Mein Beitrag zu einem E-Mail-Adventskalender: Ochs und Esel an der Krippe

Ochs und Esel stehen nirgendwo im Evangelium.

Aber sie hätten drin sein können.

Denn sie sind keineswegs bloß ein mehr oder weniger beliebiges Bild für oberflächliche Gemütlichkeit. Sie sind vielmehr genau so entstanden, wie ein großer Teil aller Geschichten im Evangelium entstanden ist: als hintersinnig abgewandelte Zitate aus der älteren Bibel. Definitiv ist die ganze Weihnachtsgeschichte des Lukas auf diese Weise entstanden. Im Adventskalender vom letzten Jahr habe ich das bereits hinsichtlich der Hirten aufgezeigt. Dieses biblische Muster hat viele Facetten; vielleicht gehe ich im nächsten Jahr noch auf weitere davon ein. Aber in diesem Advent soll es mir um Ochs und Esel gehen – und die passen tatsächlich ebenfalls genau in das erwähnte biblische „Herstellungsmuster“.

Viele wissenschaftliche Bibelforscher meinen heute, dass die Texte des Neuen Testaments noch relativ lange Gelegenheit hatten, die eine oder andere Veränderung zu erfahren, nämlich noch mindestens bis ungefähr um das Jahr 200 unserer Zeitrechnung herum. Nur ungefähr 150 Jahre später taucht in der bildenden Kunst dann bereits die früheste uns bekannte Darstellung von Ochs und Esel an der Krippe Jesu auf, nämlich auf einem Sarkophag in der Basilika Sankt Ambrosius in Mailand. Angesichts dieses relativ kurzen zeitlichen Abstands muss man wohl sagen: Ochs und Esel hätten tatsächlich durchaus noch hinein gelangen können ins Weihnachtsevangelium.

Die durchaus zahlreichen Stellen in der älteren Bibel, auf welche der Ochs und der Esel der alten Weihnachtstradition sich höchst sinnvoll beziehen oder beziehen können, konzentrieren sich auf die Kapitel 21 bis 23 des Buches Exodus. Diese Kapitel bilden das sogenannte „Bundesbuch“, die mutmaßlich älteste Fassung des Gesetzes Israels. Unmittelbar davor, in Kapitel Exodus 20, sind Ochs und Esel bereits in die Zehn Gebote eingegangen, die als eine später entstandene, dem Bundesbuch dann vorangestellte Zusammenfassung besonders wichtiger und grundlegender Vorschriften zu verstehen sind. In Exodus 20,17 werden Ochs und Esel bekanntlich unter den Besitztümern des Nachbarn aufgezählt, die man nicht begehren darf. An der Krippe Jesu könnte dieser Bezug vielleicht heißen, dass dieses Kind alle unsere Bedürfnisse stillt.

„Wenn jemand einen Brunnen offen lässt oder einen Brunnen gräbt, ohne ihn abzudecken, und es fällt ein Rind oder ein Esel hinein, dann soll der Eigentümer des Brunnens Ersatz leisten.“ (Exodus 21,33) Vielleicht wurde das auf die Erlösungsfunktion Jesu bezogen: Die Menschheit ist wie das in den Brunnen gefallen Tier, und Jesus ist der Ersatz, den Gott dafür leistet. Direkt anschließend geht es im Bundesbuch allerdings darum, dass ein Dieb Ersatz leisten muss: „Findet man das Gestohlene, sei es Rind, Esel oder Schaf, noch lebend in seinem Besitz, dann soll er doppelten Ersatz leisten.“ (Exodus 22,3) Und dann folgt noch zweimal eine analoge Auflistung anlässlich des Themas Veruntreuung. Damit würde die obige Interpretation Gott also irgendwie zu sehr in die Nähe eines Diebs oder Betrügers rücken. Ich weiß nicht, ob trotzdem irgendwann einmal so interpretiert wurde – dass also die Weihnachtskrippe mit Exodus 21,33 in Verbindung gebracht wurde -, denn die Theologie früherer Zeiten kann ja manchmal heute durchaus seltsam anmuten; ich überlasse es also meinen geschätzten Leserinnen und Lesern, sich selbst einen Reim auf diese Deutungsmöglichkeit zu machen.

Eine etwas andere Bedeutung von Ochs und Esel findet sich dann in Exodus 23,4: „Wenn du dem verirrten Rind oder dem Esel deines Feindes begegnest, sollst du ihm das Tier zurückbringen.“ Dieser Bezug eignet sich natürlich schön für das Friedens-, Vergebungs- und Versöhnungsmotiv der Weihnachtsszene.

Exodus 23,12 schließlich schärft das Sabbat-Gebot ein: „Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.“ Jesus als der Bringer des Welt-Sabbat, welcher von nun an in gewissem Sinne für immer andauern wird, und der somit die Verurteilung Adams aufhebt, zu dem einst so düster gesagt worden war: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Genesis 3,19), was natürlich zugleich auch das Motiv der Hoffnung auf das Ewige Leben in diese ultimative Sabbat-Vorstellung einbezieht – das ergibt zweifellos eine Menge tiefen theologischen und spirituellen Sinn im Stall zu Bethlehem.

Der erste der offenbar drei Verfasser des Jesajabuches gehört zweifellos zu den älteren Autoren unserer Bibel; trotzdem ist das Bundesbuch vermutlich ein noch älterer Text als der des „Ersten Jesaja“ und inspirierte diesen, als er schrieb: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ (Jesaja 1,3) Leider muss es aus historisch-kritischer Sicht als sehr wahrscheinlich bezeichnet werden, dass es gerade dieses polemische Jesaja-Zitat war, das tatsächlich am meisten zur Entstehung und zum „Erfolg“ der traditionellen Weihnachtsszene mit Ochs und Esel beigetragen hat – eine Bezugnahme, die irgendwann im Laufe der Zeit zweifellos auch eine regelrecht antisemitische Bedeutung annahm.

Aber das geschichtlich Gewesene verdammt uns eben nicht dazu, immer weiter auf Irrtümer aufbauen zu müssen, die einst begangen wurden. Das wäre ein falsches Verständnis von „Tradition“. Die Zäsur, die Jesus in die Menschheitsgeschichte gebracht hat, bedeutet nach meinem Verständnis gerade eine höchst lebendige Flexibilität in der Art und Weise, auf die wir das Verhältnis zwischen Vergangenem und Zukünftigem immer wieder ganz neu bestimmen können.

Konkret heißt das in diesem Fall: Wir können uns das traditionelle Bild von Ochs und Esel an der Krippe Jesu bewahren, sogar auf eine vertiefte Weise, und wir können uns zugleich aus dem Reichtum der biblischen Bezüge dieses Bildes heraus eine sinnvollere Deutung dieses Bildes formen als jene, die in der Geschichte der Kirche insgesamt möglicherweise vorgeherrscht haben mag.

Dies ist meines Erachtens die Art und Weise, auf die wir überhaupt und generell mit der Tradition der Kirche umgehen sollten.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest.

…Und dazu noch eine kleine Prämie von 6 Millionen bei „gutem Benehmen“

Ich blogge ja eher selten über Fußball. Aber.

Wie aktuell bekannt wird, erhält Neymar bei Paris Saint-Germain laut Vertrag ein pekuniäres Sahnehäubchen von jährlich 6 Millionen extra, wenn er „sich den Fans gegenüber ethisch verhält und politische oder religiöse Propaganda unterlässt“.

Eine solche Fußball-Meldung ist sogar für mich interessant.

Sie fällt natürlich in das ergiebige Thema: „Was dürfen privatrechtliche Verträge festlegen, wenn allgemeinere gesetzliche Normen es nicht regeln?“.

Es gibt eben Menschen, deren Berufstätigkeit zwar nicht de jure, wohl aber de facto mit einer hohen und breiten gesellschaftsöffentlichen Wirksamkeit einhergeht. Dass diese Menschen, zu denen bekanntlich insbesondere Spitzensportler und andere Unterhaltungskünstler zählen, in Ausnutzung ihrer medialen Präsenz auf regelmäßiger Basis eine gesamtkulturelle und politische weltanschauliche Meinungsbildungsfunktion erfüllen, sieht man ja schon daran, wie häufig sie in kommerzieller Produktwerbung für Erzeugnisse aus Branchen in Erscheinung treten, die mit ihrer eigenen Haupttätigkeit (in diesem Fall Kicken) strenggenommen nicht das Geringste zu tun haben. Dort, in der Werbung, wird also eine universalisierte, unspezifische Öffentlichkeitsfunktion solcher Personen bereits seit langem systematisch instrumentalisiert. Man kann also nicht abstreiten, dass betreffenden Persönlichkeiten eine sehr stark verallgemeinerte öffentliche Bedeutung zukommt. Damit erhalten ideelle Klauseln in Verträgen wie etwa zwischen Fußballstars und ihren Vereinen unvermeidlich eine eminent politische Konnotation. Diese wird freilich von allen Beteiligten systematisch abgestritten, um eine sich ausweitende Verantwortung zu umgehen.

Infolgedessen treffen Fußballbosse politisch weitreichende Entscheidungen, ohne einer entsprechenden politischen Kontrolle zu unterliegen.

