisten gestaltgebendes Hyper-Ereignis der Pest in den Blick zu fassen, obwohl dieses sich dem Epochen-Vergleich doch mehr als anzubieten scheint. Das wirkt geradezu wie eine Ellipse oder Aposiopese.

Wir können das Wesen der verschiedenen möglichen tieferen Zusammenhänge zwischen der Pest von 1347 und dem dreißig Jahre späteren Abendländischen Schisma nicht zuversichtlich behaupten. Vermutlich ist es kein Zufall, dass die zweite Pest-Generation mit der schon seit 1309 bestehenden avignonesischen Herausforderung des Papsttums weniger diplomatisch subtil und geschickt umging als zuvor, wo man ein entsprechendes Schisma zunächst trotz aller Probleme fast siebzig Jahre lang noch vermieden hatte. Es ist nicht abwegig, die vergleichsweise unbeherrschteren Konfrontationen von 1378 auf einen allgemeinen Kulturwandel zum Gröberen zurückzuführen, der seinerseits wiederum auf vielfältigen Wegen den Folgen der Pest zuzuschreiben ist (z.B.: „durchschnittlich jüngere und weniger selektierte Verantwortungsträger, da sozusagen nur noch eine halb so große Grundgesamtheit als Grundlage für die Personalauswahl vorhanden“ – ich verweise hierzu auf das Buch von David Herlihy „The Black Death and the Transformation of the West“, 1997). Streng wissenschaftlich betrachtet bleiben solche Zusammenhänge jedoch allesamt Spekulation.

Diese Überlegung kann trotzdem für die Gegenwart und ihre Auseinandersetzung mit Halíks Impuls als fruchtbare Denkanregung dienen: Möglicherweise gibt es gar keine direkte, „simple“ Verbindung zwischen einer Pandemieerfahrung und einer Blüte der Mystik – wohl aber eine Verkettung über ein Zwischenglied, nämlich über die komplexen soziokulturellen Folgen einer Pandemie.

Weshalb könnte diese Überlegung für uns wichtig sein? Wer, wie ich und viele andere, hoffnungsvoll erwartet, dass die Menschen „nach Corona unmittelbar (wieder) spiritueller“ werden, riskiert möglicherweise aufgrund Naivität eine unnötige Frustration – oder auch ein wirkungsloses vorschnelles „Verschießen seines intellektuellen Pulvers“: Es kann nämlich sein, dass aufgrund der Corona-Krise zwar sehr wohl eine neue Stunde der Spiritualität (und insbesondere eine neue Stunde der Mystik in der Spiritualität) schlägt – aber vielleicht erst in fünf oder zehn Jahren, wenn die besagten eigentlich soziokulturellen Folgen sich zu entfalten beginnen, die sich bedeutend langsamer fortpflanzen als Viren – sogar noch langsamer als die globalökonomischen Domino-Effekte von Shutdowns und Lockdowns.

Dass es ganze dreißig Jahre werden könnten (wie hypothetisch-symbolisch zwischen 1347 und 1378), das erwarte ich persönlich dann allerdings doch eher nicht.

Nachtrag zum Thema „Rechte und Verschwörungstheoretiker“ (siehe vorheriger Beitrag)

Meine Frau hat mich soeben darauf hingewiesen, dass es neben den „Rechten“ und den „Verschwörungstheoretikern“ vermutlich noch eine (zumindest aus deren eigener Sicht völlig andersartige) dritte Gruppe gibt, die jetzt gegen die staatlichen Anti-Virus-Maßnahmen demonstriert: die Ignoranten, die sich einfach nicht vorstellen können, dass es ein gefährliches Virus gibt, das sie nicht sehen können und an dem auch noch keiner, den sie persönlich kennen, gestorben ist. Meine Frau äußerte die Vermutung, diese dritte Gruppe sei eigentlich sogar die bei weitem größte. Interessant und bedenkenswert. Allzu viel Interessantes zu sagen oder zu schreiben gibt es über Ignoranz allerdings nicht.

