Antwort an den „Wort-zum-Sonntag“-Pastor

Sehr geehrter Christian Rommert!

Ein mir nötig erscheinendes Wort zu Ihrem „Wort zum Sonntag“ (ARD) vom 25.04.2020.

Sie werfen allen, die jetzt nicht Abstand halten und Mundschutz tragen, „Egoismus“ vor. Indem Sie darauf hinweisen, dass Egoismus nicht mit Nächstenliebe vereinbar sei, nehmen Sie für Ihre Äußerungen biblische Rückendeckung in Anspruch.

Zunächst einmal: Biblische Rückendeckung zu Fragen der Etikette in Anspruch zu nehmen – und sei diese Etikette noch so existenziell relevant wie derzeit! – ist immer recht gewagt. Denn die Bibel gibt uns die „Freiheit eines Christenmenschen“ (diese Formulierung stammt sogar eher aus Ihrem evangelischen Vokabular als aus meinem katholischen), während Abstands- und Mundschutzregeln maximale physische Engführungen des zu Tuenden und zu Lassenden darstellen; letztere normativen Engführungen in ihrer zwangsbewehrten Konkretheit direkt von der Bibel herzuleiten, stellt schon eine kritische geistige Fallhöhe dar. Mit solcher argumentativer Vorgehensweise hat die Geschichte generell keine so guten Erfahrungen gemacht.

Um an dieser Stelle gleich eins ganz klar festzuhalten: Sollen wir Abstand halten? Ja. Sollen wir Mundschutz tragen? Ja.

Aber: Mit „Nächstenliebe“ hat das nichts zu tun. Gustav Schörghofer SJ, Künstlerseelsorger in Wien, hat diesen Einwand vor einer Woche treffend in folgende Worte gefasst: „Wir werden von einer Naturkatastrophe heimgesucht. Was uns auferlegt und aufgezwungen wird, soll größere Übel verhindern. Aber zu sagen, die Liebe verlange jetzt Distanz, ist ein Unsinn. Die Liebe braucht gewiss Distanz, aber sie sucht die Nähe zum Geliebten. Die Liebe besteht darin, dass der Liebende dem Geliebten mitteilt von dem, was er ist und hat, und der Geliebte dem Liebenden ebenso. Mitteilen bedeutet hier nicht, aus der Distanz Signale der Zuneigung zu senden, sondern hingebungsvolles Dasein für den Anderen.“

Ich selbst würde es so sagen: Jesus verstand Nächstenliebe sehr konkret. Er definierte sie unter anderem als „Kranke besuchen“. Von Viren wusste man damals noch nichts, und Mundschutz war ebenfalls noch unbekannt. Aber dass bestimmte Krankheiten ansteckend sind, das wusste man. Jesus fügte jedoch nicht hinzu: „…aber besucht sie nur, wenn sie nicht ansteckend sind!“

Was wir heute praktizieren, sind Regeln, die einem sehr abstrakten Zweck dienen: „Flatten the curve!“ Ich glaube, weil die Regeln so körperlich sind (übrigens, es gibt eine Menge Menschen, die unter einer Mund-Nasen-Filtermaske sehr schlecht Luft bekommen – das nur am Rande), vergessen wir zu leicht, dass der Zweck dieser Regeln eigentlich höchst abstrakt ist. Wir schützen mit ihnen nämlich keineswegs konkret diesen oder jenen Mitmenschen vor Krankheit und Tod. Die klare Zweckbestimmung der derzeitigen Maßnahmen wurde verbindlich von Virologen definiert, streng objektiven Experten, die dabei ausdrücklich den unbequemen Satz wiederholen: „Wir verhindern damit keine Ansteckungen, wir schieben sie nur zeitlich nach hinten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten!“

Mehrere namhafte Verfassungsrechtler (z.B. Oliver Lepsius) haben genau aus diesem Grund auch klargestellt, dass es in der gegenwärtigen Lage keine akzeptable juristische Handhabe gibt, das Grundrecht „Schutz des Lebens“ über die anderen Grundrechte zu stellen. Damit alle Grundrechte gebührend geschützt sind, geht eine solche Hierarchisierung unter ihnen nur dann, wenn der damit intendierte „Lebensschutz“-Zusammenhang SEHR konkret aufgezeigt werden kann – und diese Konkretheit reicht den Verfassungsrechtsexperten in „Flatten the curve“ bei weitem nicht aus, wie sie fast unisono bekunden. Weshalb sie auf eine rasche Rückkehr zur legalen Normalität drängen, denn andernfalls steht die faktische Gültigkeit unserer Verfassung auf dem Spiel – ein sehr hoher gesellschaftlicher Wert, an dem ebenfalls und mindestens ebenso konkret Menschenleben hängen.

Damit komme ich zu meinem zentralen Punkt: Nicht zuletzt dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verdanken wir es, dass in unserem Land ein Grundvertrauen zwischen Bürger/innen und Regierung herrscht, das im internationalen Vergleich offenbar überdurchschnittlich ist. Dieses Grundvertrauen ist gerade in der jetzigen Krise für uns alle sehr, sehr wichtig. Denn viele der wichtigsten Maßnahmen gegen eine Pandemie, beispielhaft das Händewaschen, kann kein Staat jemals effektiv auf ihre Einhaltung hin kontrollieren. Gerade in einer Pandemie lebt die Bewältigung der Krise also entscheidend von mündigen, informierten und selberdenkenden Bürgerinnen und Bürgern – nicht von Ausübungsakten der Staatsgewalt in Verbindung mit „Untertanen-Gehorsam“.

Der beste und wichtigste Grundsatz der neuen Kontaktvorgaben der Bundesregierung ist deshalb der, man solle „seine physischen Kontakte auf ein absolut nötiges Minimum reduzieren“. Denn jede/r mündige Bürger/in muss letztlich bis zu einem gewissen Grad selbst und eigenverantwortlich entscheiden, worin dieses absolut nötige soziale Minimum besteht – insbesondere in Anbetracht der Perspektive, dass wir insgesamt mit dieser Pandemie möglicherweise bis zu zwei Jahre lang zu ringen haben werden. Eine vitale Staatsbürgergesellschaft kann das durchhalten – eine Regierung „allein“, ohne genügend Rückhalt in der Bevölkerung, nicht. Kinder beispielsweise, vor allem zwischen drei und sieben Jahren, brauchen – in nüchterner Abwägung aller erheblichen hygienischen Risiken! – spätestens nach sechs Wochen wieder ihre Spielkameraden; zu behaupten, das gehöre nicht zu den absolut nötigen Minimalkontakten, kann nur Menschen einfallen, denen Elternschaft persönlich sehr, sehr fern liegt.

Zur zivilgesellschaftlichen Vitalität und Robustheit gehört bei alledem maßgeblich die Toleranz, dass der andere Mensch – christlich gesprochen mein „Nächster“ – nicht sofort „schlecht“ ist, bloß weil er bei seinem Versuch der Lagebewältigung vielleicht irgendetwas ein bisschen anders macht als ich selbst. Ja, eine robust-vitale Zivilgesellschaft muss es sogar gelassen aushalten und verkraften können, dass es in ihr eine ganze Reihe „schwarzer Schafe“ gibt, die einfach zu ignorant sind, um zu kapieren, worum es gerade geht, und die sich deshalb leider eklatant unzweckmäßig verhalten. Psychologischer Fokus auf das Jagdspiel, solche „Versager“ zu stigmatisieren, lenkt keine Form von seelischer, geistiger und sozialer Energie in irgendeine hilfreiche Richtung.

Was mich in diesem Sinne an Ihrem ARD-Beitrag vom 25.04.2020 am meisten stört, ist, dass der ganze Stil Ihrer Äußerung einer ohnehin drohenden Polarisierung noch Vorschub leistet, die uns als Gesellschaft jetzt gerade am meisten schadet: „Wer nicht Abstand hält und nicht Mundschutz trägt, ist ein Gesellschaftsschädling!“ – es tut mir leid, aber das ist die Botschaft, die für mich aus Ihren Worten „rüberkommt“; und diese Botschaft halte ich im Grunde ihrerseits für schädlich.

Allen Menschen fallen die gegenwärtigen Maßnahmen schwer. Wer sie wirksam propagieren will, der soll mit gutem Beispiel und positiver Ausstrahlung vorangehen – OHNE die an der Vorgabe Scheiternden (warum auch immer Scheiternden) knurrig anzuprangern. Letzteres nämlich fördert nicht jenes Wir-Gefühl, das wir jetzt so besonders dringend brauchen, sondern beschädigt es.

Sie sagten: „Der Grund der Öffnung ist nicht, dass ich mit meinen Wünschen zum Zuge komme. Der Grund dafür ist, dass der wirtschaftliche Kollaps von Einzelhändlern irgendwie vermieden werden muss. Deshalb wird ihnen erlaubt, dass sie ihre Läden wieder öffnen. Und andere zittern weiter.“ Damit haben Sie selbst ja schon implizit eingestanden, dass alle unsere Maßnahmen in dieser Krise an dilemmatische Grenzen stoßen. Die wirklich logische Folgerung aus diesem Eingeständnis kann nur die sein, dass wir alle noch demütiger werden gegenüber der theoretischen und technischen Unlösbarkeit des Corona-Problems. Eine Katastrophe ist eine Katastrophe ist eine Katastrophe. Und die sinnvolle Konsequenz dieser Demut sollte zunehmende Nachsicht mit den Schwächen der Anderen sein, nicht zunehmende Disziplinierungslust.

Als vielleicht rein katholischer Einwand sei zum Schluss noch angefügt, dass die meisten aktiven Katholiken sich vermutlich eher schwer tun werden, den Wunsch nach öffentlichen Gottesdiensten als „egoistisch“ anzusehen – aber das mag auch schlicht den konfessionellen Differenzen in der Sakramententheologie geschuldet sein, in die wir hier nicht eintauchen wollen.

Mit freundlichen Grüßen

„Und er hauchte sie an“ (Joh 20,22)

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Joh 20,19-23)

Mit der Nies-Etikette in Zeiten von Corona ist Jesu Verhalten völlig unvereinbar: Er hauchte sie an! Der Heilige Geist wird hier durch einen körperlichen Akt übertragen – wie ein Virus. Schwer anzunehmen, der Johannes-Evangelist habe über diese Darstellungsweise nicht nachgedacht, sondern sie sei ihm rein sponti-mäßig poetisch aus der Feder geflossen.

Schauen wir uns noch drei weitere Stichworte im Zusammenhang dieser ganzen Perikope genauer an: „Juden“, „Friede“, „Sünde“.

