„Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“?

Das neunte Kapitel des Lukasevangeliums beginnt mit folgendem Gleichnis, das Jesus erzählt:

„Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (unklar: was? das Leben? das Geld?; Anm.) zu Ende geht! Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben? Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Lk 16,1-13)

Was ein einzelner Satz in der Bibel bedeutet, kann man nur dann sinnvoll analysieren, wenn man ihn in seinem Kontext betrachtet. Das mag, wenn ich es so sage, nicht nach einer weltbewegenden Erkenntnis klingen – aber insbesondere dann, wenn ein übersetzter Satz offenbar mit seiner ganzen Beschaffenheit die sofortige kritische Frage nach seinem Wortlaut in der Originalsprache aufzuwerfen scheint, wird diese vermeintlich triviale Weisheit doch gelegentlich nicht hinreichend beachtet. „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ ist so ein Satz. Was immer da auf Griechisch stehen mag – zuerst sollte man sich darüber im Klaren sein, in welchen Kontext es eingebettet ist. Deshalb habe ich diesen Kontext eingangs geduldig in seinem weiten Ganzen wiedergegeben.

Es ist höchst charakteristisch für die Gleichnisse des Jesus unserer kanonischen Evangelien, dass die (vermeintliche) Eindeutigkeit dessen, was sie aussagen wollen, umso stärker „verdunstet“, je länger und gründlicher man sie daraufhin „abklopft“. Oft bedeuten sie bei genauerem Hinsehen geradezu das diametrale Gegenteil dessen, was sie auf den ersten Blick zu meinen scheinen.

Es ist unergiebig, die genauen Prozeduren rekonstruieren zu wollen, die vor zweitausend Jahren zur Verfügung standen, um Urkunden gegen Fälschung zu sichern. Klar ist aber, dass der Verwalter seinen Betrug erst einfädelt, nachdem sein Herr ihm bereits misstraut. Damit ist sein unredliches Verhalten insgesamt überhaupt nicht klug – egal wie geschickt er es im Detail einfädeln mag. Er denkt nicht einen Augenblick lang darüber nach, wie er sich rehabilitieren kann – den Versuch dazu unternimmt er gar nicht. Im ersten Vers heißt es nur, er „werde beschuldigt“ – dort stellt der auktoriale Erzähler das Fehlverhalten des Verwalters also gar nicht als faktischen Sachverhalt dar, sondern lässt die Frage nach den Fakten mit Bedacht offen. Dadurch aber, dass er sich seinem Herrn gegenüber nicht verteidigt, belastet der Verwalter sich selbst – und trägt auf diese Weise dazu bei, dass der Herr den gefälschten Schuldscheinen schwerlich arglos auf den Leim gehen wird. Wenn es heißt, der Herr selbst habe die Klugheit des Verwalters gelobt (Vers 8), kann damit folglich nur eine Ironie gemeint sein, die an Hohn grenzt. Vor allem anderen ist dieser Verwalter also ein Vollidiot. Damit verkehrt sich der ebenso problematische wie trügerische oberflächliche erste Anschein, der Verwalter werde für sein Verhalten „auktorial-letztinstanzlich“ gelobt, am Ende der eingehenderen Analyse radikal in sein Gegenteil – typisch Jesus-Gleichnis. Entsprechend heißt es in den Versen 10-11: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen?“ Diese Verse unterstreichen, dass das Lob des Verwalters nicht ernst gemeint gewesen sein kann, denn sie würden andernfalls keinen Sinn ergeben.

In diesen Kontext eingebettet also tritt der ominöse Vers 9 auf. Er macht aus dem ganzen Text nun leider in der Tat ein Gehäcksel an Sinnbrüchen, denn er scheint dem Verwalter tatsächlich aus auktorialer Super-Perspektive zu applaudieren. Das ist der richtige zugespitzte Erkenntnis-Ausgangspunkt, von dem aus erst wahrhaft ergiebig ins philologische Mikroskopieren dieses Verses eingestiegen werden kann.

„Heautoîs poiésate phílous ek tou mamonâ tes adikías.“

Was zunächst auffällt, ist, dass der originale Wortlauf gar nicht zu einer freundschaftlichen Beziehung mit „dem ungerechten Mammon“, sondern mit der „Ungerechtigkeit, welche aus dem Mammon resultiert“ auffordert: Wir haben es hier nicht etwa mit dem Adjektiv „ungerecht“, sondern mit dem Substantiv „Ungerechtigkeit“ zu tun, und zwar ist letzteres als das eigentliche Objekt bzw. die Objekterweiterung des Satzes positioniert, als deren nähere Bestimmung „Mammon“ auf einer hypotaktisch nächstniedrigeren Stufe dient. Dass die meisten Bibelübersetzungen diesen grammatikalischen Sachverhalt einfach ignorieren und vom „ungerechten Mammon“ sprechen, mag auf den ersten Blick wie eine Bagatelle wirken – aber auch hier trügt der allzu schnelle erste Blick. „Sich mit dem Mammon Freunde machen“, nämlich mit dem potenziell ungerechten, das heißt „gerechtigkeits-blinden“, ohne sich dabei zu fragen, ob er in dem Moment, in dem ich meine materiellen Verfügungsmöglichkeiten nach Gesichtspunkten eines maximierten Mich-beliebt-Machens einsetze, objektiv betrachtet damit eine gerechtigkeitskompatible oder eine ungerechte Verwendung erfährt – das ist ein einleuchtendes Konzept, das viele von uns aus eigener gesellschaftlicher Lebenserfahrung nachvollziehen können; explizit „sich mit der Ungerechtigkeit Freunde machen“ ist hingegen ein weitaus herausfordernderer, tendenziell absurder Gedanke – zumindest eine zu steile These, um sie ohne weitere Erläuterungen einfach für sich allein stehen zu lassen. Trotzdem warten wir auf jeden Kommentar vergebens.

In dieser textlichen Befundsituation schlage ich eine interpretative Lösung vor, die ich mir, nähme ich die Position eines universitären Exegeten ein, vermutlich nicht ohne Bedenken würde leisten können, weil sie nicht durch Textvarianzen in den ältesten erhaltenen Handschriften gedeckt ist. Damit wird die Frage nach Lk 16,9 aber aus meiner Sicht zugleich zu einem Paradebeispiel dafür, dass der methodenstrenge universitär-akademische Usus gerade der Theologie bisweilen Grenzen setzt, die zu eng sind für die Erfüllung der eigentlichen Aufgabe der Theologie, welche dem Theologen eine gewisse Kreativität abfordert, die ihm jedoch vom gängigen Universitätsbetrieb mindestens latent aberzogen wird.

Der Dativ Plural wird im Altgriechischen mittels der Endung „-oîs“ angezeigt, der Akkusativ Plural mittels der Endung „-oûs“. In antiken Handschriften sind – zumal angesichts ihres interpunktionslosen Schriftbildes – Schreibfehler an der Tagesordnung. Die „-oîs/-oûs“-Verwechslung gehört dabei zu den „üblichen Verdächtigen“. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch der Vers Lk 16,9 davon betroffen sein könnte, wird dadurch erhöht, dass sich ganz allgemein eine Reihe von Varianzen (wenn auch nicht diese) in den ältesten erhaltenen Handschriften bei unserem Vers konstatieren lässt, wie ein Blick in die Neste-Aland-Ausgabe verrät.

Hätte in der – heute freilich nicht mehr textkritisch bezeugten – ursprünglichsten Fassung dieses Verses der Satzbeginn von Lk 16,9 nicht „Heautoîs poiésate phílous…“ gelautet, sondern stattdessen „Heautoûs poiésate phílous…“, so wären durch Abweichung um eine winzige Menge Tinte sämtliche Interpretationsschwierigkeiten der gesamten Passage behoben, denn dann hieße der Satz: „Befreundet euch selbst mit der Ungerechtigkeit des Mammons, freundet euch mit ihr an!“ Will sagen: Nehmt sie hin; kämpft nicht unsinnig gegen sie an – ihr würdet eure Zeit und Kraft an etwas vergeuden, worum es nicht geht. Die mesquine Dynamik des Geldes und einer geldgesteuerten menschlichen Gesellschaft ist so, wie sie ist; das Himmelreich kommt nicht dadurch, dass man diese Gegebenheit aggressiv negiert, sondern es offenbart sich auf ganz andersartige Weise. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – so lautet ein anderer berühmter Satz Jesu, mit dem Lk 16,9 dann plötzlich reibungslos auf einer Linie läge.

Sozusagen als „Umkehrprobe“ präsentiert sich in diesem Fall zudem die Unsinnigkeit der Aussage: „Freundet euch mit dem ungerechten Mammon an“. Das klingt entschieden nicht nach jener Art von moralischen Messlatten, deren Aufstellung wir ansonsten von Jesus kennen. („Freundet euch mit dem ungerechten Mammon an“ klingt eher nach „Friedrich-Merz-Theologie“.)

Der Verwalter im Gleichnis Lk 16,1-8 erscheint in diesem veränderten exegetischen Licht als einer, der sich mit der Ungerechtigkeit des Mammons eben gerade nicht auf eine spirituell sinnvolle Weise angefreundet hat – er lässt sich von ihr in eine unkluge (nur oberflächlichster weltlicher Betrachtung sehr vorübergehend klug erscheinende) „Gegen-Ungerechtigkeit“ locken, von der Jesus dringend abrät.

So rum „wird ein Schuh draus“, den man als Christ „in echt spirituellem Pragmatismus“ alltäglich tragen kann – und das ist es, worauf es in der Theologie letztlich doch stärker ankommt als auf die relativen Zufälle erhalten oder nicht erhalten gebliebener antiker Handschriften.

Zölibat

Nachdem ich nun doch endlich über das von mir so lange gemiedene Thema „Frauenpriestertum“ geschrieben habe, „muss“ ich an dieser Stelle auch das Thema „Zölibat“ noch einmal aufwärmen.

Der Zölibat ist definiert als ein „standes“-bezogenes Ausschließen oder Verbieten der Ehe. Er meint damit rein vernünftig betrachtet „im ersten Schritt“ noch keinen Ausschluss von sexueller Aktivität. Die traditionelle christliche Moral knüpft allerdings, wie viele andere religiöse Morallehren auch, jegliche sexuelle Aktivität kategorisch an die Bedingung der Ehe; daher gehört die pauschal-totale Enthaltung von sexueller Aktivität aus traditionell christlicher Sicht letztlich eben doch zwingend zu den Konsequenzen der Zölibats-Idee.

Geschichtlich wurde der Zölibat in der katholischen Kirche erst zu einem vergleichsweise späten Zeitpunkt vom Mönchtum auf das gesamte Priestertum übertragen. Diese Ausweitung des Zölibatsanspruchs gehörte wesentlich zu den Inhalten der Gregorianischen Reform im späten elften Jahrhundert. Dabei wurden als Begründung für den „panmonachistischen“ Priesterzölibat sekundäre Rationalisierungen herangezogen. Zu den weniger offen geäußerten, tatsächlich jedoch bestimmenden Gründen für diesen Schritt gehörte das kirchenhoheitliche Bestreben, Vererbung von Kirchengut an die leiblichen Nachkommen eines Pfarrers zu verhindern, um die Kontrolle des Episkopats über den Kirchenbesitz und dessen (politisch) kapitalisierbare territoriale Ausdehnung zu gewährleisten. Zudem begann sich die wichtige Funktion für den diplomatischen Dienst, die den Mönchen als einem in Mitteleuropa nahezu exklusiven alphabetisierten Milieu verstärkt seit der Karolingerzeit zukam, im Laufe der tiefgreifenden soziokulturellen Umwälzungen des elften Jahrhunderts u.Z. – Wiederaufblühen der zuvor rund ein halbes Jahrtausend lang „kataleptisch“ gewesenen europäischen Stadtkultur mit Kaufleuten als Großbürgertum und Hochschulen als bürgerlich getragenen innovativen Bildungszentren – mehr und mehr auch auf den Weltpriesterstand, das Diözesanpriestertum auszudehnen. Als besonderer Vorteil der Mönchsdiplomatie hatte sich aber nicht zuletzt der Umstand erwiesen, dass Mönche nicht im Hinblick auf irgendwelche Familieninteressen erpressbar, korrumpierbar oder auf sonstige Weise unter Druck zu setzen sind, da sie solche „Privatinteressen“ nicht haben; deshalb sollte dieser Vorzug nun mittels Ausweitung des Zölibatsgesetzes systematisch auch auf die zunehmend als weltliche Funktionäre eingesetzten Diözesankleriker übertragen werden.

Als wesentliche Behinderung der Seelsorgetätigkeit hingegen hatte es die ersten tausend Jahre des Christentums hindurch kaum jemand empfunden, wenn die Gemeindepriester zumeist eine eigene Familie hatten. Das entsprechende Argument sollte seit dem Hochmittelalter also eher von den bereits genannten wahren Hauptgründen für die gregorianische Einführung des allgemeinen priesterlichen Pflichtzölibats ablenken, denen zweifellos der Geschmack anhaften muss, zu wenig eigentlich religiöser Art zu sein.