Sind alle Rechten und Verschwörungstheoretiker „einfach blöd“? Nein, es ist (etwas) komplizierter

Wenn man einem Fünfjährigen das Versprechen abnimmt, etwas Unerwünschtes nicht mehr zu tun, mag man für einen ruhigen pädagogischen Moment vielleicht nicht ganz zu Unrecht glauben, auf die Vernunftfähigkeiten des Kindes bereits bis zu einem gewissen Grad bauen zu können; aber sobald er das nächste Mal mit einer Bande Gleichalteriger in „Tobsucht“ gerät, kann sein Versprechen sehr leicht wieder völlig vergessen sein, wie der Junge selbst hinterher womöglich ganz treuherzig bekennt: Der soziale und stimmungsmagische Einfluss mancher Situationen ist einfach zu stark, als dass das moralische Gedächtnis ihm Widerstand leisten könnte. Alle Eltern kennen dieses Phänomen. Es hat natürlich mit der Unreife des Kindes zu tun, nicht mit schlechtem Charakter.

Wenn sich (und mich) dieser Tage viele fragen, ob denn alle, die derzeit in die abstrusesten Verschwörungstheorien verfallen oder sich überraschend und völlig unerwartet in ihren Äußerungen auf diffuse Weise als „politisch rechts“ entpuppen, „blöd“ sind, dann fällt mir als Antwort nur der Verweis auf mein Beispiel mit dem Fünfjährigen ein; mit anderen Worten, ich glaube, die Sache hat vielmehr etwas mit einer Dimension der Persönlichkeitsentwicklung und -festigung zu tun, die weit über die Dimension unseres primären landläufigen Verständnisses von „Intelligenz“ – „blöd oder schlau?“ – hinausreicht.

Ich sehe Verschwörungstheorien und politische ausgesprochen „rechte“ Positionen (mit einer definitorischen Grenze dicht jenseits der CSU und knapp diesseits der AfD – Kusshändchen, Markus S.!) grundsätzlich als Ausdruck einer „Persönlichkeitsunsicherheit“ an. Dieser Eindruck verstärkt sich gerade in bisher nie dagewesener Klarheit durch die derzeit zunehmende Offensichtlichkeit der engen natürlichen Verbindung zwischen „verschwörungstheoretisch“ und „rechts“.

„Schuld“ an dem, was in den betreffenden Köpfen und Seelen vor sich geht, ist nur in einer Minderzahl der Fälle ein Mangel an genetisch veranlagter Intelligenz; auch nicht übermäßig häufig ein biographisches Defizit beim früherzieherischen oder schulischen Erlernprozess der grundsätzlichen methodisch richtigen Gebrauchsweise der Vernunft; sondern in den weitaus meisten Fällen meines Erachtens vielmehr etwas auf ganz andere Weise zu Beschreibendes, nämlich eher so etwas wie eine Schwäche in der Verankerungstiefe des tatsächlichen situativen „Einsatzes“ der Vernunft, der nicht stabil genug in der Persönlichkeit befestigt ist. Siehe Fünfjähriger: „Es beißt einfach aus“ mit der Vernunft, in bestimmten Situationen. Bei einem Erwachsenen fragt sich da natürlich: Wie kann das in diesem Alter immer noch passieren?

Nun, es ist keine Frage des Alters, sondern nach meinem Dafürhalten wesentlich eine Sache von „Traumata“, oder, weniger klinisch gesprochen, einfach von „Schocks“.

An dieser Stelle möchte ich vorausschicken, dass es mir bei meinem hier ja ganz offensichtlich vollzogenen „Psychologisieren“ der betreffenden weltanschaulichen Positionen nicht darum geht, diese zu „pathologisieren“. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Dazu ein sehr kurzer, aber sehr grundsätzlicher Ausflug in die Philosophie: Diese vermag nicht überzeugend zu entscheiden, ob es einen „freien Willen“ im Menschen gibt oder nicht – aber eine lebenspraktische Feststellung lässt sich zu diesem Thema dennoch zweifelsfrei treffen, nämlich dass wir zwangsläufig so leben müssen, „als ob“ es einen freien Willen gäbe, weil die gegenteilige Annahme schlicht keine realistische Basis für eine funktionierende menschliche Gesellschaft bildet. „Verschwörungstheoretiker“ und „Rechte“ müssen also ungeachtet der massiven psychologischen Probleme, die ihren Äußerungen sehr wahrscheinlich zugrundeliegen, für ihre Weltanschauungen trotzdem klar in die Verantwortung genommen werden. Wir sind alle nur Menschen, und anders geht menschliches Miteinander eben nicht. (Genau darüber sollten wir übrigens auch nochmal gründlich reden, solange sich bei uns Strafrichter nahezu regulär von psychologischen Gutachtern „kastrieren“ lassen – oder war das jetzt etwa eine „rechte“ Äußerung? Ich behaupte nein; sondern das Recht auf ein Gerichtsurteil, das uns nicht pathologisiert, sondern uns für „sühne-satisfaktionsfähig“ erklärt, ist ein wichtiger Teil unserer Menschenwürde. Aber das ist ein eigenes umfangreicheres Thema, das wir hier für den Moment beiseite lassen wollen.)