„Juden“ – das waren Jesus und seine Jünger auch, ohne Wenn und Aber. „Die Juden“ ist eine Abgrenzung aus der Zeit des Johannesevangeliums, unseres spätesten Evangeliums; denn erst rund ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Jesu begannen „frühchristliche Juden“ und „frührabbinische Juden“ tatsächlich manifest getrennte religiöse Wege zu gehen. Dieser historisch-kritische Einwand erweist sich hier als tiefen-theologisch sehr brauchbar: Die Jünger kommen zusammen in Furcht vor Menschen, die keineswegs so klar „die Anderen“, sondern die in den allermeisten Hinsichten immer noch und weiterhin durch und durch ihresgleichen sind. Das erinnert an die heutige Situation der Menschheit unter Corona: „Berechtigte“ Furcht müssen diejenigen haben, die heute, wie behutsam auch immer, unterm Strich etwas „gegen“ all die massiven Sicherheitsmaßnahmen gegen das Virus zu äußern wagen; denn sie ziehen den nicht unerheblichen Zorn jener Mehrheit auf sich, die keineswegs irgendwie substanziell „die Anderen“, sondern durchaus „ganz“ ihresgleichen sind, aber die sich in der gegenwärtigen Situation entschieden haben, ganz auf menschengemachte „Sicherheiten“ zu setzen und dafür einen sehr hohen Preis an Lebendigkeit zu zahlen bereit sind. Dagegen kann und muss man mit Recht einwenden, dass das in keiner Weise die spirituelle Lektion zu sein scheint, die aus dem Aufritt Jesu in Johannes 20,19-23, jener entscheidenen österlichen Stelle, hervorgeht. Es ist existenziell-theologisch sehr sinnvoll, das Wort „Juden“ in Joh 20,19 in einem völlig übertragenen Sinne zu lesen, anstatt darunter den religiös-kulturellen Klassifikationsbegriff zu verstehen, als den wir dieses Wort sonst heute benutzen.

„Friede“: Wenn Jesus dieses Grußwort gebraucht („Schalom“), dann sollten wir darin nicht nur eine Konvention sehen, sondern dieses Stichwort mit zwei wichtigen Stellen im Neuen Testament in Verbindung bringen: „Der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt“ (Philipper 4,7), und: „Frieden lasse ich euch; meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ (Joh 14,27) Das heißt, der Friede Gottes lässt sich nicht mit vernünftigen Argumenten rechtfertigen. Er kann nur erlebt werden. Rein vernünftige Argumente werden niemals rechtfertigen können, irgendetwas zu unterlassen, das der Eindämmung eines Virus dienen könnte. Die reine Vernunft ist immer in einer Logik der Eskalation gefangen. Wenn ihre Eskalation den „Break-Even-Point“ der Lebensfeindlichkeit durchbrochen hat und dieser Umstand anfängt, einer Gesellschaftsmehrheit bewusst zu werden, dann bleibt nichts anderes übrig als das Eingeständnis, dass man manchmal Leben nur bewahren kann, indem man die Forderungen der reinen Vernunft entschlossen relativiert. Ein Friede, der nicht entscheidend in Gottvertrauen gründet, ist immer ein lebloser und lebensfeindlicher Friede.

„Sünde“: Sünde bedeutet „Absonderung“, Getrenntsein von Gott. (Etymologische Besserwisser-Debatten professioneller Altgermanen über „sin-“ und „sund-“ können wir uns sparen, im Zweifelsfall genießt die Volksetymologie volle eigenständige Rechte.) Die körperliche Begegnung mit Jesus und die Trennung von Gott werden hier also in einen direkten antithetischen Gegensatz gesetzt: Der anthropologische Grundzustand der Gottesferne kann nur aufgehoben werden, wenn wir bereit sind, mit Gott in der Gestalt des Mitmenschen in dessen ganzer physischer Realität in Berührung zu kommen. Insofern ist eine vernünftige Gesellschaft der Mindestabstände und der allgegenwärtigen Mund-Nasen-Filtermasken in einem tiefsten Sinne „sündig“.

Der Wiener Künstlerseelsorger Gustav Schörghofer SJ predigte zu dieser Bibelstelle am Weißen Sonntag 2020: „Von einer Naturkatastrophe heimgesucht, verschließen wir uns in unserem eigenen System, um dieses System nicht zu gefährden. Bricht das Gesundheitssystem zusammen, sterben Menschen, deren Leben in einem funktionierenden System noch erhalten werden könnte. (…) Aber ist tatsächlich das Leben das höchste Gut? Wird nicht das Leben sinnlos, wenn es über sich hinaus nichts Größeres, nichts Höheres findet? Und was wäre dann das höchste Gut? Das Höchste ist weder in einem Gut noch in einem Wert zu finden, sondern in einer Haltung. Das Höchste ist die Hingabe des Lebens, nicht seine Bewahrung. Christen glauben an einen Gott, der sein Leben hingegeben hat, nicht bewahrt. Es ist ein Gott, der sich selbst für uns hingegeben hat und immer noch hingibt. Dieser Geist, diese Haltung ist die Grundlage der europäisch-abendländischen Kultur. Ihm verdankt sich unser Gesundheitssystem bis heute – auch ohne ausdrückliche Berufung auf das Christentum. (…) Was uns auferlegt und aufgezwungen wird, soll größere Übel verhindern. Aber zu sagen, die Liebe verlange jetzt Distanz, ist ein Unsinn. Die Liebe braucht gewiss Distanz, aber sie sucht die Nähe zum Geliebten. Die Liebe besteht darin, dass der Liebende dem Geliebten mitteilt von dem, was er ist und hat, und der Geliebte dem Liebenden ebenso. Mitteilen bedeutet hier nicht, aus der Distanz Signale der Zuneigung zu senden, sondern hingebungsvolles Dasein für den Anderen.“

Die zehn großen Fragen an Corona

Charles Eisenstein hat einen sehr schönen, aber auch sehr langen Essay zur Analyse der gegenwärtigen Weltlage geschrieben, „Coronation“. Es bedarf freilich einer gewissen Textlänge, nicht bloß Gedanken, sondern ein Lebensgefühl zu transportieren, und darauf kommt es bei Eisenstein an. Dennoch hat er mich inspiriert – zusammen mit all den vielen Anderen, die im Moment Artikel von bis dahin unüblichem Umfang publizieren zu müssen meinen -, die wesentlichen Fragen, die die Coronavirus-Pandemie aufwirft, einmal möglichst knapp als solche, als offene Fragen nämlich, zusammenzufassen:

1. Das Langweiligste zuerst: die Wirtschaft, natürlich. Manchen scheint es immer noch zu verblüffen oder gar zu verstören, aber Beatmungsgeräte, Virus-Testkits und den ganzen übrigen Medizinkram, der in Pandemien umso nützlicher je vorhandener ist, muss man mit Geld kaufen, und dieses Geld muss man sich im Normalfall irgendwie redlich (naja) verdienen. Ich gehöre selber zu denen, die dieses Weltordnungsprinzip in seiner bisher gepflegten Absolutheit höchst kurios finden, dennoch käme ich nie auf die Idee, zu leugnen, dass es hier und jetzt nun einmal so ist, und dass wir unsere jetzigen Covid-Patienten nicht erst in einer besseren Zukunft behandeln können. Also muss die Weltwirtschaft, so sehr sie sich bitte demnächst grundlegend ändern möge, zunächst einmal in wesentlichen Zügen weiterlaufen können. „Lockdown“ ist eine in dieser Hinsicht offenkundig derart gravierend suboptimale Anti-Corona-Maßnahme, dass er die drängende kritische Frage aufwirft, ob und warum intelligentere Optionen vielleicht versäumt oder überhaupt nicht erkannt wurden. Diese Frage enthält auch die sehr schwierige Teilfrage, wie sich globalökonomisch akut rettendes, aber nicht langfristig heilendes „Weiterlaufen“ und langfristig heilende, aber nicht akut rettende „Veränderung“ miteinander vereinbaren lassen.

2. Zum Medizinischen: Höchste Klugheit im Umgang mit Covid-19 kann nur darin bestehen, sokratisch zu erkennen, dass wir so gut wie nichts wissen. Diese Erkenntnis setzt kein Medizinstudium voraus, sondern bloß fünf Minuten Philosophie, idealerweise ergänzt um zehn Minuten Grundkurs soziale Statistik: Wenn man sich einmal mit der interessanten Geschichte der Volkszählungen beschäftigt, stellt man erstaunt fest, dass es gar nicht so leicht ist, in einer überlokalen Größenordnung „Köpfe zu zählen“, obwohl das im ersten Moment so einfach klingt. Zu zählen, wieviele Menschen an einer bestimmten identischen Ursache gestorben sind, ist tatsächlich noch viel, viel schwieriger. Hierzu vorab: Krankenhäuser sind überfüllt mit Menschen augenscheinlich gleicher Diagnose, und die allgemeine Sterberate ist deutlich erhöht. An der realen Existenz einer viralen Pandemie gibt es also keinen sinnvollen Zweifel. Aber diese grundsätzliche Feststellung ist auch absolut das Einzige, was daran klar ist. Wir müssen lernen, uns hierauf zu beschränken, anstatt ständig von einer Basis des Halbwissens aus in eine Wissens-Einbildung auszuschweifen, die weitaus mehr schadet als nützt. Die paar spektakulärsten der bisher bekannt gewordenen Beispiele für Verzerrungen und Verschleierungen der Covid-19-Sterberate sind folgende: (a) Es wurden sehr weitgehend überhaupt nur Probanden mit ungefähr zu passen scheinenden Symptomen getestet, asymptomatische Verläufe sind kaum erfasst. Das verfälscht die Statistik fundamental. (b) Wird ein Patient mit passenden Symptomen erst ein paar Tage nach dem Höhepunkt seiner Symptomatik getestet, kann der Test bei ihm offenbar bereits „falsch“ negativ ausfallen. Wegen Organisationsstau bei den massenhaften Testungen wurden aber sehr viele „einschlägig“ Kranke erst getestet, nachdem sie schon wieder genesen waren. (c) Viele der hochalterigen und schwer vorerkrankten an Covid-19 Verstorbenen hatten Patientenverfügungen, in denen sie eine Beatmung ablehnten; man weiß also nicht, ob sie bei voller Anwendung der medizinischen Möglichkeiten vielleicht hätten überleben können.

3. Die allgemeinen Maßnahmen gegen Covid-19, die im wesentlichen auf Kontaktminimierung beruhen, führen, da Kontaktminimierung Isolation und Vereinsamung nach sich zieht, mit absoluter Sicherheit zu einem statistisch relevanten Anstieg von (a) häuslicher Gewalt, (b) auch ohne häusliche Gewalterfahrung durch die Situation traumatisch belasteten Kindern, (c) Suiziden, (d) Alkoholismus und anderen Formen von Rauschmittelsucht sowie (e) chronischen Erkrankungen mit mutmaßlichem psychogenem Anteil wie etwa kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs, die ohnehin die beiden statistisch führenden gesellschaftsweiten Todesursachen darstellen. Politisch muss die Gesamtheit dieser Maßnahmenfolgen sorgfältig gegen die Todesfälle durch Covid-19 aufgewogen werden. Außerdem sind Viren ein notwendiges Element unseres Mikrobioms, so dass eine Abschottung gegen eine Konfrontation mit ihnen sehr wahrscheinlich bereits mittelfristig verheerende Folgen für unser Immunsystem hat.