Zwar wurde der allgemeine Priesterzölibat bereits auf der etwas obskuren, wohl besser nicht überzubewertenden spanischen Regionalsynode von Elvira um 300 u.Z. gefordert – bezeichnenderweise aber setzte er sich danach noch lange nicht durch. Die Gründe, weshalb diese Klerus-Disziplin in Elvira gefordert wurde, scheinen allerdings tatsächlich mit dem tiefsten kulturgeschichtlichen Motiv der religiösen Sexualitäts-Aversion zu tun zu haben. Diese Aversion hängt mutmaßlich entscheidend damit zusammen, dass geschichtlich der Zeugungsakt immer in starkem Zusammenhang mit dem Tod gesehen wurde. Angesichts der enormen Kinder- und Kindbettsterblichkeit früherer Zeiten war dieser Zusammenhang auch noch weitaus offensichtlicher, weil viel alltags-präsenter, als er es heute ist. Geburt und Tod markieren aber „ur-semantisch“ das Zeitliche im Gegensatz zum Ewigen, mit welchem Gott klassisch assoziiert wird. Aus diesem Grund ist alles, was mit Geburt und Tod zu tun hat, im Verständnis des vorchristlichen priesterlichen Judentums und seines Tempels kultisch unrein. Der theologisch relevante Gegensatz hierbei lautet allerdings nicht „jüdisch versus christlich“, sondern „priesterlich versus deuteronomistisch“: Jesus war ein „ultra-konsequenter“ Deuteronomist, und der Deuteronomismus hat den priestertheologischen Unreinheitsgedanken für obsolet erklärt und verworfen – ganz klar übrigens bereits in den prophetischen Stimmen der vorchristlichen Bibel.

Die Entstehung des christlichen Monastizismus im alexandria-nahen Ägypten, im antiochia-nahen Syrien und in Palästina im dritten und vierten Jahrhundert u.Z. betonte gerade den deuteronomistischen Ursprung des Christentums in Opposition zur rasch einsetzenden „theologischen (Wieder-)Verpriesterlichung“ der frühen Kirche (und insbesondere nach der Konstantinischen Wende). Deswegen hatte die Etablierung des Zölibats im Zusammenhang mit der Entwicklung des christlichen Monastizismus also offenkundig ganz andere Hauptgründe als die einer „verbreiteten religiös-sexuellen Neurose“. Für einen Mönch ist die praktische Funktion des Zölibats nahezu selbsterklärend: Er nimmt den Zölibat nicht etwa „in Kauf, weil er Priester werden will“, sondern er entscheidet sich in erster Linie für den Zölibat als Lebensform. Lebt der Mönch in Gemeinschaft, so dient ihm seine Ehelosigkeit außerdem dazu, den effektiven Zusammenhalt der konventualen Gemeinschaft zu gewährleisten, damit diese nicht aus psychologischen Ursachen in kleinere, menschlich engere soziale Einheiten „nach innen zerfällt“; denn vor dieser Gefahr ist das Mönchtum aus leidvoller Erfahrung auf der Hut.

Es gibt in der Tat keinen objektiven Grund außer der nun ebenfalls bereits seit vielen Jahrhunderten bestehenden gregorianischen Tradition der Kirche, der plausibilisieren würde, weshalb die ursprünglich aus dezidiert mönchischer Perspektive entwickelten Erwägungen zum Zölibat für katholische Weltkleriker irgendeine zwingende Rolle spielen sollten oder müssten.

Noch besteht das „totale“ römische Zölibatsgesetz erst weniger lang, als es zuvor in der Kirche nicht existiert hat. Vom Jahr 30 u.Z. an gerechnet, wäre der historische „Break-Even-Point“ in knapp hundert Jahren erreicht. Symbolpolitisch könnte man vielleicht sagen, dass es den Katholiken in den nächsten hundert Jahren noch vergleichsweise leichter fallen dürfte, sich von ihrer überspannten aktuellen Version der Ehelosigkeits-Regel unter Verweis auf ein zeit-quantitatives Überwiegen der gegen sie zeugenden „Masse“ an früherer Tradition wieder zu verabschieden. Vielleicht sollte die Kirche bewusst diese psychologische Frist nutzen.

Frauenpriestertum

Meiner persönlichen Meinung nach könnte die Anforderung, dass man für das katholische Priesteramt ein Y-Chromosom sowie die Bereitschaft zum Zölibat mitbringen muss, sofort entfallen. Aber diesseits eines gesteigert phantastischen Wunschdenkens muss ich realistisch konstatieren, dass das schwerlich passieren wird. Meine persönliche Meinung habe ich hiermit also klar gesagt – ab hier äußere ich, nota bene, im folgenden keine reine persönliche Meinung mehr, sondern eher eine affektfreie distanzierte Prognose, wie die Dinge in dieser Sache weitergehen werden.

Die römisch-katholische Kirche lebt in jeder Hinsicht von der Kontinuität ihrer Tradition. Mag diese Kontinuität historisch-kritisch betrachtet noch so sehr eine Fiktion sein, gibt es doch sehr solide Kriterien für die Unterscheidung zwischen einer hochwertigen und einer minderwertigen religiösen Fiktion. Die katholische Kirchentradition ist zweifellos eine geistig extrem hochwertige religiöse Fiktion – und zu dieser gehört ganz unbezweifelbar die ungebrochene, schon mindestens 1.800 Jahre währende Kontinuität des obligatorischen priesterlichen Maskulinismus und Zölibats.

Viele der 1,3 Milliarden Katholiken weltweit suchen in ihrer Kirche seelsorgliche Begleitung und Beratung in Lebenslagen, die so schwierig sind, dass daneben der Wunsch mancher Frauen, hinsichtlich des Zugangs zum Priesteramt den Männern gleichberechtigt zu werden, mitunter durchaus wie ein relatives „Luxusbedürfnis“ anmuten kann. Ich wäre sofort dafür, sich als Kirche diesen „Luxus“ zu leisten, wenn die Sache nicht einen großen Haken hätte: Wenn eine Kirche, die in einem bestimmten Punkt seit 1.800 Jahren immer monoton dasselbe gesagt hat, plötzlich ihre Meinung ändern würde, würden sehr viele ihrer Seelsorge-Suchenden sich plötzlich tief erschrocken fragen, „ob denn der ganze Rest dessen, was einem die Kirche erzählt, womöglich auch nicht stimmt, beziehungsweise ebenfalls so leichthin zur Disposition steht“. Eine derartige Verunsicherung kann für einen Menschen äußerst existenziell werden, vor allem für eine Person, die sich gerade in der vulnerablen Lebensphase einer psychischen und/oder spirituellen Krise befindet, in der sie mit hoher Dringlichkeit nach zuverlässiger geistlicher Begleitung sucht. Es ist grob unsachgemäß und daher ärgerlich, wenn die Rufe nach Frauenpriesterweihe diesen Zusammenhang ignorieren, als wäre er bloß an den Haaren herbeigezogen; das ist geradezu fahrlässig, denn es ist illegitim, zu beanspruchen, man sei mit der Sorge für das spirituelle Seelenheil von Menschen beauftragt, wenn man nicht zuerst die grundlegendsten Erfordernisse des individuell-psychologischen Heils derselben Menschen ernst nimmt – wozu fraglos gehört, dass der Seelsorge-„Klient“ genau wissen will, mit wem er es in der Persönlichkeit des Seelsorgenden zu tun hat und ob dessen geistiger und menschlicher Standort verlässlich und seine Verhaltensweise berechenbar ist.

Wenn man eingehender unvoreingenommen über dieses Problem nachdenkt, wird einem immer klarer, wie entscheidend es angesichts der sakramentalen katholischen Auffassung von Priestertum hierbei auf das richtige Verständnis des Schlüsselbegriffs der „Berufung“ ankommt – und die entsprechende Begriffsklärung birgt einige Subtilitäten. Es sind die Subtilitäten der „Unterscheidung der Geister“ (diakrísis pneumáton, discretio spirituum, 1Kor 12,10). Zunächst einmal ist klar, dass eine Frau, die beharrlich auf ihr tiefes Bewusstsein subjektiver Berufenheit zur katholischen Priesterin hinweist, glaubwürdiger ist als eine, die dafür Argumente anderer Art vorbringt – geschweige denn das Argument: „Ich will auch mal dürfen, sonst isses ungerecht!“. Sakramente sind Gnadengeschenke, und das Zukommen göttlicher Gnade orientiert sich nicht an menschlichen Kriterien für Gerechtigkeit. An dieser Einsicht führt christlich-theologisch kein sinnvoller Weg vorbei. Damit soll freilich nicht gesagt sein, dass männliche Priesteramtskandidaten in dieser Hinsicht immer ein richtiges Selbstverständnis aufweisen, und manche haben ein solches leider auch nach ihrer Weihe immer noch nicht – aber frustrierende Beispiele stellen grundsätzlich höchst selten sinnvolle Argumente für oder gegen irgendetwas dar. Was zu Priesterinnen „kandidierende“ Frauen angeht, so wird die Glaubwürdigkeit ihres Berufenheits-Anspruchs, wenn man diesem wirklich gerecht werden will, in jedem Einzelfall sehr individuell zu beurteilen sein. Eine solche differenzierte Beurteilung im Falle der männlichen Bewerber vorzunehmen, das ist die Aufgabe der Priesterseminare. Daher sollten Priesterseminare mit sofortiger Wirkung auch Frauen aufnehmen. Das ist kirchenrechtlich unproblematisch und kann für alle Beteiligten nur von Vorteil sein.

Wenn etwas mit einem hohen Grad an Offensichtlichkeit auf alle absehbare Entfernung „nicht geht“, sollte man als hinreichend reifer Mensch grundsätzlich unbequem-selbstkritisch in Zweifel zu ziehen bereit sein, was hinter dem eigenen Gefühl, dennoch dazu berufen zu sein, in tieferer individualpsychologischer Wirklichkeit steckt. Wenn ich der Meinung bin, dass sich eine riesige Organisation mit weltweit einheitlichen Regeln, von denen manche schon seit 1.800 Jahren bestehen, ändern muss, damit meine persönliche Berufung sich erfüllen kann, mag zwar tatsächlich der Sinn der betreffenden Regeln noch so fragwürdig sein – trotzdem wirft eine solche Haltung doch zurecht vorrangig die Frage nach gewissen exzentrischen Persönlichkeitsmerkmalen desjenigen Menschen auf, der eine solche Forderung erhebt, einfach weil die Diskrepanz zwischen dieser Forderung und der sie umgebenden Realität so groß ist. Dass genau dieses Argument immer wieder von männerbündlerischen Hardcore-Klerikern missbraucht wird, die insgeheim einfach sozusagen aus „niederen Instinkten“ nicht wollen, dass Frauen ihre ordinierte Glorie mit ihnen teilen dürfen, macht das tiefe Dilemma dieses Arguments aus – das ungeachtet dieses akzidentellen Makels nämlich in seiner Substanz sachlich richtig ist. Immer wieder drängt sich mir, wie so vielen, der Eindruck auf, dass zahlreiche katholische Amtsträger ihre Einwände gegen weibliche Weihe-Ambitionen aus Gründen erheben, die auf der tiefsten, nicht aufrichtig offengelegten Motivationsebene dieser Männer vor allem mit dem Machterhalt ihres eigenen privilegierten Milieus zu tun haben – und leider muss ich dennoch der objektiven Wahrheit zuliebe bestätigen, dass die gegen eine Zulassung des Frauenpriestertums und gegen eine Aufhebung des Pflichtzölibats in der römisch-katholischen Kirche sprechenden Einwände in vielerlei Hinsicht theologisch „richtig“ sind, und zwar „richtig“ in dem Sinne, dass sie ihren Gegenthesen an formaler logischer und fachlicher Qualität überlegen sind.

Jeder andere Jesus als der aus den vier kanonischen Evangelien uns phänomenal entgegentretende ist oder wäre kategorisch eine zu freie oder manipulative Erfindung, um theologisch irgendeine ernsthafte Rolle spielen zu können und zu dürfen; es gibt zu Jesus keine belastbaren unabhängigen Quellen außerhalb des Neuen Testaments, weder zu seiner Person noch zu seinem Wirken – das ist ziemlich feststehender Konsens aller postmodernen theologischen „state-of-the-art“-Wissenschaft. Ein weiterer Konsens vergleichbarer Art besteht darin, dass diese vier Evangelien, zumindest in ihrer uns heute erhaltenen Fassung, frühestens dreißig Jahre nach der Kreuzigung Jesu aufgezeichnet zu werden begannen; diese dreißig Jahre sind bereits ein, wenn auch kurzer, so doch überaus bedeutsamer Teil der „Kirchengeschichte“, und insofern kommt heute auch eine simple hierarchische Überordnung der Autorität der Bibel über die Autorität der kirchlichen Tradition selbst für kritisch-reflektierte Protestanten nicht mehr in fundamentalistischer Reinform in Betracht, denn das Neue Testament selbst erweist sich dem zeitgemäßen wissenschaftlichen Blickt bereits als ein Produkt eines ersten Wegstücks von kirchlicher Traditionsbildung. Unter diesen Umständen kann die Idee des Frauenpriestertums aus der Sicht jeder nüchternen, nicht-propagandistischen kritischen Theologie leider nur als ein „schwacher, defizitärer Ansatz“ bezeichnet werden. Der Jesus der Evangelien zeigt sich zwar immer wieder geradezu als Feminist – trotzdem hat er eindeutig zwölf Männer als symbolische Repräsentanten der zwölf Stämme Israels nominiert, die auf die zwölf Söhne Jakobs zurückgehen; wenn dieser Zwölferkreis der Blueprint des katholischen Klerus ist, gibt es in dieser Sache tatsächlich keine kirchlichen Interpretationsspielräume – vor allem nicht mehr nach den besagten inzwischen 1.800 Jahren einer unveränderten kirchlichen Auffassung dieses Sachverhalts.