Es sollte doch durchaus möglich sein, unabhängig von der amtsähnlichen Position oder Funktion eines Individuums einigermaßen objektive Kriterien für dessen faktische Wirkungsmächtigkeit im Sinne medialer Meinungsrepräsentanz zu formulieren, und für jegliche Fälle einer hochgradigen solchen Wirkungsmächtigkeit ganz generell erweiterte formale Verantwortlichkeitspflichten, paritätische Mitbestimmungsmechanismen und staatliche Beaufsichtigungskriterien im Hinblick auch auf privatrechtliche Arbeitsverhältnisse gesetzlich zu bestimmen, um bedenkliche Phänomene partikularistischer Eigenmächtigkeit und Willkür auszuschließen. Es ist wichtig, von demokratischen Repräsentanten einen entsprechenden politischen Willen gegenüber Fußballfunktionären, Medien-Entscheidern und sämtlichen ähnlichen gesellschaftlichen Top-Einflussnehmern nachdrücklich einzufordern.

Fußballfunktionäre sollten als solche definitiv in keiner Form über die Präsenz religiöser Bekundungen im öffentlichen Raum bestimmen, dazu fehlt ihnen entschieden jede Kompetenz.

Aus gegebenem Latzel

Seien wir ehrlich: Die im Evangelium bezeugte Religion lässt sich auf mehrere sehr verschiedene Weisen auslegen und auffassen. Und genau das ist ihr auch schon ihre ganze Geschichte hindurch widerfahren. Weltanschauliche Konflikte zwischen Christen rühren von einer idealistischen Erwartung an einen breiten und festen inner-christlichen Konsens her, die sich nicht erfüllt und nicht erfüllen kann. Solche Konflikte haben inzwischen endgültig die Ebene der konfessionellen Einteilung des Christentums hinter sich gelassen und beginnen, dessen einzelne Konfessionen weiter zu segmentieren. Die römisch-katholische Kirche arbeitet sich an ihrem „Synodalen Weg“ ab; die evangelische Welt in Deutschland nagt derzeit schwer an den Auseinandersetzungen um Pastor Latzel.

Zu letzterer Causa gibt es für mich übrigens nur ganz am Rande anzumerken, dass ein gerichtlich bestelltes Gutachten zur Biblizität von Homophobie anno domini 2021 auch ganz unabhängig von der superschrägen konkreten Auswahl der Person des Gutachters schon eine derartige anachronistische erkenntnistheoretische Absurdität darstellt, dass mir dazu nur noch der karnevaleske Geistesblitz kommt, Ursache unserer geistigen Misere möchte womöglich das Fehlen eines Exzellenzclusters „Forensische Theologie“ an unseren Universitäten sein. Genug davon, zurück zu ergiebigeren Themen:

Selbst der Hinweis, dass in all solchen konfessionsinternen Auseinandersetzungen unterschiedliche theologische Standpunkte ein unterschiedliches geistiges und geistliches Niveau aufweisen, ist nur sehr bedingt hilfreich und nur sehr bedingt relevant – entscheidend ist vielmehr, wie eine bestimmte Auffassung des Evangeliums jeweils mit einer komplexen gesellschaftlichen Situation interagiert. Und auch das war schon immer so.

Es nützt nichts, zu behaupten, dass man das Evangelium unmöglich so auslegen könne, wie es der jeweilige theologische „Intim-Gegner“ tut. Das Evangelium ist kein systematisch-theologisches Werk und erlaubt daher tatsächlich viele systematische Interpretationen. Über harte Qualitätskriterien solchen Interpretierens bestand nie und besteht de facto nirgendwo hinreichende vernunftgemäße Einigkeit. Es liegt tatsächlich an der Beschaffenheit des autoritativen biblischen Textes selbst, dass manche regelrecht totalitären Auswüchse biblischer Exegese, wie sie insbesondere in Zeiten schwerer gesellschaftlicher Verunsicherungen und Umbrüche grassieren, leider nicht zwingend mittels Hinweisen auf eine allgemein anerkannte Geschäftsordnung zur Argumentationsmethode ausgeschlossen werden können; insbesondere deshalb nicht, weil es in der mittlerweile langen und vielfältigen Kirchengeschichte historisch oft schon Präzedenzfälle für diese bedenklichen Auslegungen gibt, deren eingehende Erörterung man nicht einfach pauschal abweisen und delegitimieren kann, wobei die Komplexität einer angemessenen Diskussion dieser Fälle freilich letztendlich immer nur den populistischen Simplifikateuren in die Hände spielt, weil nur wenige akademische Fachleute sämtlichen Details einer mustergültigen Begutachtung historischer Umstände wirklich urteilskompetent folgen können, während bei Otto Normalchrist am Ende wohl nichts weiter übrig bleibt als der Eindruck: „Man sieht es ja, so geht’s doch auch – und wenn dieser oder jener nette oder mit missionarischem Wumms begabte Pastor das vertritt, und es hört sich schön griffig und eingängig an, dann schließe auch ich mich dieser Meinung gerne an.“ Da ist dann am Ende „fast alles möglich“.

Für mich ist diese teilgesellschaftliche Situationsanalyse nur ein weiteres Indiz dafür, dass wir auch im Christentum verstärkt „spirituelle Lehrer“ brauchen. Es sind eben nicht akademisch objektivierbare Argumentationen, die uns Christen theologische Wahrheitssicherheit geben. Wahrheit ist und bleibt, salopp gesagt, ein etwas akrobatisches „Nasengeschäft“. Die bisherige theologische Tradition des Christentums pocht auf den Bibelvers: „Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Mt 23,10) Aber eine strikte und starre Auslegung dieser Vorgabe stößt spätestens dann an problematische Grenzen, wenn, wie in der Gegenwart, verstärkt theologische Extremisten ein Äquivalent der dadurch im Innenraum der religiösen Bewegung notorisch vakanten Autoritätsrolle okkupieren, gerade indem sie die angebliche Nicht-Interpretationsbedürftigkeit des geschriebenen göttlichen Wortes für ihre jeweilige sinistre Selbstbestätigung instrumentalisieren: Da es aufgrund des „Guru-Verbots“ von Mt 23,10 im Christentum keine eigentlichen „Religionslehrer für (juristisch) Erwachsene“ gibt und angeblich auch nicht geben soll, ziehen diese Frömmigkeits-Populisten mit ihren markigen Parolen überall dort, wo auch das traditionelle Alternativ-Modell „Bischof“ nicht länger charismatisch zu überzeugen vermag (und wo tut es das noch?), im theologisch legitimitätsfreien Graubereich eine sich rein auf den quantitativen Zulauf an nichtredaktionell-massenmedialer Anhängerschaft gründende substitutive „christliche“ Richtlinienkompetenz an sich – mit mehr als gefährlichen Konsequenzen. Gegen die von dieser Entwicklung ausgehende ernste gesellschaftliche Bedrohung wird meines Erachtens nichts anderes helfen, als die im christlichen Bereich etablierten Konzepte für spirituelle Lehrerrollen fundamental neu zu überdenken.

Why do „intelligent“ people in the year 2021 believe in conspiracy ideologies?

I could write a voluminous tractate about this question, but I only want to make some brief inspiring suggestions:

(1) Of course there is the influential role of „social media“ in the early internet age with their non-redactional news channels, often enough untouched by any concern about ethics of journalism, and with their filter-bubbles which via mere quantitative affirmation make it appear like „THE TRUTH“ if you cheaply find what you seek. Important as this connection is, I’d like to direct your attention towards some less talked-about, but equally worth-pondering-about possibilities for explaining the current pandemic of conspiracy ideologies:

(2) People want to be part of a group. In order to contribute to the identity of the person as a member of the group, the identity of the group must be defined by a clear inside and a clear outside. This has become a major problem in the age of diversity. Today, everyone feels almost like „a super-small fringe group of his own“. As objectively validable reality today doesn’t show mercy with persons in need of large clear homogenous group identities concerning any reliable grand ideas anymore, such ideas in the 21st century can only be found off-road the paths of rational and empirical evidence. The 50 years between 1918 and 1968 were the „great“ epoch of ideologies that claimed to be rationally comprehensible; since the breakdown of Soviet Communism in the late 1980s, soon followed by equal disillusion about unbridled capitalism, the whole principle of „strictly reasonable“ (which means hypothetically falsifiable, „non-post-factual“) ideologies has come to an end, leaving behind a painful mental vacuum.

(3) There are a number of „western“ post-modern cultural features, among them certain trends of pedagogy predominant since about 1970, which undoubtedly have contributed to a significant increase of narcissism in western societies. Among the core roots of feelings of narcissistic abasement are uncertain social identity, low-profile (or low-quality) enemy images and not-superior own knowledge. Conspiracy ideologies perfectly serve against all three issues.

(4) An important part of the cultural change since about 1970 is particularly the subsiding of the traditional reverence towards elder people. It is no longer generally accepted that older people are wiser than younger people. However, for psychologists it’s an empirical fact that older people are less inclined to believe conspiracy ideologies than are younger persons. So the societal effect of older people’s influence retaining younger people from believing in conspiracy ideologies has significantly lessened.

(5) In the traditional-religious age, propensity towards conspiracy ideologies has normally been canalized into apocalypticism. Our age is actually still religious, but certainly no longer traditionally religious, compared to all pre-20th-century history. Today, apocalypticism is clearly no major societal option anymore. Conspiracy ideology seems to have superseded apocalypticism especially as a strategy for coping with social trauma: As the fellow human being who is unsettlingly experienced as a personally offensive evildoer can no longer convincingly be interpreted as the devil or as a demon, his conspiracy-ideological interpretation as „an agent of THEM“ becomes the replacement „psycho-valve“ instead.