4. Wir dürfen als Teil der wenigen gesicherten naturwissenschaftlichen Fakten, die zu Covid-19 Relevanz besitzen, zur Kenntnis nehmen, „dass es in den letzten 17 Jahren nicht gelungen ist, weder eine Impfung, noch einen monoklonalen Antikörper gegen Corona-Viren zu entwickeln; dass es überhaupt noch nie gelungen ist, eine Impfung gegen welches Corona-Virus auch immer zu entwickeln; dass auch die so genannte ‚Grippe-Impfung‘ entgegen der gängigen Werbung nur einen minimalen Effekt ausweist.“ (Prof. Dr. med. Paul Robert Vogt, Zürich) Ebenso rein spekulativ sind derzeit (April 2020) noch alle Annahmen zu einer nach durchgemachter Covid-19-Infektion eintretenden Immunität gegen den Erreger – ganz zu schweigen von der Frage, welches Spektrum dessen nächster Mutanten eine solche Immunisierung mitbetreffen würde. Daraus – aber eigentlich ja schon rein definitorisch aus der Tatsache, dass die WHO Covid-19 offiziell als „Pandemie“ einstuft – folgt, dass es keine Erledigung des Problems innerhalb von weniger als ca. 18 Monaten geben wird. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen auf bis zu höchstens sechs Wochen Dauer berechneten Maßnahmen und solchen, die sich anderthalb Jahre durchhalten lassen. Je radikaler eine Maßnahme ist, desto weniger lang ist sie durchhaltbar. Der „lange Atem“ der Maßnahmen ist bei einer Pandemie das Wichtigste. Schon allein von daher sind alle Fürsprecher radikaler und einseitiger Maßnahmen grundlegend zu kritisieren.

5. Sehr wahrscheinlich werden wir auch rückblickend nie zu einem Konsens über eine objektive Beurteilung der gegenwärtigen Pandemie gelangen, denn wenn sie leichter verläuft als erwartet, werden die Einen sagen, das habe daran gelegen, dass sie eben nicht so gefährlich war wie prognostiziert, während die Anderen sagen werden, es habe daran gelegen, dass die Maßnahmen wirksam waren; sollte sie aber schwerer verlaufen als erwartet, werden die Einen sagen, dass die Maßnahmen nutzlos waren, während die Anderen sagen werden, dass die Maßnahmen eben nicht diszipliniert genug befolgt oder nicht resolut genug durchgesetzt wurden. Damit erscheint sehr fraglich und offen, was wir als Gesellschaft aus der Erfahrung dieser Pandemie wirklich werden lernen können.

6. Notfallmaßnahmen haben auf politischer Ebene generell die Tendenz, als vorübergehende zu kommen und für immer zu bleiben. Wenn man das eine Verschwörung nennen möchte, dann ist es jedenfalls die älteste und simpelste Verschwörung der Menschheitsgeschichte: die Logik der Angst. Sie raubt uns so viel Lebensqualität, dass das Wachstum an Weisheit Menschen zu allen Zeiten immer dahin geführt hat, die Logik der Angst aufzugeben und bewusst lieber mit der Unsicherheit und Gefährlichkeit zu leben, die zum Leben gehört – und auch mit dem (sogenannten) Tod, der zum Leben gehört. Werden wir es als Gesellschaft schaffen, diese weise Haltung (wieder) einzunehmen? Oder bleiben wir in der Logik der Angst gefangen? Was passiert dann? „Safety first“ ist eine zutiefst leblose Maxime. „Ein gerettetes Leben meint zunächst einmal nichts weiter als einen aufgeschobenen Tod.“ Das heißt, jede Lebensrettung muss zusätzlich mit Sinn gefüllt werden, sie füllt sich nicht aus sich selbst mit Sinn. Wo wir Freiheit, Vergnügen, Abenteuer, Spieltrieb und Grenzerfahrungssuche „hygienisch“ ausschließen, wird es für den Sinn des Lebens eng.

7. Das deutsche Grundgesetz kennt zwischen Grundrechten keine Hierarchie, „Schutz des Lebens“ darf nur dann punktuell anderen Grundrechten übergeordnet werden, wenn eine Perspektive auf Lebensrettung situativ sehr direkt und sehr konkret ist. Das ist bei der Zielangabe „flatten the curve“ nicht der Fall, sie ist eindeutig statistisch-abstrakt. Dies ist jedoch ganz klar die einzige seriöse Zielangabe aller staatlichen Maßnahmen gegen Covid-19, da sich eine Lebensrettung im individuellen Einzelfall aufgrund der kategorischen Komplexität von Vorgängen der Inneren Medizin ebenso kategorisch niemals überzeugend argumentativ darstellen lässt. Die leicht nachvollziehbare juristische Logik dahinter ist, dass eine Zulässigkeit des Argumentierens mit Eventualitäten allzu leicht beliebigen Suspendierungen von Grundrechten Tür und Tor öffnen würde, nämlich mit der beliebigen Begründung, es „könnte ja vielleicht irgendwie irgendwo“ dadurch ein Leben gerettet werden. Die Absicht unserer Verfassung, derlei missbräuchliche Argumentationsweisen auszuschließen, ist unmissverständlich. Einem staatlichen anti-pandemischen Maßnahmenpaket andere Grundrechte unterzuordnen ist also in Deutschland verfassungswidrig und auf Dauer verfassungsschädigend, also massiv gesellschaftsschädigend.

8. Jeder projiziert in die gegenwärtige Pandemie sein persönliches Lieblingsthema hinein. Pandemien, obwohl sie sich für den einzelnen Menschen bis zu einem gewissen Grad immer als „schwarze Schwäne“ im Sinne der bekannten Theorie von Nassim Nicholas Taleb ereignen, sind Routinen der Geschichte. Der Blick des postmodernen Historikers lehrt: Manchmal wurde nach Epidemien vieles anders – manchmal nicht ganz so vieles. Außer dem Virus bestimmen immer noch eine Menge anderer Faktoren das politische, gesellschaftliche und kulturelle Outcome eines solchen Ereignisses mit. Solange die Sterberaten weit entfernt sind (und das sind sie gegenwärtig) von denen der Pest von 1349, nach der schlicht die Arbeitskräfte zum Aufrechterhalt des gewohnten Gesellschaftsbetriebs fehlten, gibt es keine gesellschaftsverändernden Konsequenzen, die eine Pandemie zwingend zeitigen müsste; deshalb sollte man sich mit ideologischen Betrachtungsweisen zurückhalten. Pandemien der heutigen Größenordnung (Stand April 2020), die die häufigsten waren, scheinen bisher auch unter noch labileren Gesamtumständen, als sie derzeit herrschen, langfristig kaum je wesentlich in die Weltgeschichte eingegangen zu sein. Selbst die Spanische Grippe von 1918, die die Menschheit am vulnerablen Ende des Ersten Weltkriegs traf und deren Erreger offensichtlich tödlicher war als Covid-19, hat die Weltgesellschaft wohl nicht so nachhaltig reformierend beeinflusst, wie es viele Visionäre sich heute von Corona erhoffen.

9. Es ist ein aus der Geschichte bestens bekanntes Muster, dass Diktatoren äußere Feindbilder brauchen, um ihre Domäne im Inneren zusammenzuhalten. Auch ein Virus vermag diese Feindbildfunktion perfekt zu erfüllen. Manchmal ist nicht der Diktator zuerst da, sondern das geeignete Feindbild – „Gelegenheit macht Diebe“. In meinem Land gibt es momentan zwar keine ernstzunehmenden Diktator-Kandidaten. Aber wieder empfehle ich den Blick des Historikers, um nicht zu unterschätzen, wie schnell sich derlei unter ungünstigen Umständen ändern kann. Auch dieses Gefahrenpotential ist beim politischen Umgang mit einer Epidemie stets klug mitzubedenken. Wir sollten für diesen Punkt spätestens dann erhöht aufmerksam werden, wenn uns klar wird, dass auf der Erde gleichzeitig um ein Vielfaches tödlichere Pandemien als Covid wüten, über die wir uns keine vergleichbaren Gedanken und Sorgen machen: Hunger und Überernährung, Depressivität und Suizidalität, nukleares Wettrüsten und Naturzerstörung. Warum bekümmert uns all das so viel weniger? Simple Antwort: Weil es sich nicht als griffiges äußeres Feindbild eignet, gegen das man überzeugend eine vermeintlich wirksame Waffe beschwören kann.

10. Covid erlaubt uns strukturell keine befriedigenden Antworten auf die Fragen, vor die es uns stellt, ohne dass wir uns Rechenschaft geben über unser ganz grundlegendes Verhältnis zum Tod, und damit zum Leben. Ohne eine spirituelle Dimension ist folglich kategorisch keine sinnvolle Antwort auf die Covid-Herausforderung denkbar, und auf überhaupt keine Pandemie. Wir aber haben unsere Kirchen im März 2020 sofort und kompromisslos geschlossen und diskutieren eher über das Wiedereröffnen von Kindergärten als über das von Kirchen. Hierin drückt sich ein wahrer geistiger Kern unserer gesellschaftlichen Hilflosigkeit gegenüber Covid aus. Eine mir befreundete Pflegefachkraft brachte das so auf den Punkt: „Die Bewohner unserer Pflegeheime haben gerade die größte Lobby, die sie je hatten; ich prophezeie, wenn die Pandemie vorbei ist, wird unsere Gesellschaft sich um das Elend ihrer Alten in den Heimen wieder genauso wenig kümmern wie vorher – aber sterben, nein, sterben dürfen sie nicht!“

Tschuldigung, muss mal grade schreien:

Siehe die jüngste Pressekonferenz der Bundesregierung: Schulen sollen wieder öffnen – aber religiöse Versammlungen bleiben verboten. Das ist vom Grundgesetz her überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen. Es zeugt von einem zutiefst religionsfeindlichen oder mindestens niederschmetternd religionsignoranten Geist, der sich in den letzten Jahren breit gemacht hat in einer Regierungskoalition, die aus zwei Volksparteien besteht, welche angeblich beide darauf Wert legen, insbesondere auch das christliche Element in unserer Gesellschaft zu repräsentieren. Solche frommen Bekundungen kann man offensichtlich in der Pfeife rauchen. Aber dieser Befund passt ja gut zusammen mit der gleichzeitigen – wenn auch von der corona-fiebrigen Gesellschaft leider weit weniger bemerkten – heldenhaften Entscheidung, von den rund vierzehntausend Kindern, die sich derzeit unter Umständen des blanken Horrors und der akuten Lebensgefahr in den ägäischen Flüchtlingslagern aufhalten, fünfzig (!!) aufzunehmen. Wohl denen, die wissen, was sie von ihren Politikern zu halten haben.

„Woman, what concern is that to you and to me? My hour has not yet come.” (John 2,4)

All of us „church kids“ remember those most enigmatic words of Jesus from the Gospel of John’s story about the Wedding at Cana, and our early-starting insurmountable question: What do they mean?

„On the third day there was a wedding in Cana of Galilee, and the mother of Jesus was there. Jesus and his disciples had also been invited to the wedding. When the wine gave out, the mother of Jesus said to him: They have no wine. And Jesus said to her: Woman, what concern is that to you and to me? My hour has not yet come.” (John 2,1-4)

There is an awful lot of commentary to be given on the frugal but super-deep verses of the Wedding at Cana – this is precisely why I want to concentrate on this one single „tiny“ question here: What does Jesus’ reply to his mother mean?