Es ist schon allein religionsphilosophisch kaum überzeugend erklärbar, wie es möglich sei sollte, dass eine Offenbarungsreligion nach den Regeln von Demokratie funktioniert. Auch in diesem Punkt würde ich persönlich mir wünschen, es wäre anders – weil das nämlich bedeuten würde, dass von den Entscheidungen individueller wie kollektiver menschlicher Autonomie grundsätzlich doch mehr und besseres zu erhoffen und zu erwarten sein könnte, als wir alltäglich gewohnt sind -, aber ich muss nüchtern feststellen, dass die Wirklichkeit meinen spontanen Neigungen auch in diesem Punkt mal wieder nicht entspricht: Offenbarung ist als solche nicht demokratie-kompatibel. „Als solche“ will sagen: Selbstverständlich können Christen Demokraten sein (andernfalls könnte ich kein Christ sein); aber echte, ernsthafte und tiefer reflektierte Christen können meines Erachtens nicht umhin zu konstatieren, dass der Geltungsbereich des Konzepts „Demokratie“ der Staat im engen Sinne ist, und nicht irgendetwas anderes, auf das dieser Geltungsbereich sich legitim und sinnvoll ausweiten ließe. Die Klage, der römische Ausschluss des Frauenpriestertums sei „undemokratisch“, ist also tatsächlich seriös-theologisch vollkommen irrelevant. Sollte sich übrigens irgendein Staat der Jetztzeit dazu hinreißen lassen, wegen des von mir soeben skizzierten „Anwendungs-Minimalismus“ der Demokratie hoheitlich-juristisch gegen die römisch-katholische Kirche vorzugehen, wäre das ein Akt politischer Total-Idiotie, weil das die Christen und ihre Theologie notwendig in einen märtyrerhaften offenen oder verdeckten und versteckten Widerstand gegen die Staatsgewalt zwingen würde, in dem sehr konservative kirchliche Gesamt-Positionen letztendlich mehr und vernehmlicher Zustimmung seitens wirklich klar denkender Köpfe erfahren würden, als es mir persönlich lieb sein kann; mit anderen Worten, in einem solchen repressiven gesellschaftlichen Klima würde auch theologisch keine Reformentwicklung gedeihen, die zu einer offeneren und „gegenwartsbefreundeteren“ Kirche hinführt. Aber das nur am Rande.

Aus all den oben genannten schwerwiegenden Gründen wird es – so meine illusionslose Prognose – schlicht nicht passieren, dass die römisch-katholische Kirche von den Regeln abrückt, mit denen sie ihr Priestertum bislang so streng umwehrt hat. Wer immer die Priesterkaste im Vatikan hinsichtlich deren Kompetenz, über diese Dinge zu bestimmen, entmachten will, beschädigt die Substanz der römisch-katholischen Kirche – und zwar nicht deshalb, weil diese „institutions-disziplinarischen“ Fragen ernsthaft einen innersten Teil der katholischen Glaubenslehre bilden würden (davon kann meines Erachtens keine Rede sein, aber diese Debatte geht am Kern der Sache völlig vorbei), sondern aufgrund ganz anderer und viel „pragmatisch-wirklichkeitsmächtigerer“ Zusammenhänge: Seit Pius IX. (1846-1878) beruht die Stärke der katholischen Kirche in einem nie zuvor dagewesenen Maß auf einem universellen Papst-Zentralismus. Um hierzu einen etwas gehässigen Vergleich zu wagen, der im Jahr 2021 brandaktuell ist: Die US-Republikaner sind nicht alle Donald Trump deswegen in blindem Gehorsam in den politischen Abgrund gefolgt, weil sie etwa persönlich von ihm so begeistert gewesen wären, sondern weil es in einer gegebenen Situation für sie keine Alternative gab, um an der Macht sein zu können. Sollte der Papst mich für diesen Vergleich persönlich um eine Entschuldigung bitten, werde ich gerne Buße tun. Aber der Sache nach ist es genau dieses Muster, um das es bei der katholischen Kirche in analoger Weise geht: Der Papst kann von Zölibatsverpflichtung und Männlichkeits-Vorbehalt „seines“ Priestertums unmöglich absehen, und die Katholiken werden den Papst letztendlich weder entmachten noch ausmanövrieren, und zwar weder in dieser Sache noch in irgendeiner anderen innerkirchlichen Streitfrage – sie brauchen ihn zu sehr. Angesichts dieser Situation ist die mehr oder weniger offizielle amtskirchliche Krisenbewältigungs-Devise vom „heiligen Rest“ mitnichten ein überraschender, mitnichten ein verblüffender Ausweg, sondern der einzige („zwangs“-)logisch mögliche.

Fazit? Ich habe meinen wichtigsten praktischen Vorschlag zu diesem Thema an anderer Stelle schon einmal ausführlicher dargelegt: Der einzige „Haken“, an dem die ganze katholische Priesterrolle bei gründlicher Betrachtung tatsächlich fest verwickelt hängt, ist das Zelebrieren-Dürfen der Eucharistie. Die katholische Glaubenslehre würde meines Erachtens, so wie sie ist, den Spielraum bieten, als vollgültige Erfüllung der christlichen „Sonntagspflicht“ auch eine nicht-sakramentale „Agape-Feier“ anzuerkennen, der auch geschulte „Laien“ vorstehen können. Würde dies gewollt überall zum gottesdienstlichen Standard, könnte das herkömmliche Priestertum sozusagen „daneben ohne viel Aufsehens in aller Ruhe und Freundlichkeit aussterben“. Käme es soweit, dann müssten wir Katholiken nicht bloß über das Frauenpriestertum endlich nicht länger debattieren, sondern auch nicht mehr über das Männerpriestertum und dessen offenbar „endemische“ (oder sagt man an dieser Stelle besser „kongenitale“?) per- und diverse Missbräuchlichkeiten.

Mit anderen Worten: Wenn die Frauenpriestertum-Ruferinnen auch vielleicht nicht alle vorwerfbar zu egozentrisch sind, so sind sie jedenfalls mit ihrer Forderung nicht ZU SEHR, sondern ZU WENIG progressiv: Leicht überspitzt gesagt ähneln sie für meinen Geschmack in etwa martialischen Revolutionären, welche die sie bedrückende tyrannische absolute Monarchie abzuschaffen streben mit dem innovativen Reformprogramm, künftig solle jede/r von ihnen im Rotationssystem jeweils einen Tag lang den Rest der Menschheit schrankenlos tyrannisieren dürfen.

Da hat das Reflexionsniveau aber noch Luft nach oben.

Ein Regenbogen am Tag vor Weihnachten 2020

Du sagtest Du wolltest nie wieder eine Sintflut schicken
worüber Du geschwiegen hast ist
dass Tröpfchen weitaus effektiver sind als Fluten

sahst Du uns mit ein paar Tropfen taufen anstatt
in Jordan-Tiefen wie einst und da bist
auch Du umgestiegen wegen Wasserknappheit?

Falls morgen dein Sohn kommt gib ihm eine Botschaft mit
dass das nicht wahr ist

Theologischer Fleckenlöser

8. Dezember: Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Ernsthaft? So ein Thema auf meinem Blog? Bin ich von konservativeren Blogger-Kollegen gehackt worden?

Nein, ich betrachte diesen Anlass als Gelegenheit, mal wieder ein bisschen „Hardcore-Theologie“ zu treiben, um auch zu diesen exklusiven Geistessphären nicht völlig den Kontakt zu verlieren – und sei es auch nur zu „Trainingszwecken“ -, und zu überprüfen, ob ich derlei noch darauf habe. Wär doch traurig bis tragisch, wenn wir „offenen“ Theologen irgendwann über das beschauliche Niveau von „Diskursanalysen“ nicht mehr hinaus kämen, während unsere konservativen Kollegen weiterhin ihren Geist an den spröden „guten alten“ Materialien des Fachs geschliffen halten.

Am 8. Dezember 1854 verkündete Papst Pius IX. in seiner Bulle „Ineffabilis Deus“ das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens (Conceptio immaculata). Hubert Wolf hat in seinem Buch „Der Unfehlbare“ (2020) detailliert aufgezeigt, welchem machtpolitischen Alleingang die Dogmatisierungen Pius IX. dienten, die einem bis dahin in der katholischen Kirche völlig unüblichen papst-autoritären Procedere folgten, und dass es in diesem Sinne beim Dogma von 1854 keineswegs bloß um dessen Inhalt ging, sondern dass es sich dabei sehr bewusst bereits um einem formalen Testlauf im Hinblick auf jenes zweite Pius-Dogma handelte, das auf dem Ersten Vatikanischen Konzil durchgeboxt wurde, welches der Mastai-Papst nicht zufällig auf den Tag genau fünfzehn Jahre später am „unbefleckten“ 8. Dezember 1869 eröffnen ließ: die Unfehlbarkeit des Papstes.

Christus hat uns durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung von unserer Sünde erlöst, schreibt Paulus (Röm 3,21-26). Der Apostel schreibt weiter: „Durch einen einzigen Menschen (gemeint ist Adam) kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil ‚eph‘ hô‘ alle sündigten.“ (Röm 5,12) Die Vulgata, die kirchlich verbindliche lateinische Übersetzung des griechischen Neuen Testaments, gibt das etwas kryptische „eph‘ hô“ mit „in quo“ wieder, was sich – wenn auch nicht zwingend – auf den besagten „einen einzigen Menschen“, nämlich den ersten Menschen, Adam, beziehen lässt: „In ihm haben alle gesündigt.“

Auf der Grundlage dieser Übersetzung interpretierte Augustinus (354-430) in Röm 5,12 sein Konzept der „Erbsünde“ hinein, die der Einzelne nicht erst selbst begehen muss, sondern die er von seinem Urvater Adam vererbt bekommt, und erlangte mit dieser Doktrin (siehe „De Civitate Dei“, 13. und 14. Buch) als Kirchenlehrer glaubensverbindlichen Status.

Das Konzil von Chalcedon definierte im Jahr 451 in Abwehr verschiedener damals im Schwange befindlicher christologischer Häresien ebenso verbindlich die „zwei Naturen Christi“: Jesus sei „ganz Gott und ganz Mensch“.

In dieser dogmatischen Situation begannen scharfsinnige Theologen ein logisches Dilemma zwischen den lehramtlich fixierten Aussagen der Kirche zu erkennen: Wenn Jesus nicht nur ganz Gott, sondern auch ganz Mensch ist, und wenn zugleich die konstitutive Sündhaftigkeit des Menschen eine Erbsünde ist, dann muss auch Jesus bei seiner Empfängnis in seiner Mutter von der Erbsünde gekennzeichnet gewesen sein. Später im Leben Jesu mochte ja alles mögliche passiert sein, was diesen Fehler sozusagen göttlich „reparierte“ – aber initial war er zunächst einmal („Erb“-)Sünder so wie alle anderen Menschen auch. Oder? Nein, mit diesem Befund war vielen gebildeten antiken Christen unbehaglich zumute. Sünde bedeutet Getrenntsein von Gott – aber „ganz Gott“ ist Jesus zugleich auch immer noch. Ist Gott folglich etwa von sich selbst getrennt? Da es damals noch keine Kopfschmerztabletten gab, entschloss man sich, es mit dieser Art von Mystik lieber nicht allzu weit zu treiben.

Wenn die Evangelisten Matthäus und Lukas, die mutmaßlich in den 70er-Jahren des ersten Jahrhunderts u.Z. schrieben, Jesus bzw. seiner Mutter eine Jungfrauengeburt nachsagen, müssen die Gründe für die Entstehung dieses Konzepts ursprünglich nicht notwendig auf das Problem der Sünde fokussieren – möglich ist es aber durchaus, dass die Frage nach der Sünde bereits damals das entscheidende Motiv für dieses Konstrukt war. Allerdings wurde die menschliche Sündhaftigkeit im ersten Jahrhundert definitiv noch nicht als „Erbsünde“ gedacht, sondern als etwas, das jeder Einzelne selbst tut – nur eben erfahrungsgemäß ohne Ausnahme und damit in der Praxis ebenso regelmäßig wie das Auftreten eines genetischen Merkmals.