Trotzdem: Wir sollten nicht verkennen, meine ich, dass unsere derzeit aufblühenden „Verschwörungstheoretiker“ und „Neu-Rechten“ (die man passender- und ironischerweise fast als die nächste historische Welle von „Märzgefallenen“ bezeichnen könnte) maßgeblich Opfer eines „Traumas“ oder jedenfalls eines „Schocks“ sind, die eine Persönlichkeits-Instabilität in dieser kruden Form offenbaren. Anders gesagt: Warum war ein Heidegger Nazi? An seiner „Intelligenz“ lag es ja sicher nicht.

Interessant ist nun: Bei uns bestand dieses „Trauma“, dieser „Schock“ ja bisher in nicht mehr als höchstens acht Wochen Ausnahmezustand, in denen den weitaus Meisten von uns zudem ja effektiv nicht viel wirklich Schlimmes zugestoßen ist. Im Grunde nur relativ wenige von uns haben beispielsweise bisher durch die Seuche enge Angehörige in einer jähen Weise, auf die sie nicht vorbereitet waren, „mitten aus dem Leben heraus“ verloren. Die aktuellen enormen Zulaufzahlen von Verschwörungstheorien lassen sich mit solchen „handfesten“ Schicksalserfahrungen jedenfalls eindeutig nicht erklären. Die Gründe dafür müssen viel stärker im Inneren, in reinen Binnen-Zusammenhängen der Psyche der Betreffenden liegen. Im Falle eines solchen Massenphänomens muss man angesichts dessen gewiss die Frage stellen, inwieweit ein kultureller Zustand an diesem Phänomen mitbeteiligt ist.

Heideggers Generation hatte den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 hinter sich, als sie scharenweise den Nazis in die Arme lief – und bei uns reichen, mal sehr provokativ formuliert, bereits sechs oder acht Wochen „nationaler Sonderurlaub“, damit „alle durchdrehen“? Ich will die Belastungen der letzten zwei Monate nicht kleinreden; aber der Vergleich ist dennoch frappierend. Was, bitte, hat denn da soeben innerhalb von zwei Monaten bereits ausgereicht, in gewissem Sinne ein Volk als solches zu „schocken“ oder gar zu „traumatisieren“?

Sind wir im Laufe der letzten 65 Jahre „luxuskrank“ geworden? Leiden wir inzwischen an „Affluenza“ mehr, als wir je wieder unter irgendeiner Influenza leiden werden? Besteht diese Krankheit darin, dass wir kaum noch Resilienz-Ressourcen gegen echte (nicht nur boulevard-philosophisch herbeigeplapperte) Krisen haben? Besteht sie gleichsam in einer „moralisch-kulturellen Immunschwäche“ aufgrund eines jüngsthistorischen Mangels an „Zwischenfalls-Erfahrung“? Diese Fragen lassen sich im Mai 2020 nicht von der Hand weisen.

Übrigens: Eine Persönlichkeitsentwicklung, die den tatsächlichen Einsatz der individuell verfügbaren Vernunft stabil in der jeweiligen Persönlichkeit verankert und gewährleistet, sehe ich als notwendig in Spiritualität gründend an. Für mich ist, „natürlich wieder einmal“, das, was ich „echte Spiritualität“ nenne, der Schlüssel sowohl zur Erklärung wie auch zur Lösung des Problems.