Other translations have „Woman, why do you involve me?“, or something like that. Comparing translations does not really help us either. Looking to the source does. Although not immediately, frankly. First you have to recognize and accept that these words, in Greek „Ti emoi kai soi, gynai?“, are a „pastiche“ – one of the Bible’s frequent and essential „intentionally semi-precise self-quotes“. Their template is in 2Sam 16,10 and 19,23, where David rebukes a family of vassals who are faithful to him but too zealous in persecuting his enemies: „What have I to do with you, you sons of Zeruiah – ti emoi kai hymîn, hyioi Sarouias?“ (see Footnote 1)

(Footnote 1: Need to know: In the first century CE, the Greek version of the Pre-Christian Bible, the „Septuagint“, was just as authoritative as the Hebrew version, furthermore, no serious scholar doubts that our gospels were written in Greek from their very beginning, and never in Aramaic – one just needs to be familiar with the conditions of Hellenistic culture in Ancient Near East, which totally included the Jewish territories as „Hellenistic Judaism“. This is why it makes perfectly sense to compare wording between the Septuagint and the gospels.)

So, through this pastiche, Jesus’ mother is depicted as „wanting too much“. Wherein lies the inadequacy of her wish? She seems to ask Jesus for wine. But in Jesus’ opinion, water has to be given first.

Remember that all the persons in this story represent groups – the wide variety of earliest churches. The mother of Jesus here represents an early Christian group the Johannine churches do not agree with. But about which issue?

The Gospel of John, our latest gospel, is the first canonical gospel to be heavily concerned with issues of „sacramental theology“. In the Gospel of John, water represents baptism, while wine or blood represent the Eucharist. Strikingly, you find a composition of „water and wine“ pretty much in this gospel’s beginning, in the Wedding-at-Cana story, and a composition of „blood and water“ in the end of the gospel, when Jesus is pierced on the cross. This is a bracket.

Blood and water from Jesus’ side mean that the sacraments of Eucharist and baptism spring directly from Jesus.

The Wedding-at-Cana story explains that baptism has to take place first: You must not receive the Eucharist before you have received baptism. The „Marian“ group alluded to by John 2,3-4 seems to have had a different opinion about this, which is refuted by the Johannine author.

Now you understand why Jesus’ answer to his mother’s request continues: „My hour has not yet come“ – first the water of baptism symbolically has to be brought in before the wine of the Eucharist can rightly be served. This was a core concern of Johannine theology – which means: Obviously not so in many other important earliest churches.

Alas, certainly we will continue to confront our young children with the lovely story of the Wedding at Cana without overstraining them with the full complexity of the true answer to their puzzled question: „What do these enigmatic words of Jesus mean?“ This is how an old tradition of biblical schooling is ensured to continue: a pedagogy working with the human appetite for riddles, some of which are true mysteries – but not all of them.

Anbei mal ein richtig guter Artikel aus der Schweiz, mit dem man sich ca. 100 bis 1000 andere Medienbeiträge zu dem Thema sparen kann. Er zeigt: Wenn wir jetzt anfangen, die sinnvolle Möglichkeit verschiedener Maßnahmen zu hinterfragen, dürfen wir deswegen nicht anfangen, die Gefährlichkeit dieses Virus kleinzureden. Wir müssen lernen, mit beiden Seiten der Wahrheit gleichzeitig zu leben.

https://www.mittellaendische.ch/2020/04/07/covid-19-eine-zwischenbilanz-oder-eine-analyse-der-moral-der-medizinischen-fakten-sowie-der-aktuellen-und-zukünftigen-politischen-entscheidungen/

Beste und wichtigste Aussage unseres Bundespräsidenten: „Wir sind nicht im Krieg“

Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Krisen-Ansprache einen wichtigen Punkt klargestellt: Kriege sind Situationen des Gegeneinander. Die gegenwärtige Krise ist nur durch ein radikal rückhaltloses globales Miteinander zu lösen. Jegliche Kriegs-Rhetorik ist bei der Bewältigung dieser Krise völlig kontraproduktiv.

Karfreitag 2020

Nun werden also zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums einzelne römisch-katholische Priester, mit sich selbst allein, weltweit die österliche Liturgie vor leeren Kirchenräumen zelebrieren.

Zur Erinnerung: Der charakteristische architektonische Grundtypus eines Kirchengebäudes, die Basilika, entwickelte sich im vierten Jahrhundert u.Z. genau deshalb aus dem römischen Modell einer Markthalle, weil es im Vergleich mit allen anderen damaligen Religionen eine Eigentümlichkeit der christlichen Glaubenspraxis darstellte, dass diese sich in liturgischer Hinsicht als Versammlung des Volkes im Innenraum des Tempels definierte, während alle anderen Religionsgemeinschaften sich selbstverständlich VOR den Heiligtümern ihrer Götter versammelten, so wie man ja auch in irdischen Beziehungen nicht einfach ins Wohnzimmer eines Anderen, geschweige denn eines Höhergestellten eindringt. Noch im Jerusalemer Tempel war das so gewesen – aber nach dessen Verlust (70 u.Z.) entwickelte das aufkommende rabbinische Modell des Judentums die Vorstellung, dass sogar das öffentliche Pflichtgebet, obwohl man gerade den bloßen Akt des Betens rein „technisch“ betrachtet ja auch als ganz individuell ausführbar definieren könnte, das räumliche Zusammenkommen von mindestens zehn erwachsenen Männern als Voraussetzung für die gültige Erfüllung dieser religiösen Pflicht erfordere. Dabei gibt es allerdings keine Vorschrift des Ortes. Die Kirche hingegen sah den Tempel Israels als wiederhergestellt an – wenngleich in grundlegend erneuerter Form, nämlich nicht länger auf dem geographisch bestimmten Berg Zion, sondern stattdessen in global-missionarischer Vervielfältigung, als kühne Weiterentwicklung der großen prophetischen Vision eines universalisierten Israel in Jesaja 56. Zum wahren Gott kann jeder Mensch jederzeit einfach in die innerste Stube kommen – das ist die spektakuläre Botschaft, die die Kirche, gegen alle anderen Kulte, schon allein baulich verkörpert.

Deshalb gehört es logischerweise wesentlich zum kirchlichen Glaubensvollzug und Glaubensausdruck, dass zu den bestimmten heiligen Zeiten die ganze Gemeinde auch tatsächlich räumlich-körperlich um den Altar zusammenkommt. Die klerikale „One-Man-Show“, ganz zu schweigen von deren noch gesteigerter publikumsloser Variante, widerspricht mithin deutlich den ursprünglichen und eigentlichen geistigen Grundlagen der christlichen Theologie.

Meine persönliche Meinung dazu: Aus mystisch-spiritueller Sicht ist selbst eine theologische Bankrotterklärung nichts Schlimmes – die Voraussetzung dafür, dass eine bankrotte Theologie Platz machen kann für „einen neuen Himmel und eine neue Erde“, lautet allerdings, dass der Mensch sich seinen vernunfttheologischen Bankrott auch schonungs- und rückhaltlos eingesteht.

Wahrscheinlich hätte die römisch-katholische Kirche den vom Coronavirus verursachten staatlichen Versammlungsverboten weniger widerspruchslos, eilfertig und totalkapitulationsartig nachgegeben, wenn sie nicht zuvor schon seit Jahrhunderten eine höchst fragwürdige theologische Entwicklung kultiviert hätte, derzufolge die Substanz der Kirche am amtspriesterlichen Handeln hängt, und zwar zur Not unter Absehen vom Verhalten des gesamten laienhaften Rests der Christenheit. Die amtskirchlicherseits de facto vertretene Entbehrlichkeit des „Volkes“ entpuppt sich nun, zu Ostern 2020, in der bildlichen Gestalt der absurd allein zelebrierenden Priester vollends als eine Groteske, die dem ohnedies schwer angeschlagenen Image der römisch-katholischen Kirche den Rest gibt.

Dabei sind die staatlichen Maßnahmen gegen das Coronavirus in Deutschland ja bisher im Großen und Ganzen zustimmungswürdig, und an dieser Stelle soll auch keinesfalls die Auffassung vertreten werden, die Kirche hätte sich den von der weltlichen Obrigkeit mit relativ leichter Hand dekretierten hygienischen Versammlungsbeschränkungen von Anfang an unter Berufung auf die grundgesetzliche Religionsfreiheit vehement verweigern sollen.

ABER: Die Kirche hat die betreffenden, vielleicht ein bisschen zu selbstherrlichen Anordnungen der Regierenden enttäuschenderweise nicht einmal eine Sekunde lang hinterfragt, so als gäbe es hier überhaupt kein verfassungsrechtliches Problem, auf das die Kirche im Interesse ihres gesellschaftlich-kulturellen Status vernehmlich hinweisen muss. Es musste erst der angesehene Staatsrechtsprofessor Oliver Lepsius den markanten Satz formulieren: „Die Kirchen sollten jetzt vor allem eins tun: Eine Ausnahme fordern für Gottesdienste an den höchsten christlichen Feiertagen. Wenn sie ihre Grundrechte nicht einfordern, verlieren sie als Institution auch die religiöse Autorität. Die Religionsfreiheit ist dann jedenfalls beliebig abwägbar. Das droht allen Freiheitsrechten, wenn wir als Träger dieser Freiheit nichts dagegen tun, sondern uns mit einem diffusen Regelungsziel ‚Kampf gegen das Virus‘ zufrieden geben und Rechtsgüter nach einer ‚Systemrelevanz‘ differenzieren.“ („Verfassungsblog“, 6.4.2020)

Lepsius hat erhellend darauf hingewiesen, dass es zwischen Grundrechten keine Hierarchie gibt und dass „Schutz des Lebens“ nur in Situationen, in denen die Zusammenhänge als sehr konkret und unmittelbar darstellbar sind, über die anderen Grundrechte gestellt werden kann. Eine Argumentation, derzufolge diese oder jene Grundrechte eingeschränkt werden sollen, „denn wir KÖNNTEN dadurch ja VIELLEICHT ein Leben retten“, ist verfassungsrechtlich unzulässig, weil diese Art von Argumentation evidenterweise sehr schnell einen völligen Kontrollverlust über den staatlichen Umgang mit jeglichen Grundrechten nach sich ziehen würde; denn mit „könnte vielleicht“ lässt sich bekanntlich immer und überall bequem argumentieren. Lepsius zeigt überzeugend auf, dass der Zusammenhang zwischen den staatlichen Maßnahmen und dem beabsichtigten Lebenserhalt im Fall der derzeitigen Coronavirus-Pandemie ganz klar ein bloß indirekter ist: Wer wann woran wie schwer erkrankt (Stichwort: Wer ist wirklich „an“ Corona, wer eigentlich eher „mit“ Corona gestorben?) ist eine hyperkomplexe Frage, und Ziel der öffentlichen Maßnahmen ist explizit nichts anderes als die pragmatische Prophylaxe gegen eine Überlastung des Gesundheitssystems, wie alle medizinischen Experten unisono präzise formulieren – für ein Hintanstellen anderer Grundrechte zwecks „Schutz von Leben“ reicht der so dargestellte Zusammenhang juristisch eindeutig nicht aus. Schon der unerträglich beliebte Slogan „Flatten the Curve“ lässt ja erkennen, dass es hier um Statistik geht und nicht um Leben. Die Statistikkarte sticht die Verfassungskarte aber in keiner Variante unseres gesellschaftlichen Spiels.