Das Erbsünde-Konzept des Augustinus verschärfte die theologische Frage nach dem Ohne-Sünde-Sein Jesu. Zwar konnte man sie, wenn man denn wollte, durch das neutestamentliche Jungfrauengeburt-Programm als beantwortet ansehen; aber bei genauerem Hinsehen bildet letzteres gar keine allzu überzeugende Problemlösung, weil Jungfrauengeburt und „unbefleckte Empfängnis“ im Grunde zwei ganz verschiedene Dinge sind. „Unbefleckte Empfängnis“ bedeutet ja gerade, dass trotz eines ganz gewöhnlichen biologischen Zeugungsaktes die Qualität der Erbsünde dabei nicht weitergegeben wird. Wo der zeugende Part der Heilige Geist ist, scheidet jegliche Weitergabe von „Erbsünde“ von vornherein derart triumphal aus, dass die theologische Rede von der vollständigen Menschennatur des Gezeugten dadurch im Grunde schon wieder ad absurdum geführt wird.

In gewisser Weise kann man deshalb mutmaßen, dass das theologische Nachdenken über die „unbefleckte Empfängnis Mariens“ geisteshistorisch seinen Anfang genommen hat in dem Wunsch, den insbesondere nach Beginn der „Erbsünden-Ära“ zunehmend unpassend übergroß erscheinenden gefühlten Abstand zu verringern, der zwischen einer normalen Zeugung und Empfängnis einerseits und der Jungfrauengeburt Jesu andererseits imponiert: Wenn auch ein – wenigstens 1 – „normaler“ Mensch ohne die Erbsünde empfangen werden kann, dann wird dadurch indirekt die behauptete und theologisch so wichtige Menschlichkeit des jungfrauengeborenen Jesus intuitiv etwas nahbarer. „Natürliche“ Kandidatin für diese gleichsam vermittelnde Rolle ist selbstverständlich die Mutter Jesu.

Es darf nicht verschwiegen werden: Die „unbefleckte Empfängnis Mariens“ hat kein überzeugendes biblisches Fundament; Thomas von Aquin lehnte sie ab; ihr erster großer theologischer Verfechter Johannes Duns Scotus „wurde deshalb von weiten Kreisen lange Zeit als Irrlehrer angesehen“ (Hubert Wolf, „Der Unfehlbare“, 2020, S. 196). –

Was aber ist für uns heute an alledem noch tatsächlich theologisch lehrreich im Sinne von etwas für die Gegenwart immer noch Verwertbarem? – Die Vernunft christlicher Theologen hat sich über den größten Teil zweier Jahrtausende hinweg an dem Versuch abgekämpft, transzendente Verhältnisse argumentativ zu plausibilisieren, die sich unseren rationalen Geistesstrukturen kategorisch entziehen. Vergebens war dieser Kampf nicht, weil er maßgeblich dazu beigetragen hat, die typisch europäische Intellektualität zu schulen. Gleichzeitig war als eigentlich theologisches Ergebnis dieses langen, leidenschaftlichen geistigen Ringens die gleichsam qualifizierte Kapitulation vor dem Unerklärbaren entscheidend – die allerdings erst seit dem mittleren zwanzigsten Jahrhundert langsam endgültig konstatiert zu werden beginnt.

Kleine Hirtenkunde

Wenn wir, wie jedes Jahr, die Krippen herausholen und schauen, ob noch alle Arme und Hufe an allen Figuren dran sind, wird mir immer sehr deutlich, dass die mit dem niedrigsten gesellschaftlichen Status, die Hirten und ihre Tiere, für die Weihnachtsszene genauso unverzichtbar sind wie alle anderen Teilnehmer. Um ganz ehrlich zu sein, könnte ich mir unterm Christbaum am ehesten noch die kluge Elite wegdenken, die mittels Stern-Navi aus der Ferne zu Besuch angereist kommt, jene „Weisen aus dem Morgenland“, die bezeichnenderweise ja auch aus einem anderen Evangelium stammen (aus Matthäus, während der gesamte Rest der traditionellen Szene von Lukas ist – und die bei Matthäus übrigens auch weder Könige noch drei sind, sondern bloß drei Geschenke bringen; aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes, eigenes Thema).

Jedenfalls, ohne die Hirten geht bei der Geburt des Heilands gar nichts. Um darüber angemessen zu staunen, um zu ermessen, wie wenig so ein Hirt gesellschaftlich eigentlich wert war, kann man sich beispielsweise klar machen, dass den Hirten ihre Tiere nicht gehörten. Das kann man mit Sicherheit sagen, weil alle Stellen im Alten Testament, die von Hirten handeln, darauf sehr deutlich hinweisen.

„So entstand Streit zwischen den Hirten der Herde Abrams und den Hirten der Herde Lots…“ (Gen 13,7).

Die ganze Beziehung zwischen Jakob und seinem Schwiegervater Laban, beginnend mit der Szene in Genesis 29,1-10, in der eine ausgeklügelte Regelung gegen Missbrauch und Diebstahl von Wasser (der schwere Stein auf der Quelle, den immer nur mehrere Hirten gemeinsam bewegen können), zeigt, dass die Hirten nicht die Eigentümer der Herde sind, um die sie sich kümmern.

Der Pharao sagt zu Josef: „Das Land Ägypten steht dir offen. Im besten Teil des Landes lass deinen Vater und deine Brüder wohnen! Sie sollen sich im Land Goschen niederlassen. Wenn du aber unter ihnen tüchtige Leute kennst, dann setze sie als Aufseher über meine Herden ein!“ (Gen 47,6)

Der Prophet Jeremia donnert: „Wo ist die Herde, die dir anvertraut war, wo sind die Schafe deines Ruhms?“ (Jer 13,20) – „Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen – Spruch des HERRN. Darum – so spricht der HERR, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt kümmere ich mich bei euch um die Bosheit eurer Taten – Spruch des HERRN. Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide und sie werden fruchtbar sein und sich vermehren. Ich werde für sie Hirten erwecken, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verloren gehen – Spruch des HERRN.“ (Jer 23,1-4) – „Klagt, ihr Hirten, und schreit; wälzt euch im Staub, ihr Herren der Herde! Denn die Zeit ist gekommen, dass ihr geschlachtet werdet; ich zerschmettere euch, dass ihr berstet wie ein Prunkgefäß. Es gibt keine Flucht mehr für die Hirten, kein Entrinnen für die Herren der Herde. Horcht, wie die Hirten aufschreien und die Herren der Herde wehklagen, weil der HERR ihre Weide verwüstet.“ (Jer 25,34-36) (Gerade die letzten Verse können einen freilich durchaus in mehrfacher Hinsicht sehr nachdenklich machen: Unsere Bibel ist nicht immer so „nett“ wie in der Krippenszene des Lukas.)

Nicht zuletzt verdient im Neuen Testament der gleichnishafte „verlorene Sohn“ sich seinen Lebensunterhalt auf der Höhe seiner Not als Hirt, was offensichtlich ein Bild für eine prekäre Existenz ist. Lk 15,15 sagt freilich ausdrücklich, dass der junge Mann zu den Schweinen geschickt wird, was vermutlich noch einmal eine Hierarchie innerhalb des Hirtenstandes ausdrückt, da Schweine ihrer Anspruchslosigkeit wegen in der Nähe des Hauses gehalten werden und ihren Hütern daher vergleichsweise weniger Kompetenzen abverlangen. Andererseits betont das „unjüdische“ Motiv der für Juden kultisch unreinen Schweine in dem lukanischen Gleichnis zweifellos in erster Linie das Kolorit der Fremde, in die der verlorene Sohn sich begeben hat, was seine Vergleichbarkeit mit anderen biblischen Hirtengestalten wieder reduziert.

Geringfügig bessergestellt sind in der Hirtenfunktion freilich gegebenenfalls die Söhne des Herdenbesitzers. Aufgrund der kulturgeschichtlich einzigartig starken Rolle des Erstgeburtsrechts im alten Israel ist hierbei jedoch noch einmal ein Unterschied zu erkennen zwischen Erstgeborenen und jüngeren Söhnen. Der jüngste Sohn wird zwar jeweils nur wenig erben und Schwierigkeiten haben, den Status seines Vaters einzuholen; dennoch steht auch er in der gesellschaftlichen Hierarchie immer noch ein kleines Stück über den angestellten Hirten. Dies kommt in der Erzählung von den Söhnen Jakobs, als sie ihren zweitjüngsten (Halb-)Bruder Josef in die Sklaverei verkaufen (Gen 37), ebenso zum Ausdruck wie in der Erzählung von der Königssalbung Davids als des Jüngsten unter seinen Brüdern, der zwecks dieser Salbung direkt von der durch ihn soeben noch beaufsichtigten Schafherde seines Vaters weggeholt wird (1Sam 16,1-13).

Der 23. Psalm mit seinem Leitmotiv „Der Herr ist mein Hirte“ muss vor diesem Hintergrund innerhalb des Gesamthorizonts der biblischen Theologie als untypisch bezeichnet werden. Hier wird die „Übergebühr“ des hirtlichen Handelns rühmend herausgestellt, indem sie als eine Eigenschaft Gottes erscheint – theologisch ist diese Volte unkonventionell und kühn, denn ansonsten ist es in der Bibel nie Gott, der mit einem Hirten verglichen wird, sondern die Könige Israels sind es zumeist – wie beim zitierten Jeremia -, auf die ein solcher Vergleich zielt, während Gott dann jeweils dem die Könige beauftragenden Eigentümer der Herde entspricht.

Der Gesamteindruck, den alle diese Stellen gemeinsam formen, zeigt sehr klar: Als das Alte Testament geschrieben wurde, geschah dies zu einer Zeit, in der es längst gesellschaftlicher Standard in Israel geworden war, dass Herden nicht von ihren Eigentümern geweidet wurden, sondern von Hirten mit dem Status von „Angestellten“. Herdenbesitz machte einen Mann reich. (Von Frauen reden wir hier tatsächlich nicht; Frauen hatten keinen Besitz, sie waren Besitz – grässlich, aber wahr.) Auf dem Feld der Viehzucht begann die „Kapitalisierung“ historisch früher als beim Ackerbau. Und entsprechende gut situierte „Tierunternehmer“ führten nicht mehr selbst ihr Vieh auf die Weide, sondern dafür hatten sie ihre Leute, die in jener hierarchischen Gesellschaft nur geringfügig angesehener waren als Tagelöhner, die die unterste Packung der Statuspyramide bildeten.

Für mich wirft diese biblisch-historische Beobachtung im Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte folgende Frage auf: Für uns heute ist ein Angestellter zumeist und in erster Linie jemand, der die ihm übertragene, arbeitsvertraglich genau definierte und geregelte Tätigkeit verrichtet und an der Grenze dieser Definition angekommen sich nicht automatisch dafür zuständig fühlt sicherzustellen, dass seine Leistung tatsächlich zum Erreichen eines höheren Gesamtziels beiträgt – für letzteres wird nämlich der Lohnherr, der Arbeitgeber, der Vorgesetzte als zuständig und verantwortlich angesehen. Wenn er mit seinem Unternehmen nicht zu seinem letztendlichen und eigentlichen Erfolgsziel gelangt, muss er die partikuläre Arbeit seiner Mitarbeiter, die bloße „Arbeitnehmer“-Stellung innehaben, eben anders definieren – und sie anders entlohnen.

Nun haben es die biblischen Arbeitnehmer in der Weidewirtschaft aber mit Lebewesen zu tun. „Unternehmensziel nicht erreicht“ bedeutet hier: ein Lebewesen, das leben will, das fühlen, leiden und Angst haben kann, ist tot. Natürlich sind die Nutztiere auch dazu da, geschlachtet zu werden; aber solche Tötung wird gerade in der Bibel keineswegs als eine Bagatelle angesehen: Ursprünglich will die Bibel Schlachtung überhaupt nur im direkten Zusammenhang mit dem Kultopfer an den einen, wahren Gott Israels zulassen. („Später“ muss sie das freilich wieder relativieren, weil diese Regel angesichts nur noch eines einzigen Tempels praktisch nicht mehr organisierbar erscheint – einer meiner theologischen Lehrer formulierte die dahintersteckende Problemfrage anschaulich so: „Für jede Scheibe Schinken auf dem Bagel eigens nach Jerusalem pilgern?“) Dieses ideelle Arrangement verrät jedoch beträchtliche Gewissenhaftigkeit im Umgang mit dem Leben von Tieren. Mindestens zwei explizite Tierschutzregeln im Deuteronomium unterstreichen diese israelitische Grundhaltung (Dtn 22,6-7 und Dtn 25,4).

Der antike Hirt ist bei der Ausübung seines Erwerbs auf sich allein gestellt. Es gibt keine Handys und keine Wettervorhersage – dafür eine Menge tierische und menschliche Räuber außerhalb der dichten Siedlungen, die nur einen sehr kleinen Teil des unübersichtlichen Landes bedecken. Außerdem gewinnt der Hirt die ihm anvertrauten Lebewesen lieb. In eine typische heutige „Angestellten-Mentalität“ kann er sich unter diesen Bedingungen und Umständen nicht zurückziehen. Von ihm wird sozusagen kategorisch mehr verlangt als das, wofür er bezahlt wird. Er muss ständig „mehr tun als seine Pflicht“.

