Aus gegebenem Latzel

Seien wir ehrlich: Die im Evangelium bezeugte Religion lässt sich auf mehrere sehr verschiedene Weisen auslegen und auffassen. Und genau das ist ihr auch schon ihre ganze Geschichte hindurch widerfahren. Weltanschauliche Konflikte zwischen Christen rühren von einer idealistischen Erwartung an einen breiten und festen inner-christlichen Konsens her, die sich nicht erfüllt und nicht erfüllen kann. Solche Konflikte haben inzwischen endgültig die Ebene der konfessionellen Einteilung des Christentums hinter sich gelassen und beginnen, dessen einzelne Konfessionen weiter zu segmentieren. Die römisch-katholische Kirche arbeitet sich an ihrem „Synodalen Weg“ ab; die evangelische Welt in Deutschland nagt derzeit schwer an den Auseinandersetzungen um Pastor Latzel.

Zu letzterer Causa gibt es für mich übrigens nur ganz am Rande anzumerken, dass ein gerichtlich bestelltes Gutachten zur Biblizität von Homophobie anno domini 2021 auch ganz unabhängig von der superschrägen konkreten Auswahl der Person des Gutachters schon eine derartige anachronistische erkenntnistheoretische Absurdität darstellt, dass mir dazu nur noch der karnevaleske Geistesblitz kommt, Ursache unserer geistigen Misere möchte womöglich das Fehlen eines Exzellenzclusters „Forensische Theologie“ an unseren Universitäten sein. Genug davon, zurück zu ergiebigeren Themen:

Selbst der Hinweis, dass in all solchen konfessionsinternen Auseinandersetzungen unterschiedliche theologische Standpunkte ein unterschiedliches geistiges und geistliches Niveau aufweisen, ist nur sehr bedingt hilfreich und nur sehr bedingt relevant – entscheidend ist vielmehr, wie eine bestimmte Auffassung des Evangeliums jeweils mit einer komplexen gesellschaftlichen Situation interagiert. Und auch das war schon immer so.

Es nützt nichts, zu behaupten, dass man das Evangelium unmöglich so auslegen könne, wie es der jeweilige theologische „Intim-Gegner“ tut. Das Evangelium ist kein systematisch-theologisches Werk und erlaubt daher tatsächlich viele systematische Interpretationen. Über harte Qualitätskriterien solchen Interpretierens bestand nie und besteht de facto nirgendwo hinreichende vernunftgemäße Einigkeit. Es liegt tatsächlich an der Beschaffenheit des autoritativen biblischen Textes selbst, dass manche regelrecht totalitären Auswüchse biblischer Exegese, wie sie insbesondere in Zeiten schwerer gesellschaftlicher Verunsicherungen und Umbrüche grassieren, leider nicht zwingend mittels Hinweisen auf eine allgemein anerkannte Geschäftsordnung zur Argumentationsmethode ausgeschlossen werden können; insbesondere deshalb nicht, weil es in der mittlerweile langen und vielfältigen Kirchengeschichte historisch oft schon Präzedenzfälle für diese bedenklichen Auslegungen gibt, deren eingehende Erörterung man nicht einfach pauschal abweisen und delegitimieren kann, wobei die Komplexität einer angemessenen Diskussion dieser Fälle freilich letztendlich immer nur den populistischen Simplifikateuren in die Hände spielt, weil nur wenige akademische Fachleute sämtlichen Details einer mustergültigen Begutachtung historischer Umstände wirklich urteilskompetent folgen können, während bei Otto Normalchrist am Ende wohl nichts weiter übrig bleibt als der Eindruck: „Man sieht es ja, so geht’s doch auch – und wenn dieser oder jener nette oder mit missionarischem Wumms begabte Pastor das vertritt, und es hört sich schön griffig und eingängig an, dann schließe auch ich mich dieser Meinung gerne an.“ Da ist dann am Ende „fast alles möglich“.

Für mich ist diese teilgesellschaftliche Situationsanalyse nur ein weiteres Indiz dafür, dass wir auch im Christentum verstärkt „spirituelle Lehrer“ brauchen. Es sind eben nicht akademisch objektivierbare Argumentationen, die uns Christen theologische Wahrheitssicherheit geben. Wahrheit ist und bleibt, salopp gesagt, ein etwas akrobatisches „Nasengeschäft“. Die bisherige theologische Tradition des Christentums pocht auf den Bibelvers: „Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Mt 23,10) Aber eine strikte und starre Auslegung dieser Vorgabe stößt spätestens dann an problematische Grenzen, wenn, wie in der Gegenwart, verstärkt theologische Extremisten ein Äquivalent der dadurch im Innenraum der religiösen Bewegung notorisch vakanten Autoritätsrolle okkupieren, gerade indem sie die angebliche Nicht-Interpretationsbedürftigkeit des geschriebenen göttlichen Wortes für ihre jeweilige sinistre Selbstbestätigung instrumentalisieren: Da es aufgrund des „Guru-Verbots“ von Mt 23,10 im Christentum keine eigentlichen „Religionslehrer für (juristisch) Erwachsene“ gibt und angeblich auch nicht geben soll, ziehen diese Frömmigkeits-Populisten mit ihren markigen Parolen überall dort, wo auch das traditionelle Alternativ-Modell „Bischof“ nicht länger charismatisch zu überzeugen vermag (und wo tut es das noch?), im theologisch legitimitätsfreien Graubereich eine sich rein auf den quantitativen Zulauf an nichtredaktionell-massenmedialer Anhängerschaft gründende substitutive „christliche“ Richtlinienkompetenz an sich – mit mehr als gefährlichen Konsequenzen. Gegen die von dieser Entwicklung ausgehende ernste gesellschaftliche Bedrohung wird meines Erachtens nichts anderes helfen, als die im christlichen Bereich etablierten Konzepte für spirituelle Lehrerrollen fundamental neu zu überdenken.

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