Darauf, dass die drastische Zunahme von häuslicher Gewalt und Suiziden infolge der undifferenzierten allgemeinen Ausgangsbeschränkungen unter eine seriöse Opferbilanz der Pandemie mit aufzunehmen ist, will ich an dieser Stelle gar nicht näher eingehen.

Damit ist klar, dass wir nach drei Wochen Ausnahmezustand jetzt dringend dergestalt schrittweise zur Normalität zurückzukehren haben, dass zuerst die Gültigkeit der Verfassung und der Grundrechte in vollem Umfang wiederhergestellt wird, um die gesellschaftlich überlebenswichtige kulturelle Wirksamkeit der letzteren nicht noch weiter zu beschädigen: Zuallererst müssen die Entscheidungsprozesse über das weitere Vorgehen gegen die Pandemie wieder sauber konstitutionalisiert werden. Föderalistische Pluralität ist dabei zu bejahen und zu begrüßen, auch daran hat Professor Lepsius dankenswerterweise keinen Zweifel gelassen.

Die Kirche wäre mitverantwortlich dafür gewesen, diesen wichtigen Einspruch zu erheben. Sie hat an dieser Aufgabe mit ihrem geradezu vorauseilenden selbst-suspendierenden Gehorsam gegenüber dem Staat im März 2020 eklatant versagt und so ihren im Gange befindlichen Bedeutungsverlust noch weiter verschärft.

Früher gingen Menschen gerade während Epidemien in die Kirche. Aus heutiger positivistischer Sicht der Dinge war das freilich nicht klug. Aber vielleicht waren die Möglichkeiten des kollektiven Frömmigkeitslebens doch auch gut fürs Immunsystem. Die russisch-orthodoxe Kirche jedenfalls sieht das anscheinend heute noch so – und wie man hört, traut Zar Putin sich nicht, gegen den selbstbewussten kirchlichen Bruch des staatshygienischen Versammlungsverbots in seinem Land energisch vorzugehen. Damit sind die Russisch-Orthodoxen derzeit zwar gewiss nicht die vernünftigeren, aber doch in gewisser Hinsicht „leider“ die glaubwürdigeren Christen. Natürlich ist diese Angelegenheit gerade für eine aufgeklärte und trotzdem zugleich mystisch-fromme Kirche, wie ich sie mir wünsche, ein großes Dilemma. Gewiss wären die deutschen Kirchen an Ostern gerade dieses Jahr so voll, dass man in der Praxis nicht jede zweite Bankreihe freilassen und zusätzlich anderthalb Meter Abstand zum Nächsten einhalten könnte, und dieses Problem darf keinesfalls fanatisch-verblendet ignoriert werden.

Aber wenigstens den Mut und das geistige Format, die damit zusammenhängende notwendige heikle Debatte über bedeutsame aktuelle gesellschaftliche Grundsatzfragen anzustoßen und in Gang zu halten, eine Debatte, die zu führen noch dazu unsere Verfassung von uns fordert, hätte man sich in der aktuellen Lage von den großen Kirchen in Deutschland schon erhoffen dürfen – leider komplette Fehlanzeige.

Ich empfehle den folgenden Beitrag von Oliver Lepsius auf dem „Verfassungsblog“ vom 6.4.2020. Er zeigt meines Erachtens sehr treffend auf, wie wir in der derzeitigen Krise als Gesellschaft das Gefühl für den sinnvollen staatsbürgerlichen Umgang mit unseren Grundrechten erschreckend verloren haben:

Vom Niedergang grundrechtlicher Denkkategorien in der Corona-Pandemie

Von unbewussten Dienern der falschen Herren

Die Logorrhö des weltweiten Bloggertums selbsternannter hochgeschwinder Corona-Zeitzeugen erreicht, wie zu erwarten war, derzeit Rekordstände – ein wesentlicher Grund, weshalb ich selbst momentan eher Blog-Unlust verspüre und mich lieber mit Grundsätzlichem befasse, das wohl eher einmal zu Büchern gerinnen wird, als sich in kurzlebige Medienbeiträge zu ergießen und darin zu versickern.

Ja, auch ich muss mir derzeit allerorten von Paketklebeband auf dem Fußboden vorschreiben lassen, wo ich zu stehen habe, auch ich muss derzeit Diskussionen über selbstgehäkelte Gesichtsmasken führen, auch ich habe derzeit ein lebhaftes fünfjähriges Einzelkind zuhause zu entschärfen, auch meine engste Familie hat gerade ganz reale und konkrete gesundheitliche und wirtschaftliche Existenzsorgen. Und nein, all das ist kein Grund, sich zu fühlen und zu gebärden, als wäre man gerade in den Nabel der Welt gefallen.

Solche unangemessene Agitiertheit und Exaltiertheit vieler leistet übertriebenen und bisweilen auch von falschen und inakzeptablen Motiven bestimmten Folgerungen aus dem Auftreten eines Virus tief-untergründigen Vorschub.

So lässt sich etwa der ungarische Staatschef gerade, sozusagen von Corona gekrönt, zu unumschränktem Regieren per Dekret ermächtigen – absurd und schrecklich. Aber auch im spezifisch katholischen Milieu als solchem ereignet sich derzeit anrüchige „Zweckentfremdung“ der Pandemie: Während „retrokatholische“ Kreise hier nun endlich wieder einmal die gute alte Geißel Gottes am Werk sehen, interpretieren radikal-progressive Kirchenreformrufer den Anlass zur Nationalquarantäne als eindeutiges Wasser auf die Mühlen ihrer Forderung, nun müsse sich endlich jeder Gläubige seine eigene Eucharistie am Küchentisch zelebrieren dürfen. All das ist, mit Verlaub, Missbrauch.

Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück schreibt auf „katholisch.de“ am 01.04.2020 treffend: „Aus der Umtriebigkeit der Corona-Blogs und Kommentare spricht bei aller Sorge um die Zukunft der Kirche vielleicht auch eine Unfähigkeit zu warten und die Unterbrechung der Normalität als Anstoß zur Nachdenklichkeit zu nehmen. Jedes spirituelle Bedürfnis soll sofort gestillt werden. Die konsumistischen Imperative des Warenkapitalismus sind aber nicht auf die Kirche übertragbar. Die Not ist eine Not – und sie sollte als solche auch ausgehalten und nicht kaschiert werden.“

Von der einen Seite her schiebt also die „Ungeduld mit Gott“ – von der anderen Seite her aber zieht gleichzeitig auch noch stark der selbstunkritische Ich-Bekräftigungsreflex der je individuellen Vorzugs-Ideen, der nur allzu blind macht für deren Relativität. Mit der gegenwärtigen Seuchenkrise nun als angeblicher Hyper-Bestätigung des je eigenen persönlichen Lieblings-Ceterum-Censeo herumzufuchteln ist, unumwunden gesagt, kategorisch etliche Nummer zu klein gegeistert und einfach nur ärgerlich, ja widerwärtig. Notorischen Verschwörungstheoretikern sei eine solche Aufführung nachgesehen, sie bleiben sich damit ja bloß treu. Hierunter mögen naturgemäß auch populistische Politiker fallen. Aber für – beispielsweise – Ökologen, Ökonomen oder Theologen schickt sich eine solche Haltung unter keinen Umständen und ist tabufürchtig zu meiden.

Das, wie ich es nennen möchte, „palinfaktische“ (zu deutsch etwa: „wieder-faktische“) Medien-Phänomen Professor Christian Drosten, bei dem Millionen Menschen gegenwärtig leidenschaftlich und täglich die an Vorlesung grenzenden staubtrockenen Ausführungen eines grundsoliden nüchternen Virologen absorbieren, was noch bis in jüngstvergangene Tage jede angeblich seriöse Medienredaktion weltweit garantiert schon im bloßen Ideenstadium als unverkäuflich verworfen hätte, spricht eine deutliche Sprache der Kulturwende. Gut so. Denn das ist das beste Mittel der Menschheit gegen die unhygienische geistige Ansteckungsgefährlichkeit von Orbán & Co.

Corona

Natürlich ist ein Kommentar zur Coronavirus-Krise auch an dieser Stelle unumgänglich. Es wird über dieses Thema derzeit soviel geredet und debattiert, dass ich mir in dieser Sache höchste Knappheit des Wortes auferlege. Ich möchte hier einstweilen nichts weiter tun, als vier Fragen zu formulieren, über die derzeit meines Erachtens viel zu wenig diskutiert wird:

1. Wenn Schutzisolation angestrebt wird, wer ist denn dann eigentlich zu isolieren? Zwei derzeit unbestreitbare Fakten lauten: Erstens, wir können die Risikogruppen für eine schweren Coronavirus-Krankheitsverlauf deutlich genauer orten als die Überträger des Virus; und zweitens, die Gefährdeten stellen eindeutig eine Minderheit der Gesamtgesellschaft dar (ohne mich hier in Prozentzahlen zu ergehen, denn ich möchte mich keinesfalls als der zehnmillionenundeinste selbsternannte unfassbar erfahrene Pandemie-Fachblogger in diesem Land profilieren). Nach Jeremy Benthams „Greatest-Happiness“-Prinzip („größtes Glück der größten Zahl“) – das gewiss unbehagliche Aspekte haben mag, aber trotzdem von unverwüstlicher Zählebigkeit ist – ist ganz klar gefordert, auf die spezifische, gezielte Schutzisolation der Gefährdeten zu fokussieren, anstatt das gesamte öffentliche Leben einzustellen und die unabsehbaren Nebenfolgen einer solchen exzessiven Entscheidung in Kauf zu nehmen. Gerade aus Fürsorglichkeit einstweilen den physischen Kontakt zu reduzieren ist aber genau das, was alle, die konkret Sorge um ihre hochalterigen Eltern oder Großeltern haben, jetzt ohnehin schon tun.

2. Wir erleiden derzeit bereits einen enormen volkswirtschaftlichen und globalwirtschaftlichen Schaden – und zwar bisher noch in keiner Weise tatsächlich wegen des Virus selbst, sondern allein aufgrund unserer exzessiven Präventivmaßnahmen im Hinblick auf eine Corona-Pandemie. Dass solche maximale prophylaktische Reaktivität eine verantwortungsvolle politische Entscheidung darstellt, ist keineswegs ausgemacht. Denn Krankenhäuser kosten Geld – Intensivstationen ganz besonders -, und dieses Geld muss auch irgendwo herkommen, andernfalls gibt es keine Krankenhäuser und Intensivstationen. Das scheinen viele derzeit in merkwürdiger Weise zu vergessen. (Übrigens: Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden.)

