Ist unsere Corona-Weisheit nach bald neun Monaten geburtsreif?

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Auswirkungen der COVID-Pandemie wurden bereits verschiedene Dynamiken beschrieben, mittels deren das epochale Ereignis auf kultureller Ebene gravierend Einfluss nimmt. Der folgende Mechanismus scheint mir dabei jedoch immer noch verkannt zu werden. Zu den „Vorzügen“ einschneidender Ereignisse gehört, dass sie, indem sie sozusagen die voreingestellte Amplitude verändern, mit der wir Ereignisse wahrnehmen, viele Vorgänge, die uns zuvor beschäftigt hatten, aus unserer Wahrnehmung verschwinden lassen, und zwar auf eine Weise, die allgemein als legitim empfunden wird. Eine derartige „Tabula rasa“ stellt eine große psychomentale Erleichterung dar – insbesondere, wenn in den dem kapitalen Ereignis vorausgegangenen Jahren die Unübersichtlichkeit einer Vielzahl gesellschaftlich diskutierter niederschwelligerer Geistes-Reize ein unbewältigbares Ausmaß angenommen hatte. Auch dieser Zusammenhang gehört mit zu den Zwecken, denen geschichtlich bisweilen die Provokation von kriegerischen Auseinandersetzungen dienen mag. Die geläufige Einschätzung, Kriege würden häufig deshalb heraufbeschworen, weil Gesellschaften zwecks Identitätsfindung Feindbilder benötigen, stellt im Grunde nur einen Sonderfall des eben geschilderten allgemeineren Mechanismus dar. Als ihren größten Feind empfinden viele Menschen die Unübersichtlichkeit der Dinge. Kriege anzuzetteln ist aber im Grunde ein sehr unökonomischer Weg, Übersichtlichkeit herzustellen. In der Mehrheit der Fälle genügt es zwecks Übersichtlichkeitsgewinn, dass Debatten einfach nicht mehr stattfinden. Kriegserklärungen werden genau besehen immer nur dann von legitimitäts-labilen Regimen zu diesem Zweck eingesetzt, wenn unliebsame gesellschaftsinterne Debatten sich mit weniger gewaltsamen Mitteln nicht mehr ausschalten lassen. Das Problem an der Situation Deutschlands im Jahr 2019 bestand nicht in bestimmten einzelnen großen gesellschaftlichen Kontroversen, sondern in einer verwirrenden Vielfalt hinsichtlich ihrer langfristigen Relevanz schwer einschätzbarer, meines Erachtens jedoch zumeist zweitrangiger Themen, die die öffentlichen Kommunikationskapazitäten übermäßig strapazierten. Das ist jedenfalls meine Ansicht. Ich bin übrigens keineswegs der Auffassung, dass die COVID-Problematik nicht existiert oder auch nur überschätzt wird. Dennoch ist es verblüffend zu beobachten, mit welcher „Dankbarkeit“ und in welch weitgehendem Maße COVID derzeit (ich schreibe das im Herbst 2020) zum Anlass genommen wird, zuvor die Medien dominierende gesellschaftliche Kontroversthemen auszublenden. Ich halte dieses Phänomen für zutiefst in der menschlichen Natur verankert. Allerdings ist diese Art und Weise, mit Herausforderungen umzugehen, in keinem Fall als fortschrittsdienlich anzusehen; sie ist atavistisch und muss überwunden werden, wenn die Menschheit sich weiterentwickeln soll. Ich bin freilich überzeugt, dass zum Erwerb entsprechender geistig-seelisch-sozialer Fähigkeiten nicht so sehr intellektuelle als vielmehr spirituelle Schulung unabdingbar erforderlich ist.

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