Eine andere Art von Geschichte

Ich habe das Thema neulich schon touchiert: Auch unser Bild von der Geschichte könnte sich infolge der Coronavirus-Krise verändern – und zwar schlicht indem sich der Aufmerksamkeitsfokus unseres historischen Interesses verändert. Bisher waren unsere dominierenden geschichtlichen Fragestellungen sehr stark von der Erläuterung politischer Hergänge geprägt. Damit gewinnt nahezu automatisch die jeweils jüngere Geschichte Übergewicht gegenüber der jeweils älteren: Politisch ist immer das erst kürzlicher Vergangene einflussreicher als das schon länger Vergangene.

In dem Geschichtsunterricht, den ich am Gymnasium „genoss“, habe ich das in den frühen Neunzigerjahren sehr deutlich gespürt: Damals trumpfte das Fach Geschichte immer noch mit imponierendem Wissensballast auf – aber die „Geschichte“ begann selbst am vollhumanistischen Münchner Wittelsbacher-Gymnasium im Grunde erst mit der Französischen Revolution. Unsere Geschichtslehrer waren damals fast alles angehende Alt-Achtundsechziger mit der typischen Fächerkombination „Deutsch-Geschichte-Sozialkunde“, die ihnen ebenso als Nonkonformisten-Uniform zu Gesicht stand wie ihre obligatorische Blue Jeans, mit der sie sich von den braunen Anzügen und immer noch häufig anzutreffenden Krawatten der Altphilologen absetzten – und offensichtlich waren es die ganz ihren Krawatten entsprechend reichlich anwesenden Altphilologen, die von den „D-G-Sk“-lern nonchalant als für alles vor dem Sturm auf die Bastille Passierte für fachlich zuständig erachtet wurden; ein unausgesprochenes „Divide-et-impera“, bei dem de facto weite und auch wirklich wesentliche Teile der richtig, das heißt universal verstandenen Geschichte notorisch unter den Lehrertisch fielen.

Als Sohn eines passionierten Mediävisten trieben mich diese didaktischen Verhältnisse zur Verzweiflung und zum inneren Widerstand – entsprechend gemäßigt fielen meine schulischen Geschichtsnoten einzig und allein aus diesem Grund aus. Nichts gegen Hitler und den Zweiten Weltkrieg (als Thema geschichtlicher Studien); aber selbst die erstrebenswerte Verhinderung einer Wiederkehr von Ähnlichem wird nach meinem Dafürhalten tatsächlich nicht so sehr vom Auswendiglernen (sozusagen) jeder einzelnen Sondermeldung des Volksempfängers zwischen 1933 und 1945 unterstützt als vielmehr von einem fundierten Gesamt-Geschichtsbild.

Diesbezüglich wittere ich jetzt Morgenrot. Corona macht’s möglich (wie Corona derzeit überhaupt alles möglich zu machen scheint). Meine Erwartung an Corona – jedenfalls die, die ich hier gerade zu formulieren im Begriff bin – halte ich allerdings für vergleichsweise bescheiden und daher für realistisch: Corona könnte dazu führen oder jedenfalls dazu beitragen, dass wir uns wieder mehr für Geschichte in ihrem wahren und wahrhaft bildenden Ganzen interessieren. Denn die Geschichte, auf die die Corona-Erfahrung reflektiert, ist ausnahmsweise mal keine politische – und somit keine, die unseren Blick reflexartig bloß auf die jüngere und jüngste Geschichte einengt.