3. Derzeit werden alle Kinder in diesem Land in gravierender Weise auf behördliche Anweisung sozial isoliert. Sie haben keine Kontakte mehr außerhalb ihrer engsten Familie. Je nach Familiensituation wird dies nach einer mehr oder weniger langen Zeit für jedermann unerträglich. Wir können davon ausgehen, dass sich in etwa drei Wochen die ersten nennenswerten Zahlen merklich traumatisierter Kinder infolge der Corona-Isolation zu zeigen beginnen. Diese drei Wochen sind auch in den harmonischsten Familien etwas ganz anderes als ein Urlaub mit den Eltern. Es sind drei Wochen „Lager-Koller“. Die kindliche Vernunft kann noch nicht aufnehmen, was wir Erwachsenen ihnen erklären; die Kinder leiden einfach. Lassen wir sie wenigstens für den richtigen Zweck leiden? Die Kinder selbst jedenfalls tragen nach derzeitigem Kenntnisstand überhaupt kein gesundheitliches Risiko durch das Coronavirus. (Nur am Rande bemerkt: Auch die garantiert gerade signifikant steigenden Fallzahlen an Suiziden, an fatalen Alkoholerkrankungen, an Herzinfarkten und Schlaganfällen, die in bewegungsarmer häuslicher Umgebung unter psychischer Anspannung und Unglücklichkeit erlitten werden, sowie an tödlichen häuslichen Unfällen, die stets einen großen Teil aller tödlichen Unfälle ausmachen, muss man ehrlicherweise eigentlich in eine Kosten-Nutzen-Abwägung der Anti-Coronavirus-Isolationsmaßnahmen mit einbeziehen. Aber auf diesen Nebengedanken möchte ich mich hier nicht kaprizieren.)

4. Nach den drei Wochen, von denen jetzt immer die Rede ist, wird sich die Lage definitiv in keiner Weise gebessert haben, denn die Langfristigkeit des Problems gehört ja gerade zur Definition des Begriffs „Pandemie“. Eine Pandemie haben wir jetzt laut WHO. Länger als drei Wochen lassen sich derart einschneidende allgemeine Maßnahmen, wie sie jetzt gerade praktiziert werden, sowieso unter keinen Umständen durchhalten. Was also passiert danach? Das ist eine der allerwichtigsten Fragen, die jetzt intensiv öffentlich diskutiert werden müssen.

Wir stehen als Gesellschaft aktuell in spektakulärer Weise vor folgendem fundamentalen philosophischen und weltanschaulichen Problem: Die reine Logik lässt in der Tat keinen anderen Schluss zu, als dass die einzige konsequente Maßnahme gegen die Pandemie in einer radikalen sozialen Isolation jedes Einzelnen besteht. Deshalb legen gerade viele die amtlichen Verbots- und Quarantäne-Regelungen selbständig noch exzessiver aus, als diese es bislang in ihrem Wortlaut tatsächlich sind. Oberflächlich gesehen liegt darin gar nicht mal ein Irrtum, denn diese Leute haben die zwingende Logik hinter den Maßnahmen durchaus richtig erkannt. Was wir aber gerade erleben, ist ein besonders plastisches und drastisches Beispiel dafür, dass das menschliche Leben der rein menschlichen Logik einfach nicht folgt. Der Preis unserer Logik wäre in letzter Konsequenz die Aufgabe unseres Lebens. Die Logik an sich ist nicht falsch – aber sie nützt nichts. Das ist genau der Punkt, an dem „spirituelle“ Antworten erforderlich werden – weil die „logischen“ schlicht an der Praxis scheitern.

Nach Jahrzehnten des Spiritualitätsverlustes in unserer Gesellschaft – denn den größten Teil der Esoterikwelle der letzten fünfzig Jahre kann man nicht unter ernsthafte Spiritualität rechnen – wird es daher nun offenkundig dringend Zeit für einen dynamischen gesellschaftlichen Neufang auf jenem im Vergleich zur wissenschaftlichen Logik ganz andersartigen Boden der Erkenntnis, den bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in unserer Kultur deren christliche Tradition bestellt hat.

Wie dieser Neuanfang genau auszusehen hat – das ist mein großes Thema in diesem ganzen vorliegenden Blog.

Kinderrechte in die Verfassung?

Aktuell möchte ein gesellschaftliches Bündnis „Kinderrechte“ ins deutsche Grundgesetz schreiben, und ein dagegenstehendes gesellschaftliches Bündnis möchte das verhindern. Darüber habe ich in den letzten Tagen intensive Diskussionen geführt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich selbst habe mit klarer Entschlossenheit die Petition gegen die angestrebte Grundgesetzänderung unterschrieben.

Repräsentativ für die Befürworter dieser geplanten Verfassungsänderung ist der folgende Text auf der Internetseite von UNICEF: „Die UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK), die den Status eines Bundesgesetzes hat, sowie die EU-Grundrechtecharta formulieren das Kindeswohlprinzip und die Beteiligungsrechte klar und stark.“ Na also. Dann aber fährt der Text fort: „Daran sollte sich auch ein deutscher Verfassungstext orientieren.“ Warum? Die UNICEF-Resolution erklärt: „Insbesondere für das Kindeswohlprinzip, das im Artikel 3 der UN-KRK geregelt ist, und das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Beteiligung halten wir die vorliegenden Formulierungen für nicht weitreichend genug. Wir sprechen uns für eine Formulierung aus, die sowohl die Gesetzgebung und Rechtsprechung des Bundes und der Länder als auch die Verwaltungspraxis im Sinne der ‚besten Kinderinteressen‘ nachhaltig beeinflusst und damit die Lebenssituation der Kinder vor Ort konkret positiv verändert. Wir dringen darauf, das Kindeswohlprinzip und das Beteiligungsrecht von Kindern und Jugendlichen grundgesetzlich ausreichend im Sinne der UN-KRK abzusichern. Mit der Verankerung dieser beiden sich ergänzenden Prinzipien kann dem Anspruch einer ernsthaften Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention entsprochen und dem aktuellen Umsetzungs- und Anwendungsdefizit der Kinderrechtskonvention in Deutschland entgegengewirkt werden. (…)“ Für mich ist das eine völlig schwammige Begründung. Dann beeilt sich der Text zu sagen: „Starke Kinderrechte richten sich nicht gegen Eltern oder gegen andere Erwachsene. Sie helfen vielmehr, die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft zu sichern. Kinderfreundliche Kommunen, die den Bedürfnissen, Interessen und Rechten der nachwachsenden Generation gerecht werden, sind – so unsere Erfahrung – lebenswertere Kommunen für die gesamte Bevölkerung.“ Das ist doch Blabla – politische Argumentation: null; juristische Argumentation: null. Nichts als eindimensionaler Lobbyismus – sorry, überzeugt mich nicht im geringsten.

Die Befürchtung der Gegner einer „Pro-explizite-Kinderrechte“-Verfassungsänderung ist, dass durch diese Gesetzesänderung dem Staat letztlich die Möglichkeit gegeben werden soll, stärker institutionell in die Familien einzugreifen. Jeder muss selbst wissen, ob er das gut findet. Ich finde es alarmierend.

Aus dem „Demo-für-alle“-Lager wird in die Auseinandersetzung häufig der Hinweis auf den aktuellen norwegischen „Barnevernet“-Skandal eingebracht. „Barnevernet“ ist der offensichtlich aus dem Ruder gelaufene, exzessiv agierende behördliche Jugendschutz in Norwegen, der teilweise aus nichtigen und unbelegten Gründen Kinder ihren Eltern wegnimmt, ohne mit den Familien überhaupt Gespräche zu führen, wobei das System auch haltlosen Denunziationen Tür und Tor öffnet. Anfangs hielt ich das für eine Verschwörungstheorie, aber auch viele unbezweifelbar seriöse internationale Medien haben inzwischen bereits wiederholt kritisch über das Thema berichtet. Ich werde am Schluss noch eine aufschlussreiche Bemerkung über meine Interpretation des Phänomens „Barnevernet“ anfügen; einstweilen möchte ich aber nüchtern und pragmatisch auf die reale Situation in Deutschland fokussieren:

Sämtliche Kinderrechte sind durch das bisherige deutsche Grundgesetz längst ausreichend geschützt. Das betonen alle seriösen Juristen, die man in dieser Angelegenheit befragt. Wenn aber unsere kompetenten und glaubwürdigen Rechtsfachleute und Rechtspraktiker nahezu durch die Bank versichern, dass die von einigen angestrebte Gesetzesänderung für den tatsächlichen Schutz der Kinder praktisch-juristisch unnötig ist, dann muss man sich schon skeptisch fragen, wozu diese legislative Kampagne eigentlich wirklich dienen soll.

Änderungen der höchsten Gesetzesebene sind immer eine sehr heikle Sache, weil eine Argumentation mit dieser Ebene alle anderen Gesetze übertrumpft. Die konkrete Sorge vor einem zu starken Staat ist hier keineswegs unberechtigt oder übertrieben. Denn auch hierzulande gibt es mit einem vitalen politischen Willen bewehrte handfeste politische Interessen, denen starke Elternrechte im Weg stehen. Bestimmte umstrittene schulische Lehrinhalte, Freiwilligkeit des Kindergartens, freie Impfentscheidung und freie Therapiewahl sind Stichworte, die die Sorte aktueller politischer Themen umreißen, um die es dabei geht. Das norwegische Jugendamts-Problem bezeichnet also keineswegs den einzigen und wohl nicht einmal den entscheidenden heiklen Punkt, der sich an einem durch konstitutionell verankerte Kinderrechte gestärkten und „über-stärkten“ Staat auftun würde.

Wann immer der Staat sich in das gesellschaftliche Subsystem Familie einzumischen versucht, geht es dabei keineswegs wirklich immer nur in erster Linie um das Wohl der Kinder – „Kindeswohl“ klingt halt bloß immer gut als Begründung. Man muss da schon sehr genau aufpassen.

Ich bin einfach generell sensibel bei allem, was einem zu starken Staat den Weg ebnet. Dieses Problem sehe ich hier klar und konkret gegeben. Das ist eine extrem grundsätzliche Frage. Ich bin aus Erfahrung und aus geschichtlicher Bildung nicht staatsgläubig. Ich bin überzeugt, wann immer Lösungen angestrebt werden nach dem Motto „der Staat soll mal durchgreifen“, sind am langen Ende in 99 Prozent der Fälle die gesellschaftlichen Schäden bedeutend größer als der Nutzen.

Diese Anschauung setzt freilich die sehr fundamentale weltanschauliche Akzeptanz voraus, dass es gesellschaftliche Probleme gibt, die wir überhaupt nicht bzw. nicht sinnvoll grundsätzlich (sondern wenn überhaupt dann nur kasuistisch) politisch lösen können (wie z.B. die Existenz dysfunktionaler Familien). Weil diese Grundakzeptanz eine tiefe Anerkenntnis der generellen Begrenztheit menschlicher politischer Handlungsmöglichkeiten voraussetzt, kommt dieser Standpunkt ganz wesentlich aus der christlichen oder genauer gesagt katholischen Soziallehre (meine Basis). Dort wird der „Vorrang der Gesellschaft vor dem Staat“ vertreten. Das bedeutet: „im Zweifelsfall Vorrang der Familie vor dem Staat“.