(6) Inherent to conspiracy ideologies is a certain self-enhancing dynamic; because for many people, the first thing they expect to really be there is not conspiracies, but conspiracy ideologies; in other words, especially in times of crisis, they expect conspiracy lies to be distributed. Ironically or tragically, that expectation contributes to shaking ALL truths, regardless of their quality; because human reason is initially confident that it will be able to check strange assertions out, but by way of experience, especially in chaotic times of crisis, makes the disconcerting discovery that this is by no means often enough satisfyingly possible. So, precisely the initial critical expectation of something untrue can have the paradoxical effect of driving the person into profound confusion about truth.

(7) The core code of all conspiracy ideologies is: „Something just isn’t right.“ empirical psychologists have shown this by demonstrating that persons with a tendency to believe in conspiracy ideologies typically are inclined to equally believe contradicting assumptions, for example, that a famous person has been murdered, or that the same person has faked his or her death. This can only mean that the „feeling“ of „some“ conspiracy is usually more important than the actual exact content of this or that conspiracy ideology. However, times of major crisis always naturally are times in which „something just isn’t right“. Conspiracy believers make the main mistake to easily believe in everything their mind tells them about the allegedly distinctive objective causes of their vague gloomy feelings. You don’t need to be stupid in order to make that mistake; on the contrary, this mistake is particularly likely in persons with a high „technical“ (but merely „technical“) intelligence of the mind, as empirical psychological studies have shown.

But this feeling that „something just isn’t right“ has precisely one particularly prominent average reason: loneliness. The correlation between social isolation and propensity towards conspiracy ideologies is a solid result of latest psychological and sociological empirical research. Out of the diffuse but burdensome feeling that „something just isn’t right“, the answer to the question „What’s wrong?“ is looked for in thought products, while it actually lies in the „simple“ unease of loneliness: As loneliness generally triggers brooding thinking, the loners frequently miss to put their question into its actually „right“ form: „What’s wrong WITH ME?“, and instead, falling victims to their blind spot, begin to obsessively inquire about what’s wrong with the world around them.

Diversity: new solutions, new problems

Finnish scholar Joanna Töyräänvuori has convincingly demonstrated that Leviticus 18,22, a passage that is commonly, not to say „notoriously“, used to underpin the Bible’s alleged verdict against homosexuality, actually reads: „You shall not lie with a male in the bed of a woman“, which means that it prohibits two men from having sex with the same woman, and does not refer to homosexual acts.

That insight is very supportive to the development of a due novel anti-homophobic Christian theology. With Töyräänvuori’s reading for several philological and cultural-historical reasons inevitably having to push through, gay people are rightly „acquitted by the Bible“, as the Bible is not interested in any hypothetical problem about homosexuality.

Which, however, is not to be misunderstood as a „glorification of the biblical world“: Rather, I’m afraid it would have been so mandatory to hide homosexuality in Ancient Israel that there was no societal problem with it for the simple reason that it was publicly invisible anyway. But to me this sad suspicion is not even the biggest downside of Töyräänvuori’s discovery yet, alas.

The interpretation that a woman should not have two male sexual partners – „within a narrow time frame“, one may add – all the more clearly points to a deep-rooted racist motivation behind Leviticus’ „sanctity legislation“: „The Israelite race shall be kept pure.“ Some of this connection is explained by typical Iron-Age assumptions about the dynamics of biology, as Töyräänvuori shows. It’s all about getting „racially proper offspring“. Homosexuality is an irrelevant topic in that context – whereas dehumanizing condescension regarding supposed ethnic inferiority of every societal-cultural, especially religious and political „collective otherness“ is the comparatively far more virulent issue, looked at from a reproductive angle that is inevitably „identitarian“ in the Torah.

So, what in following the Töyräänvuori reading we „purchase“ instead by „bartering away“ gay suffering is a significantly increased issue with blunt ancient racism in the Bible. But the latter is the far more honest theological fight to take up.

Jesus from Nazareth took up precisely that latter fight, and he did so pointedly as a Jew who never believed to become un-Jewish by doing so – and as a man in whom homophobic aversions are simply unimaginable.

Zum Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx

Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, hat mit Datum vom 21. Mai 2021 einen Brief an Papst Franziskus geschrieben, worin er diesen bittet, seinen Amtsverzicht anzunehmen. Es war der Papst, der diesen persönlichen und vertraulichen Brief später zur Veröffentlichung freigegeben hat, die nun erfolgt ist (ohne das Schreiben bislang zu beantworten). Der Inhalt des Briefes, den ich hier kommentieren möchte, lautet wie folgt:

„Ohne Zweifel geht die Kirche in Deutschland durch krisenhafte Zeiten. Natürlich gibt es dafür – auch über Deutschland hinaus weltweit – viele Gründe, die ich hier nicht im Einzelnen ausführen muss. Aber die Krise ist auch verursacht durch unser eigenes Versagen, durch unsere Schuld. Das wird mir immer klarer im Blick auf die katholische Kirche insgesamt, nicht nur heute, sondern auch in den vergangenen Jahrzehnten. Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen ‚toten Punkt‘, der aber auch, das ist meine österliche Hoffnung, zu einem ‚Wendepunkt‘ werden kann. Der ‚österliche Glaube‘ gilt doch auch für uns Bischöfe in unserer Hirtensorge: Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer es verliert, wird es gewinnen! Seit dem letzten Jahr denke ich intensiver darüber nach, was das auch für mich persönlich bedeutet und bin – durch die Osterzeit ermutigt – zu dem Entschluss gekommen, Sie zu bitten, meinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen. Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“

Respekt. Großer Respekt. In meinem Umfeld gibt es viele, die Kardinal Marx in erster Linie für einen gewieften Kommunikationsstrategen halten. Ich habe mich immer gefragt, ob es nicht ein verheerender Fehlschluss ist, aus der Tatsache, dass jemand großes Geschick im Umgang mit den Medien beweist, bewusst oder unbewusst grundsätzlich zu folgern, die Äußerungen der betreffenden Person seien nicht aufrichtig. Diese zu wenig differenzierenden pauschalen Kritiker werden jetzt vermutlich wähnen, es handele sich bei Marx’ Brief um einen taktischen Schachzug: Er wisse wohl schon, dass ihm die Veröffentlichung eines Gutachtens zum Missbrauch in der Kirche, die für das Erzbistum München und Freising noch in diesem Sommer erfolgen soll, neue ganz persönliche Schwierigkeiten bescheren werde; da er betont, dass er nicht amtsmüde ist, sei zu erwarten, dass Papst Franziskus sein Rücktrittsgesuch ablehnen werde; somit würde er dann klugerweise bereits mit einer gewichtigen päpstlichen Bestätigung in die Herausforderungen dieses Sommers gehen können. Solchen maliziösen Spekulationen kann ich mich nach der Lektüre des Briefes und dem Anhören der Pressekonferenz anlässlich seiner Veröffentlichung nicht anschließen.

Unabhängig davon verdient der Umstand unbefangen meditiert zu werden, wie spezifisch hier „Mitverantwortung für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche“ als Grund angegeben wird. Dies ergibt nämlich nur Sinn, wenn der Missbrauch „strukturell“ ist. Dies ist er in der Tat in mindestens zwei Hinsichten – in der einen davon zweifellos und in der anderen sehr wahrscheinlich: Zweifellos strukturell ist er hinsichtlich der systematischen Vertuschung von Taten mittels Deckung von Tätern seitens sehr vieler Bischöfe zum Zweck der Wahrung des Ansehens der Kirche; sehr wahrscheinlich strukturell ist er hinsichtlich der besonderen und statistisch erhöhten Attraktivität der katholischen Priesterrolle als einer auf mystifikationsanfällige Weise mit vorgeschriebener zölibatärer Lebensform verbundenen Berufsrolle für Personen mit gestörter psychosexueller Entwicklung. Wenn das Problem tief strukturell ist, müsste ein Amtsträger, der mit dem oben zitierten, von Kardinal Marx formulierten Satz argumentiert, aber streng genommen und salopp gesagt deshalb zurücktreten, „weil die katholische Kirche so ist, wie sie ist“, mit anderen Worten, das Problem berührt dann Grundlagen der Kirche, die Marx gar nicht verantworten kann; in diesem Fall könnte er konsequenterweise nicht bloß als Diözesanbischof zurücktreten, sondern er müsste dann auch sein Priesteramt niederlegen, sich laisieren lassen und sogar aus der römisch-katholischen Kirche austreten. Eine „Katastrophe“ kann niemand „verantworten“, dieser Sprachgebrauch ergibt nicht wirklich Sinn; verantwortlich sein kann ein Mensch auch in einer sehr hohen Position immer nur für unter seiner Aufsicht geschehene Fehler, die im günstigen Fall „nur“ zu einem „Skandal“ führen und im ungünstigen Fall zu einem „Super-GAU“.

„Die Untersuchungen und Gutachten der letzten zehn Jahre zeigen für mich durchgängig, dass es viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles oder ‚systemisches‘ Versagen. Die Diskussionen der letzten Zeit haben gezeigt, dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen und deshalb jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen. Ich sehe das dezidiert anders. Beides muss im Blick bleiben: persönlich zu verantwortende Fehler und das institutionelle Versagen, das zu Veränderungen und zur Reform der Kirche herausfordert.“

Abgesehen davon, dass mir nicht klar ist, wie hier der Ausdruck „administrative Fehler“ definiert sein will (wurden Berichte über sexuellen Missbrauch etwa versehentlich in den falschen Aktenordnern abgeheftet?), stellt dieser Satz gewiss das Deutlichkeits-Maximum dar an Kritisieren einer gewissen Fraktion unter seinen bischöflichen Amtsbrüdern, das von einem echten Diplomaten erwartet werden kann.