Die Pandemie verweist unsere Weltverstehensbegierde auf frühere Pandemie-Ereignisse und deren eigentümliche gesellschaftlich-kulturelle Kontexte und Syndrome – und die sind nicht einfach umso relevanter, je jünger sie sind. Damit kommt plötzlich der exorbitante „Schwarze Tod“, der 1347 ausbrach, neu in den Blick; aber auch die Pestwelle, die genau am echten Beginn der „Neuzeit“ 1665/66 London dezimierte und 1678/79 in Wien wütete; die fünf Wellen des durch die heutige Medizin bislang nicht näher identifizierten „Sudor Anglicus“, des „Englischen Schweißes“ von 1485 bis 1551 mit seiner nordeuropäischen Ausbreitung in der Welle von 1528/29, ein Begleitphänomen der Renaissance und Reformation; die „Antoninische Pest“ (das Debut der Pocken?) unter Mark Aurel, zeitgleich mit den ersten Vorboten der Völkerwanderung, und daher von zutiefst metamorphotischer Wirkung auf das Römische Reich (165-180); und nicht zuletzt die Justinianische Pest, wahrscheinlich „die“ schreckliche spätantike Premiere einer „globalen“ Pandemie, mit ihren spektakulären 15 bis 17 Wellen in Abständen von 15 bis 25 Jahren zwischen 541 und 770 (deren Erreger übrigens 2013 ausgerechnet anhand eines Gräberfeldes in Aschheim bei München, fünf Minuten von meinem Wohnort entfernt, nachgewiesen wurde). Jedes dieser Mega-Ereignisse fiel in eine auch aus anderen Gründen bereits spektakulär bewegte Epoche, und zeitigte seinerseits wiederum schwerwiegende historische Folgen.

Ein ungleich (wieder-)bereichertes Panoptikum unterschiedlichster, aber „allemal menschlicher“ historischer Welten lockt also, wenn die Fragen nach solchen Zusammenhängen jetzt womöglich mit einem Mal anfangen, unser in den letzten Jahrzehnten im Grunde arg reduziert gewesenes „Breiten“-Verständnis von „Geschichte“ stärker zu bestimmen und zu prägen.

Eisheilige

„Das ganze Klima spinnt, alles krisenhaft durcheinander – aber auf die Eisheiligen ist Verlass!“ – „Mei – sind halt Katholiken…“

Genau: Heiß im Herzen, wo andere kaltherzig sind – aber im Verstand cool wie heilige Eiszapfen, wenn anderen die Köpfe zu heiß werden. Genau wie in der Corona-Krise.

Naja, mit Ausnahme von ein paar Kardinälen…

„Was wäre, wenn…?“

Alle großen spirituellen Meister lehren es, und auch schon jeder beliebige bescheidene, aber echte Meditationslehrer sagt es: „Nicht denken!“

Ich bin überzeugt, an diesem richtigen Prinzip gäbe es eigentlich ein weites Feld an Differenzierungen vorzunehmen. Man könnte, sollte, müsste verschiedene Arten von Gedanken bestimmen und deren spirituellen Energiegrad jeweils einzeln untersuchen. Der spirituelle Sinn oder Unsinn eines bestimmten Gedankens hängt dabei freilich immer von der einen, selben Voraussetzung ab, inwieweit ein Mensch bereits ein „Grund“- und „Gesamt“-Bewusstsein entwickelt hat, das an sich nicht gedanklich ist. Insofern haben all die mehr oder weniger prominenten Spiritualitäts- und Meditationslehrer natürlich grundlegend recht mit ihrer vorherrschenden simplen Empfehlung, „nicht zu denken“. Genauer gesagt: Alles Weiterführende thematisieren sie zurecht nicht in ihren öffentlichen Vorträgen für „Anfänger“. Zunächst einmal ist zweifellos ein grundlegendes nicht-gedankliches Bewusstsein erforderlich – dieser „Gedanke“ ist den meisten Menschen schon fremd genug. Und deshalb mache auch ich selbst mir nicht die Mühe, die empfohlene differenzierte Gedankenarten-Analyse tatsächlich durchzuführen, sondern beschränke mich darauf, auf ihren potenziellen Sinn hinzuweisen. (Wenn die Philosophie mal so weit ist, dass sie sich – wieder – mit Spiritualität befasst, dann wird das eine genau passende Aufgabe für Philosophen sein.)