Wenn die Berufsgruppe, die sich heute „Pastoren“ nennt, das, was die Hirten tierischer Herden – damals in der Antike und heute, auch wenn sie inzwischen eine weitaus seltenere Erscheinung geworden sind, immer noch – leisten müssen, in vergleichbarer Weise, unter den gleichen Arbeitszeitbedingungen und auf demselben Entlohnungsniveau leisten müsste, würde das bei ihnen wohl manche Perspektiven stark zurechtrücken. Einer der wenigen in Deutschland heute noch aktiven echten Hirten hat diese aufschlussreiche Bemerkung letztes Jahr einmal im Interview mit einem theologischen Podcast fallen gelassen.

Plötzlich erkennen wir an den Hirten, die im Lukasevangelium an der Krippe Jesu stehen und knien, einige zuvor nicht so merklich gewesene Charakteristika: Weil sie einen Daseinszweck repräsentieren, der grundsätzlich jede Ausdrückbarkeit und Honorierbarkeit in Geld, also in materiellem oder sonstigem vordergründigem weltlichem Lohn übersteigt, darum schlummert in jedem von ihnen bei aller irdisch-äußerlichen Niedrigkeit gewissermaßen das Potenzial zu etwas Königlichem. Mittels zweier sehr widersprüchlicher erzählerischer Konstrukte lassen die beiden Evangelisten Matthäus und Lukas (Markus und Johannes tun es nicht) den zweifellos aus Nazareth in Galiläa stammenden Jesus jeweils in Bethlehem in Judäa zur Welt kommen; sie dichten ihm diesen Geburtsort an, weil sie Jesus als den Messias verkünden, der traditionell aus dem Königsgeschlecht Davids erwartet wird. Indem es sich bei ihnen um Hirten aus der Umgebung Bethlehems handelt, erscheinen die ersten Besucher an der Krippe Jesu also nur umso mehr als Anspielung auf David. David war jedoch ein Sohn des Eigentümers der Herde, die er hütete – nur der jüngste zwar, aber dennoch immerhin mehr als ein bloßer Lohnknecht. Die Hirten in der Erzählung des zweiten Lukas-Kapitels haben keinen erwähnenswerten irdischen Vater – aber der, zu dessen Geburtstag sie eilen, ist jener, welcher allen Menschen klar machen wird, dass sie alle Kinder des einen Vaters im Himmel sind, und nicht bloß seine Knechte.

Irgendwas mit Gott und Analyse

„Irgendwas mit Gott: Was hält die wissenschaftliche Theologie als Fach zusammen?“ titelte Aaron Langenfeld, Dogmatiker in Vechta, auf „Feinschwarz“ am 28.09.2020. Aus bester Sach- und Fachkenntnis porträtiert er die methodischen „Ismen“, in die Theologietreiben seit rund einem halben Jahrhundert dramatisch zerfällt. Heute nennt man sie zwar lieber „Analysen“ (Transzendental-Analyse, Diskurs-Analyse usw.), ansonsten aber unterscheidet sie von den alten „Ismen“ nur ihre größere Anzahl. Dieses Gesamtbild der aktuellen systematischen Theologie kommt mir, mit Verlaub, ein bisschen so vor wie das pittoreske Panoptikum irrer Propheten im „Leben des Brian“: Jedes der interessanten Individuen folgt mit manisch-schizoider Inbrunst nur noch seinem eigenen Spleen.

Vorkonziliaren Denk-Zentralismus wollen wir freilich nicht wieder hervorkramen. Was wollen wir? Wir wollen eine „funktionierende“ Theologie. „Funktionierend“ heißt: den Menschen, und zwar auch all denen, die nicht studiert haben, konkret und praktisch nützend und geistig-geistlich „nahrhaft“.

Langenfeld selbst zieht folgenden Schluss: „Gesucht ist eine Form der Hermeneutik, der es nicht nur um das Verstehen an sich, sondern zugleich um den Willen zum richtigen Verstehen geht. Es geht um die Grundhaltung, in kritischer Absicht die Potenziale der verschiedenen Denkformen für sachliche Probleme und Fragestellungen zu würdigen. Gesucht wird die Bereitschaft, einmal erreichte Einsichten immer wieder neu auf den Kopf zu stellen.“

Viele Theologiestudent*innen werden da mitgehen. Christ*innen außerhalb der Uni hingegen suchen kaum „Hermeneutik“, sondern geistliches Futter und mediale Seelsorge. Sie wollen nicht „Potenziale würdigen“, sondern ihr Leben besser hinkriegen. Sie wollen ihre Einsichten nicht immer wieder auf den „Kopf“ stellen, sondern endlich mal auf die Füße. Wenn jemand einwendet, Wissenschaft sei doch nicht dazu da, ungefiltert mit einfachen Leuten zu reden, kann ich nur sagen: Zumindest bei der Theologie halte ich das für falsch.

Wird „geistliches Futter und mediale Seelsorge“ entlang der qualitativ „nach oben blinden“ Messlatte des Buchmarktes konzipiert, bleibt das Angebot à la Anselm Grün für viele Interessenten christlicher Spiritualität zu niederschwellig. Aber „hohe“ Theologie für das „Volk“ durch „Multiplikatoren“ gnädig „herunterzubrechen“ ist auch keine Lösung. Die Theologie selbst muss ihrem ganzen Wesen nach direkt anschlussfähig sein an die breiten Ströme spiritueller Suchbewegung.
Was tun?

Erstens: Biblische und historische Kompetenz muss stärker zur Voraussetzung für systematisches Theologietreiben werden. Das erschwert es, ins frei flottierende Phantasieren abzudriften. Dieser Ansatz ist nicht „bloß konservativ“: Muss Sich-Reiben an Vorgegebenem nicht als genuiner Teil echter Bildung erscheinen? Bleibt, wo solche Reibung eskamotiert wird, nicht bloß „fake education“?

Beispiel: Zum Thema „Unser täglich Brot“ wollen Theologen sich mit Soziologen interdisziplinär austauschen? Prima – aber bevor sie das tun, sollten sie sich damit auseinandergesetzt haben, dass das Wort „epioúsios“ im Vaterunser nicht unbedingt „täglich“ heißt, sondern mangels anderweitigen Vorkommens eigentlich nicht verlässlich übersetzbar ist.

Oder: Wenn mir das Faktenwissen abverlangt wird, warum Heinrich IV. im Januar 1077 Papst Gregor VII. auf Burg Canossa im Unterhemd besuchte, birgt das eine Chance für die gesunde Skepsis, ob die beiden mich ernst genommen hätten, wenn ich ihnen vorgeschlagen hätte, ihre Konfrontation doch mal transzendental und diskursanalytisch anzuschauen.

Zweitens: Theologen brauchen einen spirituellen Erfahrungshorizont. Er verhindert „akademisch-psychedelische Trips“, weil er in denkerische Inflationsblasen mit dem Hinweis sticht, dass „Fleisch-Werdung“ Gottes eine Spiritualität bevorzugt, die „geerdet“ bleibt und die „Bodenhaftung“ nicht verliert. Damit kann durchaus in Konflikt geraten, dass der amtliche Katholizismus seit 1850 mit apodiktischer Exklusivität auf Sakramente, Liturgie und Formalgebet fokussiert hat – was jedoch für kein befriedigendes Konzept von Spiritualität ausreicht.

Wer sich für ein Wochenende in die Stille abgeschiedenen Alleinseins zurückzieht, sich für diese Zeit Schweigen auferlegt und sich vornimmt, den ungewohnten Leere-Zustand nicht mit Vermehrung der Denkaktivität zu kompensieren, wird eine spirituelle Erfahrung machen. Die subjektive Wahrnehmung einer akademischen Umwelt wird sich danach deutlich verändern: Die Relevanz worthaften Erkennens relativiert sich neben einer Erkenntnis, die sich Worten entzieht.

Drittens: Theologen brauchen daseinspraktische Lebenserfahrung außerhalb von Kirche und Universität, um nicht übersteigerter Ideen-Verliebtheit zu erliegen.

Paulus war Zeltmacher. Er wollte nicht „vom“ Evangelium leben, sondern für es. Seine Theologie kennen wir nur in Briefform.

Ignatius von Antiochien schrieb seine Briefe auf der Reise zu seiner Exekution in Rom.

Die Wüstenväter suchten Spiritualität überhaupt nur im Spiegel der alltäglichen elementaren Herausforderungen des eremitischen Daseins in der Wüste; dogmatische Spekulation sucht man bei ihnen vergebens.

Bischof Athanasius von Alexandria wurde fünf Mal aus Amt und Stadt vertrieben.

Augustinus erlebte viel und hatte einen Sohn, ehe er als Bischof öfter am Schreibpult zu sitzen begann – meistens jedoch saß er auf dem Richterstuhl.

Benedikt schöpfte die Klugheit seiner Mönchsregel aus einer Menschenkenntnis, die er sich als Student mit weltlichem Karriereziel in Rom erworben hatte.

Franziskus verwandelte überhaupt nichts anderes als seine eigene visionäre Lebensweise in eine neuartige Theologie.

Der scheinbar so entrückte Mystiker Meister Eckhart verfügte als Provinzoberer der Dominikaner über die Kompetenzen eines Top-Managers.

Das weltliche Leben Martin Luthers füllt kinoerfolgreiche Historiendramen.

Ignatius von Loyola half eine Kanonenkugel auf die Karrieresprünge.

Außer Thomas von Aquin hatte unter den wirksamsten Theologen der Kirchengeschichte kaum einer eine lineare Gelehrtenkarriere.

Es besteht insofern eine Ähnlichkeit zwischen der Theologie und der Beschäftigung mit musischen Künsten, als hier wie dort akademisches Studieren zwar die Qualität der Resultate steigert, allen wirklich befriedigenden Beiträgen aber Fähigkeiten vorausgesetzt sind, die sich nicht an einer Hochschule erwerben lassen, sondern aus einer informellen „Privatsphäre“ der „Begabung“ ins Studium mitgebracht werden müssen. „Theologische Begabung“ besteht aus der Anlage zur Kontemplation, zur Mystik, zu einer ganzheitlichen Ergründung des Menschendaseins und der Welt, zu einem Generalist-Sein, das den irdischen Gratifikationen von Spezialistentum entsagt.

Vielleicht ist die gegenwärtige Theologiekrise auf eine „Illusion“ darüber zurückzuführen, welcher Wissenschaftsbegriff für die Theologie in Frage kommt: Weil sie Standards und „Moden“ anderer Geistes- und Kulturwissenschaften angepasst werden soll, verdrängt sie die unbequeme Wahrheit, dass sie engmaschig spiritueller und „lebensganzheitlicher“ Checks bedarf.

Das heißt nicht, dass Theologie an heutigen staatlichen Hochschulen nichts verloren habe. Im Gegenteil: Wer „Postmoderne“ ernst nimmt, muss auch eine verantwortete Diversifizierung des Wissenschaftsbegriffs begrüßen.

Den ihnen zustehenden methodischen Eigenweg zu beanspruchen, fehlt vielen Uni-Theologen derzeit anscheinend der Mut. Infolgedessen geht es in der systematischen Theologie nicht anders zu als in der Soziologie. Ihre eigentliche besondere Aufgabe erfüllt Theologie damit nicht.

Theorie-kreative Extravaganz zum intellektuellen Standard zu erheben ist schlicht paradox. Gedanken können nicht durch andere Gedanken berichtigt werden, sondern nur durch Erfahrung. Albert Einstein fasste es so: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Bin bei Twitter

Es ist soweit: @JoachimE_Sedivy ist jetzt auch bei Twitter. Dort stelle ich mich wie folgt vor: „Follow me exploring an alive spirituality that is existential, secular-mystical, Christian though largely post-church, biblical-critical and ‚deuteronomistic‘.“ Diese von Twitter zur Griffigkeit gezwungene Formulierung scheint mir ein nicht zu verkennender Fortschritt in der Artikulierung meiner theologischen Identität zu sein.

Hans Küng

Wie man hört, ist der 92-jährige Hans Küng schwer krank. Wenn der offizielle Zeitpunkt kommen wird, auf das Lebenswerk des Hans Küng zurückzublicken, möchte ich mich an solcher Reflexion nicht mehr beteiligen. Lieber möchte ich schon jetzt hier an dieser Stelle etwas über mein Verhältnis zur Theologie Hans Küngs anmerken. Das Erste, was hier zum Ausdruck gebracht sei, ist freilich mein aufrichtiges und tief empfundenes Mitgefühl mit dem schweren gesundheitlichen Weg eines hochalterigen Menschen, dem ich wünsche, dass er von innen wie von außen gute Begleitung finden möge. Ich fände es jedoch scheinheilig, wenn jemand meinte, in einer solchen Situation erst einmal noch einige Jahre warten zu müssen, ehe er sich kritisch über das Werk eines Mannes äußern kann, das nun eindeutig keine weitere Fortsetzung durch seinen Urheber selbst mehr erfahren wird. Für mein Empfinden ist Ehrlichkeit und das dornige Bemühen um Wahrheit das Beste und Wertschätzendste, was ein Mensch zum Ende seines irdischen Daseins verdient hat. Bloßer hohler Worte hört man in sogenannten Nachrufen viel zu viele.