Innerhalb der katholischen Soziallehre kann dabei der Begriff „Familie“ durchaus unterschiedlich ausgelegt werden. Viele christliche Gruppierungen, die sich dem Petitionsbündnis „Demo für alle“ gegen die Grundgesetzänderung angeschlossen haben, verstehen den Begriff „Familie“ sicherlich ausgeprägt konservativ-christlich. Aber er kann durchaus auch die postmoderne Patchwork-Familie meinen; so verstehen ihn fortschrittlich-liberale Katholiken wie ich – aber bei der Forderung nach einem letzten Primat der Familie über den Staat bleibt es für jeden noch so liberalen Katholiken.

Die SPD, die die Gesetzesänderung prominent unterstützt, steht hingegen typischerweise für das Umgekehrte, nämlich den „Vorrang des Staates“. Man muss allerdings auch sagen, dass diese alten Zuordnungen der Parteien derzeit durchlässiger werden. So rufen z.B. aktuell junge CDUler wie Amthor nach dem starken Staat, was keineswegs unproblematisch der Tradition der christdemokratischen Unionsparteien entspricht. Man muss bei der Zuordnung der Parteien in dieser Frage also inzwischen genauer hinschauen.

In Nordrhein-Westfalen wiederum forderte die AfD zur Unterstützung der Petition von „Demo für alle“ auf. Disqualifiziert sich dieses Bündnis damit als ungeeigneter Koalitionspartner für jemanden wie mich? Antwort: Manchmal kann sinnvolle – und vielleicht die einzig sinnvolle – Politik durchaus darin bestehen, „zusammen“ mit den falschen Leuten die richtigen Ziele zu verfolgen. Ich höre ja auch nicht auf, für den Umweltschutz zu sein, nur weil es immer mehr „Grün-Braune“ gibt. Auch jegliche Koalitionen hätten dann in letzter Konsequenz keine Berechtigungen mehr. In der konkreten Einzelpraxis muss man das alles natürlich sehr differenziert und mit viel Fingerspitzengefühl angehen. Sonst wäre Politik ja ziemlich simpel. Ist sie aber nicht. Auf einer Demo möchte ich neben niemandem von der AfD stehen.

Aber eine Petition ist etwas anderes als eine Demo. Zumal die fragliche E-Petition an den Bundestag keinen Haupt-Petenten auswies. Selbst wenn die ein AfDler gestartet hätte, wüsste das keiner. Hinsichtlich etwaiger zweifelhafter Initiatoren oder Schulterschluss-Partner eines gesellschaftspolitischen Vorstoßes, dem man sich anschließt, gilt in solchen Fällen dann für mich das gute, alte, robuste Prinzip: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!“ Also kann man sich hier getrost auf den Sachgehalt der Frage konzentrieren.

Wir leben derzeit leider in einer tief verunsicherten Gesellschaft. Eine wichtige Säule der Solidität darin ist unsere erfolgreiche Verfassung von 1949 – wichtiger denn je. An ihr irgendetwas zu verändern ohne absolut zwingenden Grund halte ich für gesellschaftspolitisches Hasardieren. Aus meiner Sicht wollen hier ein paar ego-gekränkte Politiker, die sonst nicht viel Spektakuläres bewirkt haben, weil die echten gesellschaftlichen Problemthemen eben nun einmal verdammt kompliziert sind, stattdessen mit viel Knalleffekt einen sachlich ziemlich sinnlosen persönlichen Fußabdruck im Grundgesetz hinterlassen – sorry, dass ich das mal so hart formuliere. Aber das ist ein No-Go, als Spielwiese für politische Egos ist unsere kostbare Verfassung echt nicht da.

Abschließend, wie versprochen, eine weiterführende Anmerkung zu meiner Sicht auf die Besonderheiten des norwegischen „Barnevernet-Problems“:

Die Trennung zwischen Kirche und Staat erfolgte in Norwegen eklatant später als im Rest Europas. Die Norwegische Kirche (Bokmål: Den norske kirke, Nynorsk: Den norske kyrkja) ist die evangelisch-lutherische Volkskirche in Norwegen. Nach einem längeren Reformprozess bildet sie erst seit dem 1. Januar 2017 ein vom norwegischen Staat unabhängiges Rechtssubjekt. 2008 einigte sich das norwegische Parlament auf ein Gesamtpaket zur Reform der Norwegischen Kirche. Das Verhältnis von Staat und Kirche wurde auf eine neue Grundlage gestellt. Die notwendige Verfassungsänderung erfolgte am 21. Mai 2012. Der König ist nicht länger Oberhaupt, er und seine evangelisch-lutherischen Minister bilden nicht länger den Staatskirchenrat (den kirkelige statsråd). Damit entfällt auch das bisherige Quorum, dass mindestens die Hälfte der Regierungsmitglieder der Kirche angehören musste. Statt wie bisher vom Staatskirchenrat ernannt werden die Bischöfe zukünftig in demokratisch legitimierten Wahlen bestimmt. Das Storting (das norwegische Parlament) tritt weiterhin als Gesetzgeber des Kirchengesetzes (kirkeloven) in Erscheinung, lediglich für die inneren Angelegenheiten der Kirche ist es nicht mehr zuständig. Die Norwegische Kirche bewahrt als mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft des Landes den Status einer „Volkskirche“. Die Verfassung sichert ihr weiterhin die besondere Unterstützung des Staates zu. Bischöfe, Pröpste und Pastoren blieben bis Ende 2016 dienstrechtlich Staatsbeamte. Die Kirche finanziert sich weiterhin durch staatliche Zuweisungen, nicht etwa durch Mitgliedsbeiträge. (siehe Wikipedia) Diese Informationen sind in folgendem Licht zu betrachten: Die katholische Soziallehre fordert klar den Vorrang der Familie vor dem Staat – Martin Luthers reformatorische politische Theologie hingegen erhob in voller Absicht den jeweiligen Territorialfürsten zum Kirchenoberhaupt, was die vehemente Differenz zwischen Katholiken und Lutheranern in diesem Punkt bereits deutlich macht. Ich persönlich bin fest überzeugt, dass dieser spezifisch „staats-lutherische“ kulturelle Aspekt (der für die meisten heutigen deutschen Protestanten eine veraltete Form der evangelischen Theologie darstellt) hinter der norwegischen „Barnevernet“-Ideologie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Fazit: Unabhängig von allen praktischen Problemen mit der Funktionalität der Jugendämter, die wir auch in Deutschland haben mögen – was die deutsche Gesellschaft in erster Linie braucht, ist der fortgesetzte und erneuerte kulturelle und politische Mut, Eltern die enorme individuelle Verantwortung zuzumuten und zuzutrauen, die sie für das Wohl ihrer Familien zu übernehmen haben. Keine andere weltanschauliche Grundentscheidung ist mit einer echt christlichen Sicht auf die menschliche Gesellschaft vereinbar. Natürlich gibt es auch Familienstrukturen, die dramatisch versagen und daher subsidiäre Interventionen nötig machen. Aber was in Anbetracht dessen zur Unterstützung unserer Jugendämter wirklich erforderlich ist, ist keine pathetisch-poetische Blumigkeitssteigerung von bewährten Verfassungstexten, sondern die simple Bereitschaft der Regierung, eine entsprechende Ausstattung der Jugendschutzbehörden zu budgetieren.

Jetzt mal ernsthaft – und sehr wichtig:

Liebe Leserin, Lieber Leser!

An dieser Stelle mal ein Wort in eigener Sache von Ihren/Eurem Blog-Autor: Da mir anderweitige Möglichkeiten, mittels legaler Einkünfte meinen materiellen Lebensunterhalt zu bestreiten, aufgrund von allgemeiner Inkompetenz leider nicht zu Gebot stehen, und ich infolgedessen darauf angewiesen bin, das öffentliche Verbreiten meiner unmaßgeblichen Meinungen zu meinem Beruf zu machen, richte ich heute folgende Bitte an Sie und Euch:

Von der Tätigkeit der Meinungsverbreitung zu leben ist kaum möglich, solange nicht eine kritische Masse von ca. 1 Million Menschen meine Meinungen regelmäßig konsumiert. „Konsumieren“ ist hierbei definiert als das Zurückpritschen beliebiger vegetativer Signale dafür, dass eine von mir verbreitete Meinung das Blut meiner Leserinnen und Leser auf irgendeine beliebige Art und Weise in Wallung versetzt hat. Auf diese postfaktische Beobachtung hin werden nämlich die hochintelligenten berufsmäßigen Vermarkter verschiedenster, unseren Planeten vermüllender, ansonsten jedoch völlig bedeutungsloser spätkapitalistischer Industrieerzeugnisse unfehlbar und umgehend mit dem spontanen Angebot an mich reagieren, auf meiner Website wohldotierte Werbeanzeigen für ihren nutzlosen Kram zu schalten; wovon ich wiederum gut werde leben können – was den erschöpfenden Sinn meiner vorliegenden Ausführungen darstellt.

Ich bitte Sie und Euch daher, im Internet irgendwo und irgendwie massenhaft höchste Begeisterung für meine bloggerischen Meinungsäußerungen zum Ausdruck zu bringen. Sie/Euch kostet diese kleine Gefälligkeit nichts – aber ich werde infolge des dargestellten marktwirtschaftlichen Zusammenhangs dann finanziell endlich mal richtig auf den Putz hauen können. Dafür wird es langsam höchste Zeit, denn ich bin schon Mitte vierzig.

Um die erforderlichen unverkennbaren Anzeichen für hingebungsvollst-followerliche Verehrung meiner erhabenen Meinungen im Internet zu hinterlassen, bitte ich darum, meine Person bei jeder Erwähnung in allen betreffenden Kommentaren immer mit „Seine Allerhöchste Influenz“ zu titulieren. So werden die Marketing-Helden am schnellsten erkennen, wie wichtig ich bin, und mir prima Verträge anbieten.

Vielen Dank für Ihr/Euer Verständnis und Ihre/Eure Mitwirkungsbereitschaft an meinem steigenden Wohlstand!

Mit freundlichen Grüßen, Ihr/Euer Blog-Autor Joachim Elschner-Sedivy

Käpt’n Rackete

„Auf einer organisatorischen Basis, die überwiegend privat ist (lasst es uns mal so ausdrücken), mit einem Schiff aufs Mittelmeer nahe der libyschen Küste rauszufahren, dort auf schiffbrüchige Migranten zu warten, die von Schleppern absichtlich auf seeuntüchtige Boote gesetzt wurden, und die Geretteten dann in einen Hafen zu bringen, dessen zuständige Regierung, nämlich die italienische, genau dies rechtskräftig untersagt hat, und dies alles deshalb zu tun, weil man der Meinung ist, dass derjenige, der Lebensrettung sabotiert, von einer höheren Warte aus eh nichts zu melden hat“ – das ist die aktuelle moralische Problemlage: Darf man das?