„Was-wäre-wenn“-Gedanken zum Beispiel können hilfreich sein für diejenigen, die schon ein gewisses Maß an echt spirituellem Bewusstsein entwickelt haben – aber nicht für all jene, auf die das noch nicht zutrifft. Für die Spirituellen sind die „WWW“s (potenziell) eine in ihrer spekulativen Dynamik bewusst im Zaum gehaltene Meditation, die ihr Bewusstsein insgesamt schärft. Für geistig anders Disponierte hingegen sind sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein fieser Seelen-Torpedo. Spirituelle haben in dieser Welt nicht den Auftrag, Torpedos zu starten. In diesem Sinne bitte ich alle Nicht-Spirituellen, von den folgenden Gedanken mindestens einsfünfzig Abstand zu halten:

Was wäre, wenn jetzt (Perspektive Mai 2020; sagen wir, Anfang Juni 2020) die – der Definition „Pandemie“ gemäß ja ganz unvermeidliche – zweite Welle des Coronavirus anbrandet und sich nicht als eine, wie wir alle hoffen, abgemilderte, sondern als ein Ereignis von beträchtlicher medizinischer Wucht herausstellt? Wenn all die derzeit gerade dem (posttraumatischen) Verschwörungswahn Verfallenen sich einer abrupten Wieder-Verschärfung der soeben in gnädiger einstweiliger Lockerung befindlichen staatlichen Anti-Virus-Auflagen aggressiv zu widersetzen beginnen und in diesem Zusammenhang vielleicht erste Schüsse aus Polizeipistolen fallen? Autsch. Wenn die Börsenkurse wieder Skispringen gehen – aber am Ende der Schanze keine staatlichen Geldsäcke als sturzpolsternder vergoldeter Kunstschnee mehr auf sie warten, weil dafür dieses zweite Mal keine neuen Milliardenressourcen mehr locker verfügbar sind, da inzwischen auch all unsere potenziellen ausländischen Gläubiger begriffen haben, dass sie uns nichts mehr leihen können; und wenn wir nicht mehr wissen, wo wir im Ausland einkaufen sollen, was unser Lebensstandard so dringend benötigt, und auch nicht mehr, wer uns unsere teuren Exporte abkaufen soll? Autsch. Und wenn sich genau dann auch noch unsere Krankenhäuser stärker mit Atemnötigen füllen als bei der in Deutschland unverhältnismäßig gnädig abgelaufenen ersten Welle?

Dieser spekulative Gedanke, den der „spirituelle Denker“ nüchtern als eine sehr „realistische Spekulation“ erkennt, und die für ihn zuverlässig den direkten Zweck erfüllt, seinen Geist sehr demütig, sehr still und sehr präsent zu machen, ist für all diejenigen, die noch kein ernstzunehmendes Verhältnis zu echter Spiritualität entwickelt haben, stattdessen eine hässliche Zumutung, die projektive Panikgefühle auslöst – ein psychomentales (und in der Folge auch soziales) Syndrom, das man ihnen nicht absichtlich zumuten muss; sie werden auf einen solchen Gedanken bloß mit Ärger reagieren, mit ihrem typischen „Was soll das?“, das sie erzürnt aufbrausend gegen alles schleudern, was sie partout nicht hören wollen. Mit welchem Recht will man ihnen Stiche versetzen, als gäbe es eine moralische Berechtigung zu nicht bloß streng situativen, sondern pauschalen Provokationen?

Liebe Spirituelle, lasst es bleiben – ihr müsst Menschen, die noch nicht an eurem Punkt der spirituellen Entwicklung angekommen sind, solche „brennbaren“ Gedanken nicht zumuten. Sie überfordern sie. Diese müssen erst einmal die grundlegende Lektion von der generellen Bevorzugbarkeit des Nicht-Denkens lernen. Nur diese fundamentale Einsicht bildet die sinnvolle Grundlage dafür, gewisse Gedanken nicht nur spirituell schadlos, sondern sogar spirituell fruchtbringend denken zu können. Diese Feststellung hat nichts mit einem pseudo-spirituellen Hochmut zu tun, es ist einfach so. Wer noch ganz und ausschließlich am Denken hängt (oder vielmehr an der Illusion des Denkens), für den können manche Gedanken regelrecht tödlich sein, und man muss sie deshalb nach Maßgabe seiner gegebenen geistigen Situation zu seinem eigenen Wohl möglichst von ihm fern halten.

Es gibt Geschichten, in denen spirituelle Meister Gift schlucken, und nichts passiert. Diese Geschichten sind vorwiegend symbolisch zu verstehen. Nie wird darin den Schülern empfohlen, das Giftschlucken ebenfalls zu versuchen.