„Ein Wendepunkt aus dieser Krise kann aus meiner Sicht nur ein ‚synodaler Weg‘ sein, ein Weg, der wirklich die ‚Unterscheidung der Geister‘ ermöglicht, wie Sie es ja immer wieder betonen und in Ihrem Brief an die Kirche in Deutschland unterstrichen haben.“

Wenn ein „synodaler Weg“ die „Unterscheidung der Geister“ ermöglichen soll, dann klingt das für mich persönlich, mit Verlaub, nach einer Idealisierung von Demokratie seitens einer traditions-institutionellen Binnen-Mentalität, die die hochkomplexen und „gemischten“ Erfahrungen der Gesamtgesellschaft mit Demokratie in den letzten anderthalb Jahrhunderten weitgehend verpasst und nicht zur Kenntnis genommen hat. Außerdem ist diese Assoziation auch tief theologisch inkonsistent: Die „Unterscheidung der Geister“ ist nach Paulus eine Gnadengabe; Gnadengaben werden 1Kor 12,10 zufolge dezidiert Individuen verliehen, nicht Kollektiven.

„Ich bin seit zweiundvierzig Jahren Priester und fast fünfundzwanzig Jahre Bischof, davon zwanzig Jahre Ordinarius eines jeweils großen Bistums. Und ich empfinde schmerzhaft, wie sehr das Ansehen der Bischöfe in der kirchlichen und in der säkularen Wahrnehmung gesunken, ja möglicherweise an einem Tiefpunkt angekommen ist. Um Verantwortung zu übernehmen reicht es aus meiner Sicht deshalb nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden, sondern deutlich zu machen, dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen.“

Strukturell taucht mit der Bemerkung über das ramponierte Image der Bischöfe wieder anflughaft die leidige Fixierung bischöflicher Stellungnahmen auf das öffentliche Ansehen der Kirche auf – wenn auch in einer verglichen mit anderen Bischöfen nur sehr milden, weil persönlich gehaltenen Form -, mithin ansatzweise genau das, was Marx selbst in einem sehr bald darauffolgenden Satz seines Briefes kritisiert. Darin deutet sich ein gewisses Dilemma an. Denn es ist ja letztlich doch erst die Betroffenheit über einen bereits eingetretenen großen Schaden, der Marx zu seinem Rücktritt bewegt – und dieser Schaden ist im Grunde eben doch ein Schaden, der für die Kirche als Institution entstanden ist. Das kann streng logisch betrachtet allerdings auch gar nicht anders sein: Der Schaden, der den Missbrauchs-Opfern entstanden ist, ist kategorisch immer ein individueller Fall, der sich nie angemessen mit anderen Fällen vergleichen lässt. Aus der Opferperspektive existieren also überhaupt nur Einzelfälle; Einzelfälle als solche ergeben aber, egal wie viele es sind, per Definition keine aggregierbare Argumentationsgrundlage. Wegen eines einzelnen Missbrauchsfalles wäre Kardinal Marx nicht zurückgetreten – und das hätte auch niemand von ihm erwartet. Eine „Masse“ miteinander vergleichbarer Vorfälle stellt sich also grundsätzlich überhaupt immer erst und nur aus der systemischen Perspektive dar – der es im vorliegenden Zusammenhang wiederum kategorisch um nichts anderes als um die Daseinsberechtigung von Institutionen gehen kann. Das „Leid der Opfer“ gibt es tatsächlich immer nur als das „Leid des Opfers im Singular“ – und es kann als solches den Rücktritt eines Institutionsverantwortlichen streng logisch gesehen gar nicht schlüssig begründen. Andernfalls stünde tatsächlich die amtsinhabende Daseinsberechtigung jeglicher höherer Amtsträger tagtäglich gravierend in Frage, weil unter ihrer Verantwortung ständig überall die verschiedensten Arten von Unregelmäßigkeiten vorkommen, deren Gewichtung sich nicht auf eine schematische, geschweige denn zwingende Weise moralisch einorden lässt. In dieser Erkenntnis offenbart sich ein gewisser grundlegender logischer Circulus vitiosus des kirchlichen Umgangs mit der Missbrauchskrise, an dem Reinhard Marx nicht schuld ist. Aus Institutionssicht kann der Verantwortliche noch so schuld sein – wenn er trotzdem die richtige Person ist und bleibt, um den Schaden einzudämmen und ihn, soweit möglich, zu beheben und zu kompensieren, dann soll er im Amt bleiben und die Leitung der Korrektur, Reparatur und Wiedergutmachung übernehmen. Aus dieser Perspektive betrachtet erkennt man besonders deutlich, dass ein „Rücktritt aus Betroffenheit über die Leiden der Opfer“ logisch im Grunde nicht schlüssig ist. Wirklich logisch kommt überhaupt nur ein Rücktritt aus Verantwortung für das Versagen der Institution in Betracht – und es ist ganz folgerichtig, wenn solches Versagen am sich verschlechternden öffentlichen Image der Institution gemessen wird. Ich kann nicht beurteilen, ob Reinhard Marx als Erzbischof von München und Freising durch geeignetere Nachfolger abgelöst werden könnte; ich kann nur darauf hinweisen, dass es paradox ist, wenn diese Frage im vorliegenden Ereigniszusammenhang überhaupt nicht thematisiert wird.

„Es geht auch nicht an, einfach die Missstände weitgehend mit der Vergangenheit und den Amtsträgern der damaligen Zeit zu verbinden und so zu ‚begraben‘.“

Das wäre wohlfeil und pietätlos, denn die Toten können sich nicht wehren, und ihnen etwas in die Schuhe zu schieben, ist eine der leichtesten Übungen unter den gängigen Qualifikationsbeweisen jeglicher Form von Macht. Dieser Satz sollte eigentlich überflüssig sein. Dass er es mit Blick auf das Verhalten mancher Bischofskollegen von Marx nicht ist, liefert noch einmal eine ganz eigene Bestätigung der Krise.

„Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution.“

Falls Kardinal Marx mit diesem Satz für eventuelle ihm persönlich unbequeme Ergebnisse der Missbrauchsstudie des Erzbistums München und Freising vorbaut, die bald erscheinen wird, ist ihm dies ohne Problematisierung zuzugestehen und nicht als Zeichen von taktiererischer Unlauterkeit seiner Motive auszulegen.

„Erst nach 2002 und dann verstärkt seit 2010 sind die Betroffenen sexuellen Missbrauchs konsequenter ins Blickfeld gerückt, und dieser Perspektivwechsel ist noch nicht am Ziel. Das Übersehen und Missachten der Opfer ist sicher unsere größte Schuld in der Vergangenheit gewesen. Nach der von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten MHG-Studie habe ich in München im Dom gesagt, dass wir versagt haben. Aber wer ist dieses ‚Wir‘? Dazu gehöre ich doch auch. Und das bedeutet dann, dass ich auch persönliche Konsequenzen daraus ziehen muss. Das wird mir immer klarer. Ich glaube, eine Möglichkeit, diese Bereitschaft zur Verantwortung zum Ausdruck zu bringen, ist mein Amtsverzicht. So kann von mir vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche, nicht nur in Deutschland. Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums. Auch das ist Teil der Hirtensorge. Ich bitte Sie deshalb sehr, diesen Verzicht anzunehmen. Ich bin weiterhin gerne Priester und Bischof dieser Kirche und werde mich weiter pastoral engagieren, wo immer Sie es für sinnvoll und gut erachten. Die nächsten Jahre meines Dienstes würde ich gerne verstärkt der Seelsorge widmen und mich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche, wie Sie es ja auch unermüdlich anmahnen.“

Mit der Frage nach der „geistlichen Erneuerung“ sind wir meines Erachtens beim eigentlichen Angelpunkt (man könnte wortsinngemäß auch sagen Kardinalpunkt) der gesamten Auseinandersetzung um Missbrauch in der katholischen Kirche angekommen. Der Missbrauchsskandal ist in mehrerlei Hinsicht strukturell, er ist eine komplexe Folge der in der römisch-katholischen Kirche herrschenden Strukturen. Die geeignete Behandlung dagegen ist, im medizinischen Bild gesprochen, keine Wundnaht, sondern eine Herztransplantation. Ich glaube Kardinal Marx seinen Willen zur Veränderung. Aber das beantwortet noch nicht die Frage, wie diese Veränderung aussehen muss, um der Kirche tatsächlich eine lebendige Zukunft zu ermöglichen. Dabei ist meines Erachtens zunächst zu fragen, ob es um eine Erneuerung der Kirche oder um eine Erneuerung des Christentums geht. Aus traditioneller römisch-katholischer Sicht erübrigt sich diese Frage, da es aus dieser Sicht kein Christentum außerhalb der Kirche gibt – aber genau diese katholische traditionelle Sicht könnte sich mit der gegenwärtigen Krise erledigt haben beziehungsweise erledigen müssen.

In seiner Pressekonferenz anlässlich der öffentlichen Vorstellung seines Briefes an den Papst sagte Reinhard Marx den eindrücklichen Satz: „Ich glaube fest an eine neue Epoche des Christentums.“ Das ist der Punkt, an dem ich am zweifelsfreiesten einer Meinung mit ihm bin.