Wie kriegt man eine Antwort hierauf so kurz wie möglich?

Die Philosophie streitet über zwei Grundansätze der Ethik. Sie streitet seit Jahrtausenden. Wir dürfen also getrost davon ausgehen, dass es unmöglich ist, jemals zu entscheiden, dass der eine Ansatz dem anderen eindeutig vorzuziehen sei. Der eine Grundansatz, ich schließe mich der simplen Benennung „A-Ethik“ an, stellt die einzelne menschliche Person in den Mittelpunkt der Betrachtung. Weil einzelne Menschen aber im großen Endeffekt nur vergleichsweise wenig beeinflussen und kontrollieren können, geht es bei diesem ersten Grundansatz zentral um Begriffe wie etwa „Gesinnung“, „Gewissen“, „Pflicht“ und „Tugend“. Der andere Grundansatz, die „B-Ethik“, rückt „das große Ganze“ in den Mittelpunkt. Weil „das große Ganze“ aber ein klassischer Kandidat für „Verantwortungsdiffusion“ ist, geht es bei diesem zweiten Grundansatz zentral um den Versuch, irgendwie vernünftig zu bestimmen, wie denn eigentlich das „insgesamt relativ beste Endergebnis“ oder die „relativ befriedigendste pragmatische Lösung“ definiert werden sollte.

Beide Grundansätze haben allerdings auch richtig hässliche Schwachstellen. Die richtig hässliche Schwachstelle der A-Ethik ist, dass sie dem menschlichen Ego besonders gut gefällt und daher eine prägnante Anziehungskraft auf Egozentriker und Narzissten ausübt. „Pure“ A-Ethik trägt auf diese Weise erheblich zu einer fatalen moralischen Überbewertung (im Falle von Narzissten) oder moralischen Überbeanspruchung (im Falle von Nicht-Narzissten) des menschlichen Ichs bei. Die richtig hässliche Schwachstelle der B-Ethik hingegen ist, dass sich hinter den überbreiten Wattepolsterschultern des rhetorischen Wichtigtuer-Jacketts, das sich dem schmächtigen Skelett an wirklich soliden Erkenntnissen darin perfekt anpassen lässt, jeder x-beliebige Gewissensfaulpelz überaus behaglich pseudo-argumentativ in seiner amoralischen Selbstgefälligkeit einnisten kann. Für alle, die diesen Satz jetzt nicht verstanden haben, hier nochmal einfacher: „Pure“ B-Ethik nährt wegen ihrer vertrackten intellektuellen Komplexität nahezu beliebig auch die scheinheiligsten Argumentationen einer bloß vorgetäuschten Moralität. Letzteres ist es, was derzeit bevorzugt Rechtspopulisten mit der B-Ethik anstellen.

Spricht ihr Missbrauch durch Rechtspopulisten gegen die B-Ethik? Nicht stärker, als das Vorkommen von Gutheits-Narzissten gegen die A-Ethik spricht. Gutheits-Narzissten sind genauso verheerend wie Rechtspopulisten, da lohnt sich keine Diskussion darüber, welches der beiden kranken Phänomene mehr oder weniger schlimm ist als das andere.

Einzig denkbare überzeugende pragmatisch-moralische Lösung: Der Sinn des dualistischen Existierens von A-Ethik und B-Ethik ist, dass diese beiden einander ständig gegenseitig zu regulieren haben als ein Gespann von „Agonist und Antagonist“, wie man in der Biologie sagen würde. Die richtige Mischung macht’s. Und diese richtige Mischung muss wahrscheinlich fallweise immer wieder neu bestimmt, kalibriert und justiert werden. Wie ist angesichts dieser letzten Feststellung aber nun wieder ein Einreißen von scheinheiliger Beliebigkeit zu verhindern? Ganz einfach: Immer müssen beide ethischen Grundelemente innerhalb jeder einzelnen moralischen Angelegenheit deutlich erkennbar bleiben – diese simple und doch anspruchsvolle Regel vereitelt, dass sich hier Unmoral hinter Scheinmoral verstecken kann.

Nun tritt noch ein spezifisch Christliches hinzu: Jesus schreibt für seine Anhänger ganz klar fest, dass die A-Ethik immer einen gewissen Vorrang zu genießen hat vor der B-Ethik. Die Beweisführung aus dem Evangelium spare ich mir hier, liefere sie aber jederzeit gerne nach.

Manche Christen scheinen heute dem Irrtum verfallen zu sein, dies bedeute einen Ausschluss der B-Ethik durch Jesus. Diese Auffassung ist absurd. Solche Einseitigkeit könnte niemals funktionieren, und auch Jesus wusste das. Jesus schreibt lediglich fest, dass die B-Ethik für Christen immer nur die Rolle des Korrektivs einzunehmen hat, niemals die Rolle des tonangebenden Elements einer ethischen Argumentation. Als Christen sollen wir immer von der A-Ethik ausgehen und dann mittels der B-Ethik als Kontrollgerät aufmerksam checken, wo wir uns A-Ethik-geleitet vielleicht in ein Übermaß, eine Selbstüberschätzung, einen Fanatismus verrennen.

Wie sieht also nun die Sache mit Käpt’n Rackete aus dieser echt christlichen Perspektive betrachtet aus?

Erstens: Vorwurf, den libyschen Schlepperbanden „in die Hände zu spielen, weil in deren Opfern die verzweifelte Hoffnung zusätzlich genährt wird, dass ja sowieso ein Rettungsschiff da draußen knapp hinterm Horizont auf sie wartet“: Ziemlich komplexe und dabei auch noch vergleichsweise recht abstrakte Argumentation, zusammengesetzt aus vielen gründlich differenzierungs- und klärungsbedürftigen Einzelprämissen – so etwas akzeptiert die jesuanische Ethik nicht. Abgehakt, mit diesem Einwand brauchen sich die Seenotretter als Christen nicht herumzuschlagen.

Zweitens: Vorwurf, so etwas nicht machen zu dürfen, wenn nicht von vornherein ein verlässlicher Zielhafen für die zu Rettenden feststeht: Hierbei kommt es wesentlich auf die innerliche Einstellung der Handelnden an. Bei jeder gefährlichen Handlung, bei der das Risiko fürs eigene Überleben im Vorfeld einigermaßen vernünftig auf geringer als fünfzig Prozent veranschlagt werden durfte, kann ein am Ende eventuell doch eintretender fataler Ausgang aus christlicher Sicht potenziell auch als Martyrium eingestuft werden, sofern die bewusste geistige Haltung der Handelnden dieser Auffassung tatsächlich entsprochen hat. Nur Suizid ist im Christentum verboten, und Suizid ist hier zu definieren als eine von vornherein offensichtliche Lebensgefahr von mehr als fünfzig Prozent. Der letztere Fall liegt bei den mutigen Seenotrettern im Mittelmeer nicht vor.

Bleibt als dritte und letzte kritische Frage nur die, was mit dem Versuch ist, mit dem eigenen einzelmenschlichen (oder kleingrüpplichen) Handeln bestimmte politische Konsequenzen zu erzwingen. Denn darum geht es ja offensichtlich, wenn staatliche Vorgaben hinsichtlich des Anlaufen eines Hafens ostentativ ignoriert werden. Auch das kann unter bestimmten Umständen aus christlicher Sicht gerechtfertigt sein. Jesus hat uns nicht gelehrt, dass staatliche Strukturen als solche immer recht haben. Ob entsprechende außerordentliche politische Umstände in diesem Fall tatsächlich vorliegen, ist allerdings eine überaus diskussionswürdige Frage. Als absoluter Normalfall sollte die derzeitige rechtspopulistische italienische Regierung immerhin hoffentlich nicht zu bezeichnen sein. Aber wenn eine etwaige behauptete Christlichkeit der Gesinnung hinter einer „Piraterie der Humanität“ wirklich echt ist, dann gehört zu ihr auch die Bereitschaft, in aller Konsequenz für das eigene Handeln und dessen beabsichtigte moralpolitische Signalwirkung in ein italienisches Gefängnis zu gehen – notfalls auch für zwanzig Jahre -, und letztlich nicht allzu sehr auf die strafverkürzende Schützenhilfe einer internationalen volkszornigen Basisbewegung zu spekulieren. Da wären wir wieder beim Stichwort Martyrium.

Im Sinne einer echt christlichen Korrektur der A-Ehtik durch die B-Ethik wäre es freilich moralisch ebenso völlig legitim gewesen, den Moment, in dem eine formell einigermaßen ordnungsgemäß vom Volk gewählte Regierung die ihr unterstehenden Häfen verschließt, welches die Häfen sind, die man für die eigene Mission benötigt, als den Moment zu erkennen, in dem die B-Ethik ihre Korrekturfunktion tatsächlich fühlbar geltend macht, und daher eine Seenotrettungsmission im Mittelmeer einstweilen einzustellen. Wie jeder andere Mensch, so muss auch jeder Christ selbst und letztlich allein entscheiden, ab welcher Windstärke er dem Sturm den Rücken kehrt.

Letztenendes befürworte ich für Christen das Konzept „Berufungsethik (Ethics of Calling)“, die als „C-Ethik“ ein zusätzliches Korrektiv neben der B-Ethik bilden sollte. Derjenige, der nicht schon als Kind sich dafür zu interessieren begann, Boote zu rudern und zu segeln, wird später auch mit erheblich geringerer Wahrscheinlichkeit Kapitän eines Rettungsschiffs im Mittelmeer werden. Unsere individuellen Lebenswege führen uns schlüssig an individuelle Erfüllungsziele. Wir sollten uns von ihnen bewusst und reflektiert führen lassen. Das geht so weit, dass man sagen kann: Was für den Einen bloßer Suizid wäre, kann beim Anderen ein echtes Martyrium darstellen. Diese Erkenntnis sollte uns generell zurückhaltender machen im Herausposaunen moralischer Urteile.

Ich mag kein zusammenfassendes Urteil aussprechen, aber ich hoffe ich konnte aufzeigen, worin die Kriterien für unser christliches Urteil über diese Vorgänge zu bestehen haben – und diese Kriterien sind meines Erachtens durchaus eindeutig genug.

  • Veröffentlicht in: Ethik

Fleischhauers Double Bind

Jan Fleischhauer schreibt gestern in seiner Kolumne auf „SPIEGEL Online“: Menschen mit Migrationshintergrund, die uns in Abrede stellen, auf ihr unmittelbar fremdländisches Aussehen mit einer Frage nach ihrer Herkunft reagieren zu dürfen, machten uns damit „wahnsinnig“ und trügen so selbst zur wachsenden Ablehnung von „Ausländern“ bei. Wie meistens bei Fleischhauer ist der unmittelbaren These an sich zuzustimmen – und die eigentliche kritische Nachfrage muss lauten, welche subtileren Folgerungen daraus er damit lancieren möchte? Er verweist für seine These auf Gregory Bateson. Ich glaube, das verrät eine Menge, denn Fleischhauer selbst ist meiner Meinung nach ein Meister der politisch gezielt eingesetzten „Double-Bind“-Kommunikation.

Zur Werkzeugleiste springen