Hoffen wir auf eine milde zweite Welle.

Des kleinen Coronas Gespür für Größenwahn

„Plötzlich“: Großer Boom der Corona-Verschwörungstheorien!

Ein sehr wesentlicher Teil dieser gegenwärtigen Krise, vielleicht der eigentliche, steht uns überhaupt erst noch bevor. Allein die rein medizinischen Implikationen sind noch nicht ausgestanden; die ebenso unvermeidlichen wirtschaftlichen Folgen haben noch gar nicht richtig zugeschlagen – von den politischen oder gar den gesellschaftlichen und kulturellen Konsequenzen ganz zu schweigen. All das kommt erst noch. Die Einen üben sich dieser Absehbarkeit gegenüber derzeit in frühlingshaft-heiterer Verdrängung – und die Anderen, bei denen es mit dem Verdrängen nicht klappt, die verschwören.

Es ist eine typische Folge der Schwierigkeiten, die die meisten Menschen mit konstitutiv zweischneidigen Wahrheiten haben: Sie fühlen den Drang, sich für eine Seite einer zweiseitigen Wahrheit zu entscheiden – und um das zu können, müssen sie die Seite, für die sie sich nicht entscheiden, aggressiv verleugnen; denn nur so können sie sich selbst zum betäubenden Vergessen der Tatsache zwingen, dass ihre betreffende Glaubensentscheidung völlig willkürlich ist. Wer sich entscheidet, vor dem Coronavirus eine alles beherrschende Angst zu haben, der muss zwanghaft alle verdammen, die weniger Angst zeigen; und wer sich entscheidet, keine Angst zu haben, der muss reflexartig alle Ängste als von schurkischen politischen Absichten gelenkt abtun, um seine eigene instabile, weil nicht wirklich tief gegründete Furchtlosigkeit vor sich selbst überhaupt zu rechtfertigen.

Das derzeit allgegenwärtige Verschwörungs-Geraune ist der charakteristische Vorbote des nächsten Kapitels der Krise, in dem das Medizinische in den Hintergrund tritt. Wer ein bisschen Ahnung von Geschichte hat, der dürfte sich darüber kaum wundern. Freilich, Ahnung von Geschichte als Allgemeinbildungsgut hat in den letzten Jahrzehnten sicherlich nicht zugenommen. Dass unsere gegenwärtige Situation ein Hinweis darauf ist, dass es für eine Gesellschaft von sehr konkretem Wert sein kann, eine breite Geschichtsbildung wach zu halten, und dass dieser Wert zuletzt arg unterschätzt wurde, bildet hier allerdings nur ein Randthema.

Das Verblüffendste dieser Tage ist nicht, dass auch sogenannte „intelligente“ Menschen derzeit der Verschwörerei erliegen – zur Immunisierung dagegen braucht es mehr als ein bloß „technisch“ intelligentes Gehirn, dazu braucht es eine gereifte Persönlichkeit, und Persönlichkeitsreife ist etwas noch bedeutend Komplexeres als binomische Formeln. Das Verblüffendste ist, dass sogar Menschen, die nachweislich hohe (Standard-)Intelligenz UND zusätzlich auch noch individuelle Merkmale aufweisen, die eigentlich auf beträchtliche Persönlichkeitsreife schließen lassen sollten, derzeit verschwörungstheoretische Pamphlete unterschreiben.

Dass ein Attila Hildmann, ehemaliger Star der Vegan-Bewegung, der zwar zweifellos im herkömmlichen engen Sinne hinreichend intelligent ist, aber schon seit jeher Zeichen einer stark unausgeglichenen Persönlichkeit gezeigt hat, jetzt wegen corona-bedingter Anstiftung zum Aufruhr von der Polizei abgeführt wurde, sollte nicht übermäßig verwundern. Dass allerdings Kardinäle der römisch-katholischen Kirche wie Gerhard Ludwig Müller, ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation (und mein noch ehemaligerer Dogmatik-Prüfer), gerade einen Text mitunterzeichnet hat, in dem unverhohlen über unlautere politische Neben- und Hinterabsichten der weltweiten staatlichen Maßnahmen gegen das Coronavirus gemunkelt wird, das ist schon wirklich deprimierend.

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