Die enge Bezugnahme aller gegenwärtigen kirchlichen Ereignisse auf die Missbrauchskrise aber, die trotz all ihrer unbestreitbaren und durch keinerlei Einwände zu mindernden Schrecklichkeit für mich entschieden eher symptomatisch als in sich selbst theologisch substantiell ist, lässt für mich bisher nicht erkennen, dass die Probleme der Kirche in jener Tiefe ihrer Wurzeln angepackt werden, an der allein sich ernstzunehmende Ansatzpunkte für eine durchschlagend zukunftsfähige echte geistliche Erneuerung des kirchlichen Christentums finden lassen können.

„Die Kirche“ beruht auf einer Tradition, innerhalb deren ein gewisser Bruch zwischen der Postmoderne und aller davorliegenden Kirchengeschichte wohl unvermeidlich geworden ist. Das traditionelle kirchliche Christentum kann heute letztlich nur noch „formal“ fortgeführt werden, aber nicht mehr in der Ungebrochenheit seines vormodernen Selbstverständnisses, das zwischen „formal“ und „tiefstinhaltlich“ noch nicht unterschied. Der herkömmliche Glaube an eine Wirksamkeit der Sakramente, der diese buchstäblich mit der Wirkung von Nahrungsaufnahme oder ärztlichen Eingriffen gleichsetzte, eine überaus konkrete Motivation zu moralischer Lebensführung aus surrealistischer Höllenangst, oder auch ein problemloses durchweg wörtliches Verständnis der Heiligen Schrift sind heute unwiederbringlich anachronistisch geworden. Früher bedeutete Tradition schlicht die Weitergabe von geoffenbarter absoluter Wahrheitseinsicht; heute kann sie schlechterdings nur noch die gleichsam im Sinne Kants „transzendental“ reflektierte Fortführung einer überlieferten religiösen Perspektiven- und Praxisentscheidung bedeuten. Jeder umfangreicher lautende Anspruch der Religion ist der grundlegendst gültigen Sphäre menschlicher Vernunft gegenüber unvertretbar geworden. Hinter diese Errungenschaft der Aufklärung führt kein Weg zurück. Man kann heute nur noch entweder mit dieser Anerkenntnis religiös sein oder unter vollständiger Aufgabe jeglicher Rechtfertigung der Religion gegenüber der elementarsten Vernunft. Damit aber kann „geistliche Erneuerung“ kategorisch keine Rückkehr zu Glaubensformen des 19. Jahrhunderts bedeuten. Für die katholische Auffassung vom Priestertum bedeutet dies, dass dessen traditionelle Interpretation als eine durch die Weihe eintretende „ontologische Wesensbesonderheit“ des Amtsträgers heute unausweichlich als eine unhaltbare Überhöhung erscheinen muss. Die Gregorianischen Reformen vor rund 950 Jahren, das Trienter Konzil vor rund 450 Jahren und das Erste Vatikanum vor rund 150 Jahren, am unmittelbaren Vorabend der Moderne, bezeichnen drei richtungsgleiche Schritte einer langfristigen geschichtlichen Entwicklung der essenziellen Kopplung des Katholizismus an sein Priesterbild. Von dieser Richtung abgehen zu müssen, erlaubt dem Katholizismus der Zukunft einfach kein bruchloses Verhältnis zu seinem eigenen Traditionsbegriff mehr. Mehr noch als irgendein lnhalt der Tradition muss in der katholischen Kirche heute der Traditionsbegriff modifiziert werden. Das meine ich mit dem Bild von Wundnaht und Herztransplantation.

Der Geist des Evangeliums hängt nicht am katholischen Priesterbegriff. Ganz im Gegenteil, „Priester“ kommen im Evangelium überhaupt nur als tendenzieller Negativbegriff vor. Angesichts dessen dürften meine Unsicherheiten hinsichtlich dessen, was Kardinal Marx mit „geistlicher Erneuerung“ meint, verständlich sein.

Das ändert aber nichts daran, dass meine seit Jahren stetig gewachsene besondere (also über das jedem Mitmenschen gebührende und zukommende Maß hinausgehende) Achtung der Person Reinhard Marx und meine Sympathie für ihn sich Anfang Juni 2021 noch einmal verstärkt hat.

Was Constantine a serious Christian?

There are more than obvious political reasons why Constantine (272-337) would have turned to favoring the Christians, shortly after his predecessor Diocletian had still gorily persecuted them for the last time (303 CE).

The waves of persecutions of Christians in the Roman Empire had been very different in character. Under Nero in the 60ies CE, there was a Jewish sub-group in the city of Rome that displayed too little horror about the great city fire, because these people were acquainted with a positive interpretation of such scenery by their apocalyptic traditions, thus making themselves unpopular and suspicious almost without any further implications.

After 70 CE, increasingly there was kind of a tacit agreement between „the two new and future forms of Judaism”, saying that Rabbinical Judaism would claim to connect breachlessly to older Judaism (which isn’t totally true), while Christianity accepted to be something completely new (which isn’t totally true either). Jews had been an allowed religion in the Roman Empire before, but as religion in antiquity always was a deeply political issue, of course the Romans were not willing to split that license. Consequently, from about 90 CE onwards, there were persecutions of Christianity as an illicit religion. But these persecutions were sporadic. Trajan told governor Pliny in a famous letter: Don’t listen to anonymous accusations, put the non-denying ones among the accused to a test concerning their loyalty towards the Roman state by having them bring some little pagan sacrifice, and if they refuse to, then have them executed for their resistance against the state.

Under Marcus Aurelius in the 160ies and 170ies CE, it turned out to be not enough to persecute the illicit religion on a mere occasional basis, as the Christians now had more and more intellectuals showing up publicly and harshly attacking the allowed Jews. From that time on, it was the ideological conflict that started to be perceived more strongly, focusing especially on the Christians’ typical „un-Roman” tendencies of privatizing, inclusivity across all borders of class and gender, and exclusivity towards other religions. But as times soon turned more and more disastrous due to pandemic („Antonine Plague”) as well as intensifying border defense warfare at the Danube marking the earliest beginnings of the Migrations of Peoples, systematic altercation with Christians was cut short and turned into punctiform outbreaks of scapegoat-searching popular anger.

The establishment of the church progressed nevertheless. In the early 250ies CE emperor Decius launched the first state-run, empire-wide persecution of Christians in order to get rid of that „new“ religion before it would finally be to late to prevail against its dynamic development. Already Decius’ motive was the unifying ideological strengthening of Roman society in order to overcome the empire’s deep crisis during that century.

The Roman Empire had always very much been based on religion. After the deep crisis of the third century CE, Diocletian again wanted to renovate the empire on the basis of a cultural ultra-conservatism. But meanwhile the consolidation of the church had gone on for another half of a century. Since 360 CE, there had been the „Little Peace of the Church“, and Christianity had been flourishing in the Empire. In Nicomedia, a huge church was just under construction on a hill overlooking Diocletian’s palace when the emperor ordered his surprise persecution to unleash. This was no longer a move against some clandestine group. And it was basically already a fairly desperate, unrealistic and bizarre attempt in 303 CE. Diocletian pursued an express concept of pagan restoration, and the Christians could not be but opposed to that idea. By persecuting the Christians, Diocletian himself tragically tore his own political Opus Magnum apart instead of furthering it. After the persecution, the world had seen that this was no possible solution, as the church since long was too strong already to get rid of it that way. Which means, „Constantine’s“ church did by no means „suddenly emerge out of nowhere“.

The Roman state was actually pretty weak in terms of structure, and not just temporarily so, but by principle, by virtue of its concept. It was largely limited to military affairs and collecting taxes. Whereas the church already since the middle second century CE had begun to develop a very strong and elaborate internal structure, serving needs of authority, legitimation and control, information, communication and education, administration, joint finance and charity. Only a very stupid politician could have missed to see this institution as a marvelous potential tool of power.

Was Constantine’s favor towards the church nothing but a perfectly logical, almost compelling political move? Was he himself a lifelong pagan?

In order to counter the view that Constantine was a serious Christian, what has been referred to is that he didn’t get baptized earlier than on his deathbed, and that he ruthlessly murdered some of his family members. But these clues are no clues.

Family murder was late antiquity’s common „reason of state“, and many Christian rulers of that time still did it even after their baptism – see, for example, Clovis (c. 466-513).

Not only was baptism on the deathbed convenient to such rulers, as it safely forgave all sins, which secured them a pole position on the way to heaven, but also there was the doctrine in Early Church that sins committed after baptism could not be forgiven anymore. Therefore, it was quite common during that epoch, not only for rulers, to receive baptism late in life. In addition to that consideration, there was the further one that severe worldly penances would have been imposed on the sinner who was a member of the church – which many deemed to be unfitting with the honor of a princeps.

The emperor whose predominant goal was to reunite and re-stabilize the empire clearly would have been eagerly careful to do so by being the emperor of all members of mega-diverse imperial-Roman society. In his particular historical situation, Constantine could serve that goal best by being an emperor who was openly in favor of the Christians, but not (yet) a formal member of the church. At a private dinner with bishops around the time of the Council of Nicaea, the emperor famously called himself the „bishop of those outside the church“ (Eusebius of Caesarea, Vita Constantini 4,24), which may be regarded a proof to the aforesaid assumption.

Consequently, we simply have no hint that Constantine was not a serious Christian just because he was a serious politician.

Apocalypse and Fire. Why Christians didn’t Lay Fire to the City of Rome

The Great Fire of Rome in Juli 64 CE arose from the merchant shops around the Circus Maximus, where flammable goods had been stored. It went on for about ten days and destroyed about two thirds of the huge city.