Zusammen mit Joseph Ratzinger gehörte Hans Küng seinerzeit zu den mit Abstand jüngsten „Periti“ des Zweiten Vatikanischen Konzils. Schon damals wurde Küngs ausgeprägter Drang in die Öffentlichkeit kritisch registriert. Wenn man Küngs spätere Jahre betrachtet, so mag man sich wundern, weshalb ein akademischer Theologe eine dreibändige Autobiografie verfassen muss – schließlich besteht das Leben eines Akademikers von Haus aus bereits zu einem wesentlichen Teil aus Publizieren. Wir alle wissen aus den nicht allzu erfreulichen Beispielen vieler Politiker, dass Öffentlichkeit Inhalte ersetzen kann. Bei jeder Person mit erkennbarem starkem Drang in die Öffentlichkeit wird diese Frage notwendig zu stellen sein. Diese Feststellung enthält als solche keine Böswilligkeit.

Hans Küng hat sich sehr viel mit Fragen befasst, die die Form der Kirche betreffen. Er hat dabei reformerische Positionen vertreten, die ich immer unterstützt habe und weiterhin unterstütze. Allerdings halte ich persönlich jegliche Fragen nach der Form der Kirche bereits seit langem für zweitrangig. Akademische Begründungen für die gebotene Form der Kirche mögen zwar theologische Tiefe erreichen, auf echte spirituelle Tiefe hingegen sind sie meines Erachtens von ihrem Thema her wesensgemäß nicht ausgelegt. Spirituelle Tiefe aber ist das Einzige, was mich wirklich interessiert. Dieser Einwand umfasst auch Küngs großes Thema der Ökumene. Auch ökumenische Fragen sind für mich nichts anderes als zweitrangige Fragen nach der äußeren Form der Kirche, keine wirklichen Fragen nach der Tiefe ihres Innersten. Mit Blick auf das geistige Innerste der Kirche mag man beispielsweise Frauenpriestertum für möglich erklären oder nicht, und ich persönlich erkläre es entschieden für möglich – dennoch bleiben Fragen dieser Art kategorisch immer nur sekundäre Fragen. Ich persönlich kann mir genauso gut eine Kirche völlig ohne Priester vorstellen.

Natürlich ist das eine gegenüber aller bisherigen Theologie und Kirchengeschichte radikale Position, die Hans Küng nicht abverlangen kann, sich an ihr messen zu lassen – auch dann nicht, wenn man ihm selbst den Gestus des Radikalen zuschreibt. Ich bin nicht der Meinung, dass die Fragestellung, wie radikal jemand, der öffentlich das Image eines Radikalen, in diesem Fall eines radikalen Reformers, trägt, wirklich ist, zu einer ergiebigen Diskussion führen würde. Insofern mag diese Bemerkung nur als Erklärung dafür dienen, weshalb ich mit den Texten von Hans Küng nie sonderlich viel anfangen konnte.

Ein etwas sachlicherer Kritikpunkt, den ich gegenüber diesen Texten anzubringen habe, besteht darin, wie wenig sie aus meiner Sicht biblisch und historisch angelegt sind. Hans Küng ist systematischer Theologe – aber auch der systematischen Theologie steht es frei, zu entscheiden, in wie starkem Maße sie biblische und kirchenhistorische Bezüge setzen möchte. Der Grad, zu dem ich von einer systematischen Theologie angetan bin, bestimmt sich seit jeher daraus, wie stark sie sich an biblischen und historischen Bezügen orientiert. Systematik beruht immer auf Logik. Es gibt verschiedene Arten von Logik. Ohne das biblische und das historische Element tendiert die Logik der Theologie dazu, gleichsam arithmetisch oder algorithmisch zu werden. Dann passiert etwas, das sich typischerweise auch im Denken von Hans Küng beobachten lässt: Das Denken wird dadurch in gewissem Sinne auf subtile Weise unfreier, das Angebot an Alternativen nimmt ab, dem Publikum werden bevorzugt Dilemmata suggeriert, aus denen es jeweils im Grunde nur einen einzigen gangbaren Ausweg geben soll. Dazu passt Hans Küngs intensive Beschäftigung mit Hegel, den ich nicht besonders schätze.

Hans Küng hat mit seinem Talent für Öffentlichkeit die „Stiftung Weltethos“ ins Leben gerufen – eine bleibend zu würdigende Leistung. Und so möchte ich das vorliegende Thema abrunden mit dem versöhnlichen Wort, dass wir dem nun unverkennbar abgeschlossenen theologischen Lebenswerk des Weltethos-Stifters viel zu verdanken haben und uns dessen auch auf lange Zukunft hinaus noch weiterhin bewusst bleiben werden.

Islamistischer Mord an Lehrer bei Paris

Aus Frankreich erreicht uns die Nachricht, dass ein Geschichtslehrer, der in seinem Unterricht im Rahmen der Diskussion über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte – offenbar nach entsprechender Vorwarnung an seine muslimischen Schüler, diese sollten, wenn sie es wünschen, den Raum verlassen –, von einem Achtzehnjährigen, der sich durch Gedankengut des radikalen Islamismus motiviert sah, barbarisch ermordet wurde. Was es für mich in diesem Zusammenhang zu diskutieren gibt, ist erneut die Frage nach der Verantwortlichkeit von Menschen für ihre Taten. Meine Antwort auf diese Frage ist eindeutig: „Theoretische Philosophie“ kann die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit kategorisch nicht überzeugend entscheiden, aber „praktische Philosophie“ muss zwingend und alternativlos von solcher Willensfreiheit ausgehen, damit gelingendes menschliches Leben und Zusammenleben überhaupt möglich ist. Deshalb gilt: Wer in der Lage ist, auf geplante und durchdachte Weise aggressive Handlungen auszuführen, muss uneingeschränkt für seine Taten verantwortlich erklärt werden – unabhängig von Faktoren wie beispielsweise seinem Alter oder seiner Intelligenz. Auch psychoanalytische oder sonstige lebensbiografisch orientierte Verständnisansätze sind in einem solchen Fall bewusst zu vernachlässigen – nicht weil das in irgendeinem abstrakten Sinne „die Wahrheit“ wäre, sondern weil wir lebenspraktisch ganz zweifellos keine andere sinnvolle und realistische Entscheidungsmöglichkeit haben. Das bedeutet: Jeder Ansatz zu irgendeinem argumentativen Versuch, den Täter teilweise zu entschuldigen, ist kategorisch illegitim. Die Härte dieser Aussage ist angemessen, weil sie unmittelbar die Härte der Daseinsbedingungen spiegelt, unter die wir Menschen in unserer irdischen Existenz alle häufig gestellt sind. Die notorischen „Entschuldiger“ sind jene Weltverbesserer, die die niemals „immanent“, sondern immer nur durch Transzendenz auflösbare Begrenztheit allen „diesseitigen“ Daseins nicht akzeptieren können. Unsere Persönlichkeiten stoßen an Grenzen, und unsere Verständnis- und Nachsicht-Möglichkeiten stoßen genauso an Grenzen. Aus genau demselben Grund, aus dem sie die ungemilderte persönliche Verantwortlichkeit von Terroristen fordern, geben alle echt Spirituellen gleichzeitig kein „transzendentes“, sondern immer nur ein bewusst auf diesseitige Kriterien sich beschränkendes Urteil über Mitmenschen wie den jüngsten Attentäter von Paris ab.

Ist unsere Corona-Weisheit nach bald neun Monaten geburtsreif?

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Auswirkungen der COVID-Pandemie wurden bereits verschiedene Dynamiken beschrieben, mittels deren das epochale Ereignis auf kultureller Ebene gravierend Einfluss nimmt. Der folgende Mechanismus scheint mir dabei jedoch immer noch verkannt zu werden. Zu den „Vorzügen“ einschneidender Ereignisse gehört, dass sie, indem sie sozusagen die voreingestellte Amplitude verändern, mit der wir Ereignisse wahrnehmen, viele Vorgänge, die uns zuvor beschäftigt hatten, aus unserer Wahrnehmung verschwinden lassen, und zwar auf eine Weise, die allgemein als legitim empfunden wird. Eine derartige „Tabula rasa“ stellt eine große psychomentale Erleichterung dar – insbesondere, wenn in den dem kapitalen Ereignis vorausgegangenen Jahren die Unübersichtlichkeit einer Vielzahl gesellschaftlich diskutierter niederschwelligerer Geistes-Reize ein unbewältigbares Ausmaß angenommen hatte. Auch dieser Zusammenhang gehört mit zu den Zwecken, denen geschichtlich bisweilen die Provokation von kriegerischen Auseinandersetzungen dienen mag. Die geläufige Einschätzung, Kriege würden häufig deshalb heraufbeschworen, weil Gesellschaften zwecks Identitätsfindung Feindbilder benötigen, stellt im Grunde nur einen Sonderfall des eben geschilderten allgemeineren Mechanismus dar. Als ihren größten Feind empfinden viele Menschen die Unübersichtlichkeit der Dinge. Kriege anzuzetteln ist aber im Grunde ein sehr unökonomischer Weg, Übersichtlichkeit herzustellen. In der Mehrheit der Fälle genügt es zwecks Übersichtlichkeitsgewinn, dass Debatten einfach nicht mehr stattfinden. Kriegserklärungen werden genau besehen immer nur dann von legitimitäts-labilen Regimen zu diesem Zweck eingesetzt, wenn unliebsame gesellschaftsinterne Debatten sich mit weniger gewaltsamen Mitteln nicht mehr ausschalten lassen. Das Problem an der Situation Deutschlands im Jahr 2019 bestand nicht in bestimmten einzelnen großen gesellschaftlichen Kontroversen, sondern in einer verwirrenden Vielfalt hinsichtlich ihrer langfristigen Relevanz schwer einschätzbarer, meines Erachtens jedoch zumeist zweitrangiger Themen, die die öffentlichen Kommunikationskapazitäten übermäßig strapazierten. Das ist jedenfalls meine Ansicht. Ich bin übrigens keineswegs der Auffassung, dass die COVID-Problematik nicht existiert oder auch nur überschätzt wird. Dennoch ist es verblüffend zu beobachten, mit welcher „Dankbarkeit“ und in welch weitgehendem Maße COVID derzeit (ich schreibe das im Herbst 2020) zum Anlass genommen wird, zuvor die Medien dominierende gesellschaftliche Kontroversthemen auszublenden. Ich halte dieses Phänomen für zutiefst in der menschlichen Natur verankert. Allerdings ist diese Art und Weise, mit Herausforderungen umzugehen, in keinem Fall als fortschrittsdienlich anzusehen; sie ist atavistisch und muss überwunden werden, wenn die Menschheit sich weiterentwickeln soll. Ich bin freilich überzeugt, dass zum Erwerb entsprechender geistig-seelisch-sozialer Fähigkeiten nicht so sehr intellektuelle als vielmehr spirituelle Schulung unabdingbar erforderlich ist.

Biblical religions and animal use – a critical biblical-theological and church-history approach to assessing the idea of vegan diet

(by Joachim Elschner-Sedivy, Lic.Theol., Munich, Germany, October 16, 2020)

As to the topic of human nutrition, Torah, the Jewish law (the „Pentateuch“ or „Five Books of Moses“), is characterized by three steps of argumentation. First step: In Genesis 1,29, humans are clearly assigned plant-based nutrition.

Second step: In Genesis 4,1-16, the children of the first human couple are portrayed in a competition concerning right sacrifice. Cain has become a farmer, while his brother Abel has become a herdsman. This reflects a primordial cultural tension which was constitutive for the come-about of „Israel“. YHWH refuses Cain’s offering of grain (which resembles most pagan cult customs in early Israel’s vicinity), but accepts Abel’s offering of meat instead. Reason: Looked at critically-historically (and meanwhile even archeologically), the worship of the godhead called YHWH originated from a nomadic culture in north-western Arabia („Midian“). After the Cain-and-Abel affair, to include meat into human nutrition becomes the consequence of Israel’s sacrificial practice and theory. The first action Noah performs after the flood is an animal sacrifice (Genesis 8,20-22); so, the direct and narrow connection between cult sacrifice and meat diet in the culture of ancient Israel is obvious. But this doesn’t work without restrictions. Even for a nomad, meat is a luxury food, and boundless pleasurable consumption most obviously has always been perceived as something at least vaguely opposed to the religious spirit. This is why religious food laws come in, the first one of which is the Noahite prohibition of the consumption of blood (Genesis 9,1-17). Reason: In ancient „physiology“, the blood was regarded the „seat of life“; consequently, to consume another being’s blood resembles a magical practice. In consequent monotheism, however, magic must be totally forbidden; every act of magic, even of „benevolent“ magic, is a heresy, because magic structurally always implies that some area of life is deprived of the supreme control of the One God. Magic is completely anti-biblical. – Today, of course, we know scientifically that the blood is not the „seat of life“. Scientifically we don’t know what the „seat of life“ is, but we know that the blood is just a bodily organ like the other bodily organs. And there is no convincing religious reason whatsoever to stick to an outdated understanding of physiology. So, either we may eat meat or we may not, but theologically further specifications about this certainly do not need to be made any longer.