„Neither through human effort nor through lavish gifts of the Princeps (Nero) nor through atonement offerings to the gods was the defamation made give way that the fire happened on command. Consequently, to get rid of this rumor, Nero fastened the culprits and inflicted the most exquisite tortures on a class which was hated for their aberrations and which the populace called Chrestiani. (…) …Which were sentenced not so much because of the crime of having laid fire to the city, rather because of their hatred against humankind.“ (Tacitus, „Annals“, 15,44; translation: mine. – Tacitus himself had been about seven years old at the time of the great fire.)

Some scholars opine that there were two types of Christian apocalyptics: The first kind expected God alone to effect the end of the world, while the second sort believed that this end had to be brought about by human action too. Consequently, these scholars think it is possible that Christian apocalyptics of the second type did in fact lay fire to the city. To me that assumption seems highly unlikely.

Ancient cities heavily burned, and actually completely burned down, statistically every thirty or forty years. The imagery of first century CE’s numerous Jewish apocalypses derives from precisely that eyewitnesses’ experience. „Fire falling from heaven“ is inspired by fire falling from the roofs, because the roofs burned „best“ and first. All light and heat that did not come directly from the sun came from some sort of open fire. The city of Rome at that time had a population of about half a million (Prof. Glenn R. Storey). The mere idea of something like fireguards was just about to be invented, let alone the idea of fire-proof building and urban-planning rules. From such conditions easily by accident a catastrophic scenery could arise that was by no means far-fetched to be associated with the end of the world.

In much-troubled first century CE, everybody vividly awaited the end of the world and was looking for signs of it everywhere all the time. This quest for heavenly signs was normally quite superstitious. But followers of the biblical religion, although they waited for signs just like everybody else, were very proud of not being superstitious like the pagans. Thus, for them it was particularly clear that when you are looking for signs, you are reasonably careful not to manufacture them yourself as misleading artifacts.

The Christians were different from a majority of Roman-Empire folks only in as far as firstly they regarded the end of the world not just as a possibility, but were sure about its imminence, and secondly judged it as something positive. Therefore, in 64-CE Rome, what happened may very well have been the following: By their apocalyptic tradition, Christians certainly were quite used to the idea that a great city fire was indeed a divine sign – but they were not particularly sad nor upset about it like all the others around them, because for them this sign meant that the Messiah was coming (back) whom they knew already as a radically good and lovely one. That „crazy“ attitude amidst all the flames, and may it have expressed however subtle and in mere baffling calm serenity, was unfavorably noticed by their horrified fellow citizens – and therefore decisively contributed to the suspicion against them which held them responsible for the disaster.

Otherwise it would be highly unlikely that already in the year 64 CE it was possible for any Non-Jew in the big city of Rome to differentiate a Christian from a Jew.

Aloysius zwo-null

Als Theologe kann man nur der Meinung sein, dass der kollektive Geisteszustand, den die Menschheit seit einiger Zeit entwickelt hat, dringend nach einer neuen göttlichen Offenbarung verlangt. Es fragt sich, warum keine kommt? Ich habe jetzt herausgefunden, dass das gar nicht stimmt: Es sind in letzter Zeit bereits jede Menge neuer göttlicher Offenbarungen angekommen – es gibt da nur ein kleines Problem: Im Himmel gibt es immer mehr Engel, die zu ihren irdischen Lebzeiten Paketboten waren (vermutlich sind sie deshalb auch eher früh gestorben). Und diese Sorte von Engeln legt die ihr anvertrauten Offenbarungen gewohnheitsmäßig einfach flüchtig irgendwo auf der Erde ab, wo es reine Glückssache ist, ob der Adressat sie findet.

INRI

It is not totally correct to claim (which can often be heard) that antiquity’s crucifixion would have been an exclusively Roman way of punishment. According to famous 1st-century-CE Jewish-Roman historian Josephus Flavius („Jewish Antiquities”, 13,14,2), Jewish king Alexander Jannaeus (103-76 BCE) once crucified 800 Jewish opponents. Deuteronomy 21,22-23 prescribes: „When someone is convicted of a crime punishable by death and is executed, and you hang him on a tree, his corpse must not remain all night upon the tree; you shall bury him that same day, for anyone hung on a tree is under God’s curse. You must not defile the land that the Lord your God is giving you for possession.” Mind that in this case the convict is first put to death, according to Torah in most concerning cases by stoning, and only afterwards is the body bound to a tree, thereby adding further effects of shame and deterrence to that punishment. The Temple Scroll of Qumran lists three cases not in Torah in which death penalty is to be applied, namely judges who accept bribes (11QTa 51,16-18), political treason (11QTa 64,7-9) and cursing one’s own people (11QTa 64,9-11). In these cases the culprit obviously is meant to be executed by hanging. The formal observation that 11QTa 64,2-6 parallels Deuteronomy 21,18-21, with the topic of the execution of a rebellious son by stoning, seems to add to the impression that the Temple Scroll’s hanging of traitors is to be seen in a close logical relation to the afore quoted passage Deuteronomy 21,22-23, „hanging” being a derivative development out of that regulation in Torah. Consequently, as Torah does not know the custom of „hanging by the neck”, also as an immediate execution mode Israelite hanging does not mean hanging by the neck but by the arms – which is the principle of crucifixion. In antiquity, the typical silhouette of a cross which we today (and since the Middle Ages) have in mind when we think of a crucifixion was not yet typical at all, and the procedure wasn’t called „crucifixion” then, but „hanging (to the tree)”.

Of course, in the time and world of Jesus only the Romans had the formal right and the political power to crucify a person. But it isn’t unimportant to ask whether a crucifixion like Jesus’ would have included an aspect of humiliation by doing something to the Jews that was culturally alien to them – and the latter aspect obviously was NOT the case. So, it is indeed imaginable even from a historical-critical perspective that Jewish bystanders of the trial of Jesus might have exclamated: „Nail him to the cross!”, or rather: „Hang him to the tree!” I think, that in itself is a valuable information.

As crucifixions, distinctly being a penalty for politically relevant crimes, always served the political purpose of deterrence, and therefore were executed in particularly busy spots at the gates of a city, a public notice going with it proclaiming the precise kind of felony committed by the delinquent logically was an inherent part of the cruel procedure. His crucifixion is on top of the list of those events in the life of Jesus from Nazareth which are most likely to be critically historical; and if so, it’s almost for sure that there would have been a plaque on the cross, too.

By theological scholars, the fact that the John-Evangelist uses the term „titlos” to denote that plaque on the cross has always been credited with quite an importance. It’s only him who does so; the three „synoptic“ evangelists use the expression „epigraphé”, „inscription” instead. All our evangelists wrote in Greek, nevertheless „titlos” is a loanword from Latin, „titulus”. Therefore it is clear that we have a deliberate use of legal language here. A „titulus” is what you are „entitled” to. The use of the term „titlos” in our gospels certainly can be regarded as indicative for the fact that the Romans were in charge of the sentencing and execution of Jesus. So, there is little doubt that Pilate’s plaque declares the reason for Jesus’ sentencing. However, the John-Evangelist seems to insinuate here that the Romans observed proper legal procedures. He couldn’t dissimulate that it were the Romans were executed Jesus; but as he is the most anti-Jewish one of our evangelists, he always tries to blame „the Jews” – and here he does so by implicitly pinning the moral guilt on the Jews precisely by pointing out the legal correctness of the Roman court system in the case of Jesus. But does the formality as such of attaching a „titlos” atop a cross support that view?

There are two passages in the popular work of Suetonius (c. 69 to after 122 CE) that are frequently quoted on occasion of the question whether it was customary to present a written display of a convict’s guilt in a pillory-like manner while at the same time punishing him in other ways, too. „At a public banquet in Rome he immediately handed a slave over to the executioners for stealing a strip of silver from the couches, with orders that his hands be cut off and hung from his neck upon his breast, and that he then be led about among the guests, preceded by a placard giving the reason for his punishment.” (Suetonius, „Life of Caligula”, 32,2) – „A householder who said that a Thracian gladiator was a match for the murmillo, but not for the giver of the games, he caused to be dragged from his seat and thrown into the arena to dogs, with this placard: ,A parmularius who spoke impiously’.” (Suetonius, „Life of Domitian”, 10,1) Although the latter scene is hard to understand in its details, the generic picture is clear enough. It’s important to notice that Suetonius reports these events on occasion of the two by far worst of the twelve Caesars whom he portrays; that’s not a coincidence. Especially in mediterranean antiquity, the „pillory effect” was regarded a veritable „capital” punishment of its own, because „honor” was of historically almost incommensurable societal importance in that distant world, and so was shame. Therefore, to casually add shame to another punishment almost by principle was an illegal way of acting – and that’s precisely why Suetonius pins such behavior on his two most evil anti-heroes. Independent of the question of Suetonius’ credibility (which is not an easy one), the transferability of these scenes to the issue of the trial and execution of Jesus is highly questionable and in my opinion regularly overestimated. In sum, we simply have no reliably applicable source telling us whether putting on public display a written announcement of a convict’s guilt while punishing him was a usual procedure in turbulent 1st-century-CE provincial Rome or not.

However, let’s assume there was a plaque atop Jesus’ cross – what exactly was actually really written on it? Mark says: „The king of the Jews” (Mk 15,26). Matthew says: „This is Jesus, the king of the Jews” (Mt 27,37). Luke says: „The king of the Jews is this” (Lk 23,38). John says: „Jesus the Nazoraios the king of the Jews” (John 19,19). Interestingly, important as this information is, there is no agreement among the evangelists about the exact wording of the plaque – not even among two of them. So, while the fact that there was a plaque on the cross is certainly and reliably historical, the tradition of the precise words on it isn’t, which tradition in written form starts only some 30 years after the event (the earliest lines of Mark probably date from around 60 CE).

What stands out is that in all four canonical versions of the inscription Jesus is labeled „king of the Jews“. This is a wording remarkably void of spiritual meaning. It is immediately clear that the corresponding formula that bears spiritual meaning would have been „king of Israel“. This observation is a real pointer to critical historicity: A spiritual text has no motive to invent a non-spiritual expression – therefore, we can be quite sure that the true reason for Jesus‘s execution was a political one. Between the death of Herod the Great (4 CE) and the end of Pontius Pilate’s term in office as procurator of Judaea (37 CE), the Romans had abolished the title „King of the Jews” because during that timespan they administered Judea directly, together with Idumea and Galilee. Josephus Flavius reports many Jewish rebellions against the Romans during that era, and it can be concluded that the leaders of these rebellions frequently called themselves „kings”.

There are a lot of reasons to regard Mark’s gospel as the oldest one. A critical rule for figuring out the chronological sequence of their emergence between two texts is the „lectio-brevior” rule, which means that texts tend to grow over time. This is matched by the fact that in the comparison between the four gospels, Mark has the shortest „epigraphé” formula, simply „king of the Jews”. In contrast to that, John has the most elaborate one – and the extant text of John usually is regarded as the youngest of the four gospels anyway (although it might of course have had precursor versions that were not younger than the „Synoptics”).

John’s „titlos” calls Jesus „Nazoraios”. John emphasizes that Pontius Pilate insisted on the specific wording of the „titlos” that he himself had conceived. This coming-about story of the „titlos” is hardly believable anyway; but there is a very simple reason how this unbelievability can be „proven”: Nazareth was a fairly unimportant small place at the time – anyway, the usual identification of a person would have been the name of his father, instead of his hometown or birthplace. Moreover, whenever they want to say that Jesus hailed from Nazareth, Mark and Luke call him „Nazarenos” (Mk 1,24; 10,47; 16,6; Lk 4,34; 24,19). In contrast to that, „Nazoraios” (Mt 2,23 – which interestingly pretends to be a prophetic quote but isn’t -; Lk 18,37; Acts 2,22; 3,36; 4,10; 6,14; 22,8; 26,9; John 18,5-7) has been suspected to be a deliberate attempt of blurring the difference between „Nazareth” and „nazīr” or „nezer”. A „nazīr”, literally „a consecrated one”, is somebody who has taken a temporary ascetic religious vow; whereas „nezer” can mean either „sprout, scion, shoot” – like in Isaiah 11,1, where the word alludes to David as the famous „nezer” of the house of his father Jesse -, or „to guard, to keep, to heed”. This is a semantic universe with a deeply spiritual meaning – but as such it is all the more unlikely to have been intended by Pontius Pilate.

Recht auf Irrtum

Bischof Georg Bätzing twitterte am 20.11.2020, er sei „dankbar, dass die #Medien ihren Auftrag erfüllen und Dinge aufklären, die wir gerade nicht schaffen aufzuklären“. Das bezog sich auf die Thematik des Missbrauchs in der Kirche. Logisch wäre aus meiner Sicht, diese Haltung nun auch auf die gesamte Theologie auszudehnen: Es gibt eine unvoreingenommene theologische Aufklärung, die aus der Perspektive eines autoritativen Lehramtes nahezu kategorisch unmöglich ist und zu der es daher eines von grundlegend anderen sozialen Rollenbedingungen getragenen Blickwinkels bedarf. Das zuzulassen, dazu besteht jedoch offenkundig bei einigen, mutmaßlich zahlreichen Kollegen von Bätzing nach wie vor nicht einmal ein Minimum an Bereitschaft. Denn dem bemerkenswerten Bätzing-Diktum entgegen steht nun eine dpa-Meldung vom 20.4.21: „Der Passauer Bischof Stefan Oster fordert eine Diskussion darüber, welche katholischen Medien mit Kirchensteuern finanziert werden und wer Theologie an der Universität lehren darf. Aktueller Anlass ist eine Äußerung der Tübinger Theologin Johanna Rahner zur Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche: Wer nicht aktiv gegen die Diskriminierung eintrete, sei ‚ein Rassist‘. Auch kirchliche Medien hatten darüber berichtet. Oster kritisierte dies auf seiner Homepage und forderte Konsequenzen.“

Zwar kann auch ich nicht nachvollziehen, inwiefern „Gender“ eine „Rasse“ sein soll – hier scheint mir leider tatsächlich eine nicht hinreichend akademische Schlampigkeit des Begriffsgebrauchs vorzuliegen -, aber dieser diskursive „Nebenkriegsschauplatz“ ist mir nicht wichtig genug, um mich seinetwegen in die ungewollte, aber faktische argumentative Nähe von inner- wie außerkirchlichen Rechtskonservativen zu begeben, die es lieben, derartige nachrangige Einwände augenwischerisch aufzubauschen. Entscheidend ist, dass die Wortmeldung von Stefan Oster mit deprimierender Deutlichkeit gezeigt hat, wie wenig der deutsche Episkopat in Wirklichkeit gewillt ist, an Zustand, Verfassung und Strukturen seiner Kirche irgendetwas zu ändern. Während Kardinal Woelki sich aus einem entsprechenden Bekenntnis notorisch diplomatisch herauslaviert, pflegt Oster zunehmend den unverblümten Stil. Darüber, was von beidem schlimmer oder besser ist, mag ich schon gar nicht mehr reflektieren.

Suezkanal, Ende März 2021

„Der HERR verhärtete das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, sodass er den Israeliten nachjagte, die Israeliten aber zogen aus mit hoch erhobener Hand. Die Ägypter jagten mit allen Pferden und Streitwagen des Pharao, mit seiner Reiterei und seiner Streitmacht hinter ihnen her und holten sie ein, als sie gerade am Meer lagerten. (…) Als der Pharao sich näherte, blickten die Israeliten auf und sahen plötzlich die Ägypter von hinten anrücken. Da erschraken die Israeliten sehr und schrien zum HERRN. Zu Mose sagten sie: Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan, uns aus Ägypten herauszuführen? Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der Wüste zu sterben. Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der HERR euch heute rettet! Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. Der HERR kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten. Der HERR aber dachte: Wenn wir jetzt nur drei- oder viertausend Jahre später hätten, könnte ich hier einfach einen mittelgroßen Containerfrachter querlegen, und mein Volk könnte trockenen Fußes über eingeschweißte Elektronikbauteile durchs Rote Meer ziehen. Das kommt davon, wenn man es so eilig hat mit der Erlösung.“ (Ex 14,8-?)

Brüder im Nebel

Es sollte wohl auf „Brüder im Geiste“ anspielen, als Joachim Kardinal Meisner einer geheimen Akte über klerikale Missbrauchstäter im Erzbistum Köln den Titel „Brüder im Nebel“ gab.

Angesichts der Tatsache, dass im Hebräischen der Bibel regelmäßig dieselben Wörter sowohl physische als auch transzendente Bedeutungen tragen können, fragt sich freilich, wer da eigentlich Geist und Nebel verwechselt hat: die „Protagonisten“ dieser Akte oder ihr Verfasser bzw. Auftraggeber.

Nun besteht ein interessanter Unterschied zwischen den beiden Sprachbildern darin, dass im einen Fall, „im Geist“, der gemeinsame Aufenthalt im selben Geisteszustand eindeutig die Voraussetzung für die Empfindung der Geschwisterlichkeit bildet, wohingegen im anderen Fall, „im Nebel“, vermutlich die ideelle Verbundenheit gerade in einer Situation betont werden soll, in der in einem wesentlichen Punkt eben gerade keine Gemeinsamkeit des Innenlebens vorliegt. Die andere semantische Möglichkeit wollen wir Kardinal Meisner jedenfalls nicht unterstellen; wenn wir das aber nicht tun, ist freilich schon bedenklich genug, dass ihm die semantische Fragwürdigkeit seines Sprachspiels nicht bewusst war.

Ein alter Witz aus der DDR fragte, weshalb man die Sowjetunion als „großen Bruder“ und nicht als „großen Freund“ bezeichne, und gab zur Antwort, dass man sich Freunde aussuchen könne. Angesichts dieser Einsicht fragt sich, wie sich eine falsche Auffassung von „Korpsgeist“ unter „Brüdern“ vermeiden lässt, die letztendlich zur Vertuschung von Straftaten führt. Vielleicht hat die Antwort darauf Konfuzius gegeben, dessen Lehre für meinen Geschmack so gar keine genialische Ausstrahlung hat, dafür aber sehr realistisch ist: Er meinte, es komme vordringlich darauf an, „die Sprache zu reinigen“ oder „die Begriffe zu ordnen“, oder wie immer man das Chinesische an dieser Stelle genau übersetzen möchte (was sich meiner Kompetenz entzieht).

Zumindest mit klaren Worten hätten in diesem Sinne die Kölner „Brüder im Nebelwerfen“ ja schon längst einmal anfangen können; das wäre definitiv nicht zu viel verlangt gewesen.

Gottesdienst und Menschendienst

David W. Bebbington hat als eines der vier zentralen Wesensmerkmale des Evangelikalismus dessen sozialen, solidarisch-wohltätigen Aktionismus hervorgehoben. Dem schroff entgegen steht das heutige liturgie-zentrierte Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche. Stellen wir also die „Gretchen-Frage 2.0“: Was soll ein guter Christ denn nun wirklich an erster Stelle tun – an gottesdienstlichen Feiern teilnehmen oder karitativ-fürsorglich gegenüber anderen sein?