The fact in itself is certainly amazing – and one should not miss to meditate on it – that the Israelites obviously assessed it necessary to develop a very special and very strong legitimation for the consumption of meat by strictly linking it to cult sacrifice. That fact alone reveals a very strong vegetarian-inclined trait in fundamental consciousness, I’d say. And the cult link caused severe practical life problems which give us solid proof that this need for moral legitimation was not just a lofty theory. After the Israelites’ return from Babylonian Exile, following 538 BCE, decision was made – either by the new Israelite authorities or by their new suzerain, the Persian Great King, that for all future there should be but one single Israelite temple, in Jerusalem, and nowhere else. Even for a majority of the Jews (from that time on the Israelites are called Jews) who lived in the land of Palestine this new situation caused problems with the reachability of the temple. But in addition to this, in critical-historical reality a majority of the descendants of the exiled continued to live in the places of their exile (which had not necessarily been bad places, for the exiled ones had been the „Upper Ten Thousand“ and had predominantly been treated as noble hostages), thus from now on turning the lands of „exile“ into the lands of „diaspora“, and these diaspora Jews even represented an absolute majority of all Jews for all coming Jewish history, and probably even already from 538 BCE onwards so. All these diaspora Jews had virtually no chance to come to the temple more frequently than at best for the three annual pilgrimage festivals of Passover, Shavuot and Sukkoth, which subsequently became instituted for that reason. So, think: What about a slice of roast beef on your bagel, if you happen to be a diaspora Jew? Catch the plane to Tel Aviv early in the morning in order to be back with the kosher meat for dinner? This is why the Deuteronomists felt pushed to expressly solve the problem pretty quickly after the commencement of their law code like this: „Yet whenever you desire you may slaughter and eat meat within any of your towns…“ (Deuteronomy 12,15) The fact that they felt such urgency and priority to settle this issue shows that this was not a minor or purely academic squabbling.

And this problem continues well into the New Testament. In the communities he founded, Paul the Apostle was confronted with the practical problem that the liberalism in table fellowship, which Pauline Christians were called to practice as a typical element of following the example of Christ, led to situations in which Christians were invited into the houses of their pagan friends, and whenever meat was served there, the Christian guest uncomfortably had to suspect that the one who had sold it on the market might have had obtained it from some pagan temple. Paul solved the problem in a „don’t-ask-don’t-tell“ manner: „‚All things are lawful‘, but not all things are beneficial. ‚All things are lawful‘, but not all things build up. Do not seek your own advantage, but that of the other. Eat whatever is sold in the meat market without raising any question on the ground of conscience, for ‚the earth and its fullness are the LORD’s‘. If an unbeliever invites you to a meal and you are disposed to go, eat whatever is set before you without raising any question on the ground of conscience. But if someone says to you, ‚This has been offered in sacrifice‘, then do not eat it, out of consideration for the one who informed you, and for the sake of conscience – I mean the other’s conscience, not your own. For why should my liberty be subject to the judgment of someone else’s conscience? If I partake with thankfulness, why should I be denounced because of that for which I give thanks? So, whether you eat or drink, or whatever you do, do everything for the glory of God. Give no offense to Jews or to Greeks or to the church of God.“ (1Corinthians 10,23-32) This also gives some valuable general clue as for how to handle the vegan question as a Christian – independent from whether you personally feel drawn to veganism or not.

A bit of a foray: Looking at „step 1“ and „step 2“ being presented in the same book of the Bible – the canonically first one -, there is certainly some need to discuss this odd argumentative strategy in Genesis. It’s probably important to understand, that, despite having been placed first in the canonical order of biblical books, Genesis is not a particularly old book compared to other biblical books; rather the opposite is the case. As usual in the history of historiography, all the still firmly pre-modern chronicler-like historians started from arguments drawn from an epoch which was still pretty much recent history for them, and then subsequently worked their way back to the beginning of the world. This is why the redaction of Genesis was already confronted with a multitude of different and contradicting traditions and was left with the task to make sense and concordance of a colorful picture of diverse sources. Clues hinting to this are plenty of anachronistic features in the book of Genesis (can’t go into the details here). End of foray.

Third step (not in Genesis): Through the mouths of the Deuteronomistic (i.e. „non-priestly“) prophets, YHWH finally opts against gory sacrifices and declares that he wants the spiritual sacrifice of the faithful’s own heart instead (Hoseah 6,6; Isaiah 1,11-13; Jeremiah 6,20; Psalm 40,7; Psalm 51,18-19). Especially with regard to the vegan question, this move is particularly wide open to interpretation.

The historical Jesus of Nazareth, as far as we can reconstruct his authentic personality at all, was a radical Deuteronomist. Nevertheless, he clearly did not advise his followers to illustrate their theological standpoint via any practice of vegetarianism or veganism; rather he clearly regarded it as more important to demonstrate the worldly freedom of the true faithful. This is shown by many passages in the gospels, some of which I will mention in a moment. But the idea of this freedom is already prepared in the Pre-Christian Bible. In Book of Numbers 11, the penultimate book of the Pentateuch (the Torah), two tales are strangely interwoven with one another: On the one hand, the chapter tells how for His people, who are hungry while wandering in the desert, YHWH lets quail come down from the sky to feed them; and on the other hand we are told how Moses leads a company of seventy elders of Israel to the sacred revelatory tent which stands some distance outside the people’s desert camp, in order to have them divinely initiated there into some fraction of Moses’ own wisdom in order to enable them to share some of the burden of leading the people with Moses. Two of the chosen ones stay behind in the camp, but when the divine spirit comes down on the ones in the tent, at the same time it comes down on the two in the camp also. While his assistant Joshua gets angry hearing the news, Moses keeps cool about this and says: „If only all the LORD’s people were prophets, and that the LORD would put his spirit on them!“ (Numbers 11,29) The reason why this is interwoven with the quail story is because quail are certainly not ritually pure food according to the law that Israel in the situation described by Book of Numbers has already received; but if God Himself clearly signalizes you so, everything can safely be eaten. That God at any time may bypass his own general rules is the theological joint motive behind quail from sky and „irregular“ prophesy as depicted in Numbers 11. This is what gives the Israelites their „Deuteronomistic“ freedom from „Priestly“ rigidness.

Standing in this heritage, Jesus certainly never commanded his disciples „not to eat meat“. Jesus was fervently against asceticism: „For John (the Baptist) came neither eating nor drinking, and they say, ‚He has a demon‘; the Son of Man (Jesus) came eating and drinking, and they say, ‚Look, a glutton and a drunkard, a friend of tax collectors and sinners!‘ Yet wisdom is vindicated by her deeds.“ (Matthew 11,18-19; Luke 7,33-35) In Mark 7, Jesus declares all foods clean: „Listen to me, all of you, and understand: There is nothing outside a person that by going in can defile, but the things that come out are what defile.“ (Mark 7,14-15) This is clear enough, isn’t it? Luke narrates the scene in which the resurrected one appears to his disciples like this: „While in their joy they were disbelieving and still wondering, he said to them, ‚Have you anything here to eat?‘ They gave him a piece of broiled fish, and he took it and ate in their presence.“ (Luke 24,41-43) As if a slice of bread would not have been impressive enough. After Easter, Jesus’ anti-asceticism even turns into full-blown „anti-spiritualism“, it seems here in Luke.

The Exorcism of the Gerasene Demoniac (Mark 5,1-20; Matthew 8,28-34; Luke 8,26-39), also known as the Miracle of the (Gadarene) Swine or the Exorcism of Legion (the name the demon is identified with in Mark and Luke), narrates how Jesus forces a demon to leave a man and drive into a large herd of swine instead, causing the animals to run downhill into the Sea of Galilee and drown themselves. „A Jesus, killing two thousand pigs?“ This tale has become a particular major point of contention in discussions about the relationship between Christianity and the animal-rights idea. The story was explicitly interpreted by the two most influential theologians of western Christianity, Saint Augustine and, consequently, Thomas Aquinas, to mean that Christians have no duties towards animals. Augustine writes: „Christ himself shows that to refrain from the killing of animals and the destroying of plants is the height of superstition: He judged that there is no common right between us and the beasts and trees, therefore he sent the demons into a herd of swine and withered with a curse the tree on which he found no fruit; of course, neither the pigs nor the tree had sinned.“ (Augustine, „The Catholic and the Manichean Ways of Life (De moribus ecclesiae catholicae et de moribus Manichaeorum)“, Book 2 (De moribus Manichaeorum), chapter 17, paragraph 54, Migne PL 32 p. 1368) Two observations are important in order to understand what is really going on here. First: Mark and Luke say that the demon confessed his name to be „Legion (for we are many)“. It’s precisely „legiòn“ in the original Greek – but „legio“ is a Latin word, not a Greek one, and you know what it means. Matthew took that out because he was anxious about provoking the Roman occupiers of the Near East so drastically. To drown all those Roman soldiers like a herd of demonized pigs – what a „splatter“ fantasy! So, the author hardly reflected on animal rights when he wrote this (probably shortly after 70 CE, the gory destruction of the Jerusalem temple through the troops of Titus) – his brain was under adrenaline.

Second: If you cast a very philosophical glance on Augustine’s position, you might find that in the context his overall theology and philosophy, to eat animals reminds you that you are a „structural“ sinner, which is even more important than not to eat animals – unless you have become able to remember your sinfulness without butchery. But if you prefer to harbor a healthy mistrust against the solitaire motivational force of lofty philosophy, you might rather turn your eyes to the following aspect. Look to the title of the text in which Augustine propagates his opinion on steaks: „About the customs of the Manichaeans, compared to the customs of the Catholics“. The author was still relatively young when he wrote this. Not too long ago from this, he had been a Manichaean himself for a couple of years. So here very likely we observe the typical zeal of a convert. The Manicheans were heavily influenced by thought patterns of Gnosis, and they seem to have been consequent vegetarians or even vegans. Fighting the Manichean heretics, Augustine condemns „their“ vegetarianism. Now you start to recognize that in theology – pardon, of course I mean: in the HISTORY of theology! – very often things strive to make the impression of being all about sublime truths, while in reality it’s almost all about who is your friend and ally and who is your enemy and „contrast supplier“. And Augustine squinted into both directions here: He was not exclusively focused on the Manichaeans as his opponents, rather he also tried to actively please the ones he needed for his personal career as well as for the historical career which he imagined for the church as a whole. When Augustine was born, „Constantinian Turn“ did not yet lie so far back in time. Mainly during the second decade of the fourth century CE, the church abruptly emerged out of an era of persecution and all of a sudden found itself promoted to a super-important imperial Roman institution. The reason for this was that emperor Constantine recognized the fruitlessness of his predecessor Diocletian’s attempt to stabilize the ailing Roman Empire by suppressing rising Christanity and performed a 180-degree political turn, now aiming at fully integrating church into proper Roman-ness instead of fighting the Christians any longer. This whole process was still very much in the doing when Augustine was a young man. When he wanted to become a bishop (hagiographic tradition claims he didn’t want, but who knows), what he aimed at would have been a newly established sort of imperial-Roman high-ranking public office of universal societal significance. Meat was a traditional status symbol of the Roman upper class, the milieu a Christian bishop since about 320 CE was supposed to be part of, and this influential societal class would not have been amused to hear meat-eating prohibited. Moreover, if you look more closely to the Gerasa/Gadara scene in particular: If butchery would not be the central theme in this story, alternatively then its focus would clearly have to be anti-Roman – which possibility had to be thoroughly rejected because young Augustine was an imperial-Roman careerist. Ergo, the Gerasa/Gadara scene had to be about the topic „don’t care too much about animals“.

The core of authentic Jesus’ program doubtlessly included a radicalized idea of nonviolence. While the „Ten Commandments“ in fact only demand to abstain from „murder“, Jesus really turns against any form of violence in one’s way of living. It’s very natural to assume that Jesus, who as a radical Deuteronomist didn’t assign priority to temple sacrifice anyway, would have reacted to the topic of animal slaughtering by asking whether this is really necessary for human nutrition or other needs. In his societal environment there clearly was a strong and long-standing cultural consensus that meat-eating was not „necessary“. A lot of highly revered saintly ascetics renounced it. Of course Jesus might already have had his own version of „Augustine’s problem“, in the sense that precisely some of his theological opponents were ideological vegetarians or vegans, especially the sect of the Essenes. In his work „Peri tou pánta spoudaîon einai eleútheron (Quod omnis probus liber sit)“ (12,75), important ancient Hellenistic-Jewish philosopher Philo of Alexandria, an approximate contemporary of Jesus, says that the Jewish sect of the Essenes does not sacrifice living beings (ou zôa katathýontes); obviously they maintained that the sacrifices „polluted“ the temple. But Jesus would probably (hopefully) have handled such a challenge in a little bit more spiritually really mature a manner than Augustine did: The mere fact that the Essenes strongly promoted veganism would not have led him to reactively condemn it.

Another interesting point for our topic refers to the role of shepherds in the Bibel. The remark Genesis 13,7, the whole relationship between Jacob and his father-in-law Laban, starting with the scene in Genesis 29,1-10, where a sophisticated regulation against abuse and theft of water reveals that the herdsmen are not the owner of the livestock, the word of Pharaoh to Joseph in Genesis 47,6, and also Jeremiah’s verses 13,20, 23,1-4 and 25,34-36 attest to the circumstance that the Pre-Christian Bible was written in a time when it had already become standard that the herdsmen were but subordinate employees of the herd-owner; to own a herd made a man rich, which means he would never have led his animals on the pasture himself, but had a number of servants for that task. This is why the kings of Israel are compared to shepherds (e.g. in 2Sam 5,2) in order to demonstrate their responsibility towards YHWH. So, when in the New Testament the shepherd appears as a Christ-given paradigm for Christian life on earth, for example in Mark 6,34 / Matthew 9,36, Mark 14,27 / Matthew 26,31, Luke 2,8-20 (the famous Christmas scene) and John 10,2-16, this seems in fact to contradict any assumption of immediate evidence that human responsibility for creation is compatible with making a sort of use of it which does not abstain from killing or exploiting animals, and therefore mistreating them – because from a Christian perspective human beings are never in an ultimate sense the owners of their flocks who can do with them whatever they want in order to draw pleasure from their possessions. The New Testament does in fact seem to say that the latter would be a grave misunderstanding of the famous (or, in the ears of some, rather infamous) commissioning articulated in Genesis 1,28: „Fill the earth and subdue it and have dominion…“ Once again we should look back to the fact that Genesis is a relatively young book. One could go as far as to imply that already the Deuteronomists themselves had the clear understanding that their theology was the older one, compared to Priestly theology – with the old book of Deuteronomy making at least one theological point that does not seem to smoothly match Genesis 1,28 (with Genesis being a theologically pretty much „mixed“ book and Genesis 1 being the Deuteronomist creation account, however overformed by a Priestly final redaction of the whole book as we have it today). The peculiar point of Deuteronomy I talk about here is its animal welfare option. „If you come on a bird’s nest, in any tree or on the ground, with fledglings or eggs, with the mother sitting on the fledglings or on the eggs, you shall not take the mother with the young. Let the mother go, taking only the young for yourself, in order that it may go well with you and you may live long.“ (Deuteronomy 22,6-7) „You shall not muzzle an ox while it is treading out the grain.“ (Deuteronomy 25,4) For my taste, one can virtually feel how the Deuteronomists loved to irritate the „butchering“ Priests with regulations like these.

Other Bible portions often quoted in discussions about vegetarianism and veganism in the Bible are Simon Cephas-Peter’s vision of being allowed to eat „unclean“ animals in Acts of the Apostles 10,9-16, or 1Timothy 4,1-5: „Now the Spirit expressly says that in later times some will renounce the faith by paying attention to deceitful spirits and teachings of demons, through the hypocrisy of liars whose consciences are seared with a hot iron. They forbid marriage and demand abstinence from foods, which God created to be received with thanksgiving by those who believe and know the truth. For everything created by God is good, and nothing is to be rejected, provided it is received with thanksgiving; for it is sanctified by God’s word and by prayer“; but all who are really theologically and biblically experienced know that these passages are but of subordinate importance. However, they underpin that the most important aspect in true Christian mindset is always to stay firmly non- and anti-ideological.

So far as to the Bible – but what did early Christians, and all Christians of older epochs, do in practice? The „semi-orthodox“, yet important Christian philosopher Origen (185-254 CE) in his work „Contra Celsum“ quotes Celsus commenting on vegetarian practices among Christians he had contact with. And Augustine admits that those Christians who „abstain from both meat and wine“ are „without number“ („On the Morals of the Catholic Church“, 33)

Vegetarianism has always continued to be a characteristic of many Christian monastic rules, particularly of the very strictly secluded Carthusians, the nearly as strictly encloistered Cistercians (high-medieval reform branch of the Benedictines, including the even later secession of the Trappists), and the over one century younger mendicant orders of the Carmelites and the Franciscans. In all these cases, however, the regular (non-fasting) diet included the full range of dairy products, eggs and egg products and even fish, because fish was defined as something essentially different from meat – and all these elements of nutrition were also regarded as health-relevant now. By the High Middle Ages, theology had developed to a point to include health issues, because the human body as something given by the divine creator had to be faithfully preserved and kept in good condition. This is a whole class of arguments which you basically don’t find prior to the twelfth century CE as part of the basic motivation for doing or avoiding anything. The most radical Rome-supervised order with regard to the practice of veganism were probably the Franciscan-inspired „Minims“ (Ordo Minimorum, abbreviated O.M.), founded by Saint Francis of Paola in the fifteenth century. In addition to the standard three religious vows of chastity, poverty and obedience, the rule of the Minims includes the unique vow that „our food, for all our life’s time, shall be lenten-like (Latin: quadragesimalis)“, which means perpetual abstinence from all meat (here logically including fish), all dairy products and eggs – except in case of grave illness and by order of a physician (Rule, chapter 5, paragraph 9).

Overall, however, the most interesting church-historical point concerning our topic certainly is that we see our „Augustine’s pattern“ continue and repeat: Religious vegetarianism again and again turns out to be a distinctive feature of some of the opponents of the victorious Roman church and theology – and for that reason becomes largely downplayed; although this does not entail always the same degree of branding the „dissenters“ with the label of being downright „heretics“. The Manichaeans were certainly Gnostic „heretics“; while the corresponding „baddies“ in our next example were not. The most dramatic return of what I have named „Augustine’s pattern“ can be pinned down to the Synod of Whitby (664 CE). After the end of antiquity’s Roman Empire, European Christianity for about one century largely survived in Ireland, thus constituting the then influential Celtic Church. Again this is a topic of its own which does not allow us to go into all of its interesting details here. However, after about one century of utter cultural and civilizational crisis the church of Rome’s influence over all of continental Europe slowly regained strength. When the multitude of predominantly small Anglo-Saxon kingdoms on the isle of Great Britain were about to be converted to Christianity, this mission turned out to become a race between the Celtic church, advancing from the northwest, and the Roman church, arriving from the south. The Synod of Whitby became the showdown. When king Oswiu of Northumbria declared that he would „no longer dare to oppose Saint Peter“, that was the Celtic Church’s ultimate disaster. We don’t know whether the pope’s men had just more money with them, but that was the beginning of a ruthless Roman campaign against all distinctive features of the Celtic Church – among which was the fact that the celtic monks’ monastic rule, the Rule of Saint Columban, obliged the monks to veganism – „vegetables, beans, flour mixed with water, together with the small bread of a loaf, lest the stomach be burdened and the mind confused“, to be taken in the evening (chapter 5) -, while the „Roman“ monastic Rule of Saint Benedict is somewhat more flexible with regard to all merely external features of being a monk: „We believe it to be sufficient for the daily meal (refectio), whether it takes place at the sixth or at the ninth hour (high noon or three p.m.), at all months, that there are two cooked dishes (pulmentaria cocta), because of the weaknesses (infirmitates) of the different individuals, so that he who can not eat of the one may be nurtured by the other. (…) If any fruit or fresh vegetables are available, a third part may be added. Let a good pound (libra propensa) of bread suffice for the day, whether there may be only one meal or breakfast (prandium) and supper (cena) also. If they are going to have supper, the cellarer (cellerarius) shall reserve a third of that pound, to be given to them at supper. If heavy work was done, it will be in the assessment (arbitrium) and power of the abbot, if it is expedient, to add something, but prior to any overindulgence (crapula) it must be removed, so that the monk will never be caught by indigestion; because nothing is so opposed to the Christian character as overindulgence, as our Lord says: ‚See to it that your hearts be not burdened with overindulgence‘ (Luke 21,34). Boys of minor age shall not be served the same quantity, rather less than the older ones, and served in all simplicity (parcitas). All must always and totally abstain from eating meat of four-footed (quadrupedis) animals, except the sick who are very weak.“ (RB chapter 39) So, here we learn that for meat-eating a potential medical indication was seen, mainly because of its caloric density. The latter assumption, of course, has fallen into obsolescence by virtue of a more recent and more truly scientific physiology and pathology. –

I come to conclusions. Jesus’ very fundamental radical-Deuteronomistic theological strategy of universal emancipation does clearly not match with replacing the compulsory sacrificial slaughter of Priestly theology by any structurally likewise mandatory veganism. This is why it is categorically impossible to demand that „a true Christian should have to be vegan“. Nevertheless, there is very good reason for a Christian to be vegan. There are three basic classes of arguments in favor of veganism: animal ethics, ecology, and individual health. Animal ethics is already anchored in Deuteronomy, and it is all the more supported by Jesus’ radical nonviolence. The ecological issue – which I do not have to elaborate on here, as I believe – is to be regarded as the iconic post-modern twist of the biblical responsibility for creation as mandated to humanity by Genesis. And the inclination to care about the relevant health benefits of a wisely implemented veganism, for which meanwhile there is perfectly objective evidence too, is also supported by a strong traditional theological argument, namely that the individual’s physical human body in a sense is the sacred possession of its divine creator and therefore to be maintained accurately.

Judith Butler

Judith Butler gilt seit vielen Jahren als die weltweit führende Protagonistin auf dem Gebiet der Philosophie der Geschlechter-Identitäten. Seit den letzten Jahren beschreibt Judith Butler ihre eigene Identität in geschlechtlicher Hinsicht als „nicht-binär“ (obwohl sie, wie es in den Medien heißt, in Bezug auf ihre eigene Person feminine Pronomina sprachpraktisch „anscheinend“ weiterhin zulässt.)

„Nicht-Binarität“ scheint mir bei diesem Thema das entscheidende Stichwort zu sein. Kern meiner Kritik an Butlers Thesen ist ihre Akzeptanzverweigerung gegenüber der essenziellen Binarität menschlicher Existenz. Teil einer in binären Strukturen gegliederten Wirklichkeit zu sein bedeutet, die eigene kategorische Unvollständigkeit anzuerkennen. Für einen spirituellen Menschen ist diese Anerkenntnis essenziell. Nun steht Judith Butler der „Kritischen Theorie“ und der „Frankfurter Schule“ nahe, die nicht dafür bekannt ist, eine spirituelle Ausrichtung zu haben.

Für alle echt spirituellen Bewusstseinsansätze ist die Erkenntnis der eigenen Unvollständigkeit, insbesondere als Unvollständigkeit der subjektiven Perspektive, maßgeblicher Ausgangspunkt. Mit einem solchen Ansatz ist den geschlechterspezifischen Bedürfnissen und Anliegen besser Rechnung getragen als mit deren Leugnung und Nivellierung. Ich als Mann trage in mir nicht den kumulierten, Jahrtausende alten „generischen“ Schmerz von Frauen über unerhörte Ausmaße an Benachteiligung, Ausbeutung und Misshandlung, die ohne jedes Wenn und Aber aufhören muss. Effektiv irdisch heilvoll ist jedoch einzig das klare Wissen um die eigene perspektivische Begrenztheit und Beschränktheit, in diesem Fall als Mann. Allein dieses Wissen ist es, das mir den Perspektivenwechsel ermöglicht, der aller Empathie zu Grunde liegt. Das Streben nach Aufhebung der Binarität hingegen führt letztlich immer in einen Terror absoluter moralischer Ansprüche, denen die conditio humana kategorisch nicht gewachsen ist und nicht gerecht werden kann. Diese letzte Konsequenz als solche sei Judith Butler zwar nicht unterstellt – wohl aber eine gewisse Unreflektiertheit über diese Konsequenz.

Die im Grunde selbe strukturelle Problematik zeigt sich auch bei einem anderen maßgeblichen Motivstrang ihres Denkens, in dem ihre „innerjüdische“ Kritik an Israel immer wieder in der paradoxen gefährlichen Nähe antisemitischer Äußerungen landet: Abermals ist hier meines Erachtens das Fehlen der Möglichkeit echten Perspektivenwechsels die Ursache, weil es konzeptgemäß „de facto“ sozusagen immer nur eine einzige, „neutralisierte“ Perspektive geben darf – auch wenn „de iure“ natürlich gerade der Pluralismus-Anspruch erhoben wird. Echte Pluralität ist immer nur unter wesentlicher ehrlicher Einbeziehung von vielfach schmerzhaft antithetischen Weltgegebenheiten möglich. Für Männer bedeutet das beispielsweise, den Vorverurteilungen und pauschalen Verdächtigungen nicht entrinnen zu können, die sie dem hemmungslos sexistischen Gebaren von neunundneunzig Prozent ihrer Vorfahren über Jahrtausende hinweg zu „verdanken“ haben.

Wer den Kopf in den Sand steckt, weil er meint, auf diese Weise das sozialphilosophische Feuer am Dach löschen zu können, hat schnell bloß hinderlichen Sand im geistigen Getriebe.

Übrigens wäre es mir viel lieber, wenn ich mich als Frau gegen Judith Butler äußern könnte – in etwa analog dazu, wie sie als Jüdin es sich vergleichsweise „bequem“ leisten kann, gegen die Politik Israels scharf auszuteilen. Geht leider nicht – zumindest aus meiner Sicht.

„Corpus Christi“

Man sollte nicht verkennen, dass der derzeit so erfolgreiche polnische Film „Corpus Christi“ – Jugendhäftling erlebt im Gefängnis eine spirituelle Transformation und möchte nach seiner Haftentlassung Priester werden, kann jedoch wegen der Vorstrafe nicht ins Priesterseminar eintreten, und täuscht daraufhin in einem kleinen Dorf vor, Priester zu sein – eigentlich die ultimative Misstrauenserklärung an die katholische Kirche darstellt: Der Betrüger ist überzeugender als das Original.

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