Um ein klitzekleines Bisschen auszuholen: In einem Zusammenhang, in dem es von hoher Wichtigkeit ist, dass zwei plus zwei vier ergibt, tut es das nicht auf eine andere Weise als in einem Zusammenhang, in dem es auf dieses Rechenergebnis weniger ankommt. Es ergäbe keinen Sinn zu sagen: In einem technischen Zusammenhang ist zwei und zwei vier, weil das dort wichtig ist – unter anderen Umständen aber, zum Beispiel in einem historischen Zusammenhang, könnte zwei plus zwei auch etwas anderes ergeben. Nein, es ergibt immer vier. Ähnlich verhält es sich mit der Relevanz der Priorisierung zwischen Liturgie und Diakonie als Wesenszeichen des Christentums aus spiritueller Sicht. Aus spiritueller Sicht ist tatsächlich relativ „egal“, ob ein Christ sein Weltverständnis mehr auf die eine oder mehr auf die andere Weise ausdrückt – denn gerade durch diese Gleichgültigkeit wird ja die tiefe Wahrheit bezeugt, dass alles immer unmittelbar vom Wirken der göttlichen Gnade abhängt.

Und dennoch bleibt unabhängig davon wahr, dass Diakonie wichtiger ist als Liturgie, weil sie für die Mitmenschen, die „Nächsten“ des Christen wichtiger ist. Wir sind nicht dazu bestimmt, auf uns selbst bezogen zu sein.

Die Entscheidung über das je eigene Tun hat allerdings die „Berufungsethik“ zu liefern (ein Konzept, das ich an anderer Stelle eingehend entwickelt habe). Es mag einzelne geben, die sich als Christen mehr zur Liturgie als zur Diakonie berufen fühlen, und dann ist das auch legitim; und wenn Gott wollte, könnte er zweifellos machen, dass das auf die Mehrheit der Christen zutrifft.

Dass er das aber nicht will, ist nicht nur eine Beobachtung an der Lebenswirklichkeit einer überwältigenden Mehrheit aller Christen, sondern geht auch schon aus dem Auftreten der Propheten der vorchristlichen Bibel deutlich hervor. Insofern wäre eine Kirche klar auf dem Irrweg, wenn sie sich als religiöse Institution explizit und verbindlich über einen Primat des Liturgischen definieren würde.

Das ist auch in der katholischen Kirche nicht der Fall. Es handelt sich bei ihrem vermeintlichen Liturgie-Primat um eine verbreitete Fehl-Auslegung der kirchlichen Lehre, nicht um das, was wirklich in ihren älteren lehramtlichen Dokumenten steht – auch wenn diese Fehlauslegung oft genug sogar von Vertretern ihres Lehramtes selbst forciert wurde. Sowohl „Sacrosanctum Concilium“ als auch CIC 1983 Can. 834 § 1 klingen so, als ließe sich schwerlich etwas anderes als ein klarer absoluter Vorrang der Liturgie im Wesen der römisch-katholischen Kirche aus ihnen herauslesen. Aber diese beiden Texte stammen von 1963 und 1983, und kein älterer lehramtlicher Text der katholischen Kirche hat sich diesbezüglich je so weit „aus dem Fenster gelehnt“. So enthält beispielsweise das überaus maßgebliche Eucharistie-Dekret des Konzils von Trient (1551) noch keinerlei Aussagen zu diesem Thema, und ebensowenig tun das die Dekrete desselben Konzils über Rechtfertigung und Sakramente von 1547. Es war erst Pius IX., der auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 mit der heutigen extremen abstrakten Selbst-Dogmatisierung der „römisch“-katholischen Kirche begonnen hat. Darin sind leider starke Züge einer fortschreitenden Fehlentwicklung zu erkennen, gegen die das Gewicht von mindestens anderthalb Jahrtausenden älterer, tatsächlich „pluralistischerer“ Kirchengeschichte steht.

Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist meines Erachtens in institutionell-kirchlichem Machtstreben zu sehen. Eine Kirche, die Liturgie als ihre Mitte definiert, hat mehr amtliche Kontrolle über das Leben ihrer einzelnen Gläubigen als eine Kirche, die ihre Mitglieder vorrangig in die sehr vielfältigen Erfahrungsfelder der praktischen Mitmenschlichkeit aussendet. Solange die Kirche weltliche Macht hatte, interessierte sie sich noch nicht für den Gedanken „psychosozialer“ organisierter Autorität über ihre Anhänger. Letztere Idee wurde erst relevant, als die Kirche ihre weltliche Macht verlor. Das Erste Vatikanische Konzil fasste seine (von Pius IX., wie Hubert Wolf eindrucksvoll geschildert hat, nahezu „erpressten“) Entschlüsse in demselben Jahr 1870, in welchem dem Papst der Kirchenstaat sozusagen unter dem Thron Petri weggezogen wurde. Seitdem wurde für den katholischen Klerus die Frage brennend relevant, auf welche Weise die Kirche eigentlich „herrschen“ kann. Zu ihrer Antwort gehörte, das gesamte Gottesvolk durch Einschwören auf einen so zuvor theologisch nie dagewesenen Liturgie-Zentrismus vom Walten der klerikalen Amtsträger abhängig und somit diesen hörig zu machen.

Der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann hat in der „Herder Korrespondenz“ 5/2019 einen bemerkenswerten Artikel darüber veröffentlicht, dass der zu Missbräuchlichkeiten verschiedenster Art neigende Klerikalismus seine Wurzeln und Quellen auch und gerade in der Liturgie habe. Was ich hier schreibe, leuchtet sozusagen die weiteren kirchenhistorischen Zusammenhänge dieser Beobachtung aus.

Fazit: Eine „berufungsethische“ primär liturgische Daseinsbestimmung eines einzelnen Katholiken kann und darf sich sozusagen gegebenenfalls immer nur „ausschlussdiagnostisch“ herausstellen (vom Protestantismus unterscheidet den Katholizismus in dieser Hinsicht nur, dass ein individueller Liturgie-Primat überhaupt möglich ist); auch Katholiken müssen sich als ernsthafte Christen in erster Linie darüber Gedanken machen, wie sie ihren Mitmenschen in deren jeweiligen echten Bedürfnissen, Sorgen und Nöten im Sinne der von Jesus in den Vordergrund gestellten Nächstenliebe konkret dienlich und nützlich sein können.

Wäre es anders, könnte man sich das ohnehin drohende Verschwinden der römisch-katholischen Kirche für meinen Geschmack ehrlich gesagt gar nicht schnell genug herbeiwünschen.

Tatort Hirn. Mal wieder zur Frage des Rechtsextremismus

Politisch extrem rechte Positionen haben viel mit dem Wunsch nach Kontrollierbarkeit, nach Beherrschbarkeit der Welt zu tun, der sich wenig verwunderlicher Weise bei vielen stark steigert in einer Ära, die dynamisch ist bis an die Grenze des Chaotischen, in der die Welt und ihre Vorgänge sehr unüberschaubar und undurchschaubar sind. Dass Frauen als Liebespartnerinnen keine Verfügungsmasse der Selbstbestimmung des Mannes über sein eigenes Leben sind, stellt insbesondere für heterosexuelle Männer mit einem entsprechenden hohen allgemeinen Kontroll- und Herrschaftsstreben eine besonders schwere narzisstische Kränkung dar. Diese Beobachtung liefert den Zusammenhang, der begründet, weshalb „Frauenhass in der rechtsextremen Szene als Einstiegsdroge in ein destruktives Menschenbild dient“, wie der neueste „Tatort“ aus Kiel seine düstere populärkulturelle Beschäftigung mit diesem Thema selbst beschreibt.

Das ist ein weiterer jener vielen Aspekte, die zeigen, dass es für Menschen mit einem hohen Kontrollbedürfnis und einem entsprechend anfälligen Charakter kaum einen anderen Ausweg aus dem letztendlich immer mörderisch eskalierenden „rechtsextremen Syndrom“ gibt, wenn die einzige echte Alternative für sie nicht im Bereich des individuell-subjektiv Greifbaren liegt: nämlich Spiritualität im Sinne von „echter, richtig verstandener Religiosität“. Nur in letzterem Geistes- und Seelenzustand nämlich – einschließlich freilich der Komponente einer entsprechenden günstigen sozialen Umgebung, die dieser innerliche Zustand nach sich zieht, von der allein er jedoch nur in wenigen Fällen wird seinen Ausgang nehmen können – ist es meines Erachtens überhaupt möglich, die Unklarheit und Unsicherheit der Welt, insbesondere in Zeiten wie heute, zu ertragen und zu bewältigen, ohne kompensatorisch in totalitäre politische Ideologien zu verfallen.

Allen rein politischen Maßnahmen zur Eindämmung von Rechtsextremismus stellt dieser mein Befund eine infauste Prognose. Wer nicht auch kritische Theologen befragt, wie den tiefen Krisen der Gegenwart begegnet werden muss, wird daher meiner Vorhersage gemäß überhaupt keinerlei echte und befriedigende gesellschaftliche Gestaltungserfolge erzielen. Wobei das Befragen der Theologen natürlich keine Erfolgsgarantie darstellt – ohne es lässt sich nach meiner Einschätzung nur beinahe eine Misserfolgsgarantie abgeben.

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